Am 1. und 2. Oktober 2008 hielt das MPIfG Köln erstmals seinen Institutstag ab, eine Veranstaltung für Mitarbeiter, Ehemalige, Freunde und Förderer, die Raum für Reflexion bietet. Die Direktoren stellen ihre laufende Arbeit der Diskussion und Kritik durch Kommentatoren, und das Institut reflektiert seine Marschrichtung. Da es sich um eine Veranstaltung in einem geschützten Raum handelt, berichte ich hier v.a. mit Bezug auf bereits veröffentlichte Schriften. Zum Schluss beantworte ich drei Fragen, die mir in Reaktion von Forschern auf sozlog häufiger begegnet sind: 1.Was ist blogbar? 2. Ist Bloggen zum Schaden in Rankingbewertungen? 3. Ist Wissenschafts-PR noch zeitgemäß? Weiterlesen →
Institutstag MPIfG - ein nicht-rankingtauglicher Eintrag und drei Fragen zum Wissenschaftsbloggen
Oktober 4, 2008 · Keine Kommentare
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Symposion on Relational Sociology
September 29, 2008 · 2 Kommentare
Last week I was lucky to attend the symposion on relational sociology at Berlin’s Humboldt University. I had encountered network theory and empirical network analysis earlier, e.g. in Manuel Castells’ Network society, Mark Granovetter’s famous essay on the strengths of weak ties and Ronald Burt’s brokerage and closure, and I see empirical network approaches as an increasingly important paradigm in German sociology. But this symposion was the first time I encountered Relational Sociology around Harrison White’s approach. So I took the opportunity to watch the symposion. The program was interesting since one could watch new transatlantic relations being established to other theory traditions by relating networks to functional sytems, to boundaries, to culture, to structure, to knowledge organization online with the example of Wikipedia, to aesthetic markets, to stories, to quality conventions, to social inequality and to the emergence of “Big structures” from basic relationships such as friendships and alliances. Through the presentations, White’s approach was confronted with various cases: social movement publics, disciplines in science, knowledge organizations and the emergence of order in Wikipedia, empirical aesthetic markets, network relations in news stories in the German Print media, to social inequality as a consequence of the interplay of network structure and cultural patterns, and to the emergence of “Big Structures” such as power. The conceptual contributions and empirical cases presented were chosen, examined and presented rather to affirm than to challenge Harrison White’s apporach. The symposion might have profited from contributions challenging the paradigm: Relational sociology as a new transatlantic school of thought was coming together - particularly from White’s contribution in network theory and German systems theory - yet leaving open space for challenges in theory and empirical studies within the network and other schools of thought at later occasions. Weiterlesen →
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Herbst
September 23, 2008 · Keine Kommentare
Man kommt nicht drumherum, es wird Herbst. Morgen fahre ich nach Berlin und besuche das Symposium “Relational Sociology: Transatlantic Impulses for the Social Sciences“. Am 01. und 02. Oktober findet am MPIfG Köln der Institutstag zum Thema “Sozialwissenschaft als Reformtheorie: Vergangenheit oder Zukunft?” statt, den ich ebenfalls besuche, und am 06. Oktober startet der neue Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Jena zum Thema “Unsichere Zeiten“.
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Tagung: Das Internet zwischen egalitärer Teilhabe und ökonomischer Vermachtung
September 10, 2008 · 1 Kommentar
Diese Tagungsankündigung erreichte mich von Sophie Mützel von der DGS-Sektion Wirtschaftssoziologie:
Das Internet zwischen egalitärer Teilhabe und ökonomischer Vermachtung
Die Tagung findet am 24. und 25 Oktober am Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Universität Gießen statt: Margarate-Bieber-Saal, Ludwigstr. 34, Gießen. Schriftliche Anmeldung erforderlich bei Prof. Dr. Thomas Groß, Universität Gießen, Licherstr. 64, 35394 Gießen.
Zitat aus dem Tagungsflyer:
“Seit einer Konferenz im Herbst 2004 wird der Begriff “Web 2.0″ verwendet, um neue Nutzungsmöglichkeiten des Internets zu beschreiben, die sich weniger durch grundlegend andere Techniken als vielmehr durch dezentrale Anwendungen auszeichnen, die den “user generated content” in den Mittelpunkt stellen. Jeder Nutzer des Netzes wird gleichzeitig als potenzieller Produzent von Inhalten angesehen. Bekannte Beispiele sind Weblogs, Wikis oder Tauschbörsen. Damit denfernt sich das weltweite Netz noch weiter von den klassischen Massenmedien als es ohnehin seiner technischen Struktur angelegt ist. Der Begriff “Web 2.0″ ist aber unscharf und verdeckt, dass auch diese neuen Formen der Generierung und Verbreitung von Inhalten in soziale, ökonomische und juristische Strukturen eingebunden sind, die dem Ideal der egalitären Teilhabe aller Nutzer Grenzen setzen. “
Update: Das ZMI Giessen bietet auch ein Weblog zur Tagung an. Zum Tagungsblog
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Biedermann und die Brandstifter revisited. Strukturwandel sozialer Solidarität und Grenzüberschreitungen
September 9, 2008 · 5 Kommentare
Wohlfahrtssysteme beruhen auf Solidarität und gemeinsam geteilten Gerechtigkeitsstandards. Klar wandeln sich soziale Sicherungssysteme im Zeitablauf von Jahrzehnten, unter dem Einfluss internationaler Wirtschaftsverflechtung und dem Druck eines global opierierenden Finanzmarktkapitalismus. Logischerweise kommt es da zu Verteilungskonflikten, besonders in Wahlkampfzeiten. Doch wenn die Lunte mal so richtig brennt, schießt rasch mal der eine oder die andere über’s Ziel hinaus und verlässt Wertstandards, also Errungenschaften der Moderne, die man nicht unbedacht in den Ausguss kippt. Wie im letzten Beitrag “Hartz IV - Überhitzte Mediendebatte und Wohlfahrtswirklichkeit” beobachte ich das in der aktuellen Diskussion um Hartz IV, dem hässlichen Getöse zum Wahlkampfauftakt. Till Westermayer hat mich auf einen Aufsatz von Prof. Dr. Friedrich Thießen und Dipl.-Kfm. Christian Fischer mit dem Titel “Die Höhe der sozialen Mindestsicherung Eine Neuberechnung „bottom up“” (Abstract) aufmerksam gemacht, erschienen in Heft 2, 2008 der “Zeitschrift für Wirtschaftspolitik“. Dieser Aufsatz kann als betriebswirtschaftliche Legitimation einer Reduzierung der Hartz-IV-Regeläsätze von derzeit € 347 auf € 132 verstanden werden und ist dergestalt auch von der taz, dem SPIEGEL und dem Innovationsreport kommuziert und inzwischen sogar mit einer scharfen Reaktion von Angela Merkel in der WELT beantwortet worden. [Weitere Berichte: Reuters, Telepolis, WELT1, WELT2, FAZ, RP Online, SZ1; SZ2; WAZ, Augsburger Allgemeine; Express, Berliner Kurier, Informationsdienst Wissenschaft].
Gerechtigkeitsfundamentals und Hartz IV
Der Hartzgesetzgebung ging ein sozialpolitischer Diskurs voraus, in dem vier Gerechtigkeitsstandards besonderes Gewicht haben. Ich orientiere mich hier an Lutz Leiserings Aufsatz “Paradigmen sozialer Gerechtigkeit. Normative Diskurse zum Umbau des Sozialstaats” (In: Liebig/Lengfeld/Mau, 2004, S. 29-68). (1) Bedarfsgerechtigkeit (”Wer bedürftig ist, dem soll geholfen werden”). Der Bedarf bemisst sich an sozialer Zuschreibung, die nach staatlich festgelegten Bedarfen festgelegt werden sollen. (2) Leistungsgerechtigkeit (”Wer hart arbeitet und mehr verdient, soll besser leben, Leistung soll sich lohnen”). (3) Produktivistische Gerechtigkeit (”Hohe Produktivität und wirtschaftliche Leistungskraft ist ein Kollektivgut”) bedeutet, dass ein gewisses Maß an Ungleichheit, etwa Ungleichheit am Markt, gerecht ist, wenn sie zur Wohlfahrt aller beiträgt. Ein funktionalistisches Argument. (4) Teilhabegerechtigkeit (”An Wohlstand und Wachstum sollen alle teilhaben.”) bedeutet, dass alle sozialen Gruppen, auch Benachteiligte und Ausgegrenzte, Teilhabeansprüche geltend machen können. Soziologen nennen das Inklusion. Den Gerechtigkeitsstandards liegen allgemeine Wertmaßstäbe zugrunde: Der Wertstandard der Bedarfsgerechtigkeit ist die Menschenwürde. Ihr Adressat ist der Arme, dem es zu helfen gilt. Referenzsystem der Bedarfsgerechtigkeit ist der Sozialstaat. Der Wertstandard der Leistungsgechtigkeit ist die Leistung. Traditionell bezieht sich Leistung auf Markterfolg und einen sozial anerkannten Verdienst, der monetär vergütet wird. In den letzten Jahren wird der Begriff jedoch enger als “individuelle reproduktive Leistung” verwendet. Ihre Adressaten sind gesellschaftliche Eliten, oder allgemeiner: Erwerbstätige. Referenzsystem der Leistungsgerechtigkeit sind Märkte und Sozialversicherungen. Der Wertmaßstab der produktivistischen Gerechtigkeit das Gesamtwohl. Ihr Adressat ist die Gesamtbevölkerung, deren Wohlstand es zu maximieren gilt. Der Wertmaßstab der Teilhabegerechtigkeit beinhaltet die Forderung nach Teilhabe aller Personen und Gruppen an diesem Wohlstand - kein Individuum, keine Gruppe darf vom Wohlstand ausgeschlossen werden. Die Adressaten der Teilhabegerechtigkeit sind Familien, Frauen, Benachteiligte, Ausgegrenzte. Das Referenzsystem ist die gesellschaftliche Gemeinschaft. Die Sozialstaatsmodelle sind unterschiedlich auf die Gerechtigkeitsstandards bezogen: Im “versorgenden Sozialstaat” wird ein Wertkompromiss zwischen Bedarfsgerechtigkeit einerseits und Leistungsgerechtigkeit andererseits angestrebt. Umverteilung gilt als legitim. Der “residuale Wohlfahrtsstaat” betont Leistungsgerechtigkeit. Hier ist jedem anzuraten, sich gut zu versichern und selbst für Alter und Krankheit vorzusorgen. Mit dem Produktionsmodell der Gerechtigkeit korrespondiert ein “negativ-aktivierender Sozialstaat” in Kombination mit einem residualen Wohlfahrtsstaat. Wer Transferleistungen erhält, soll leiden, damit Anreize für wirtschaftliche Beteiligung bestehen. Teilhabegerechtigkeit schließlich findet ihr Pendant in einem aktiv-aktivierenden Staat, der der Empfängern von Transferleistungen durch unterstützende Dienste und Transfers positive Anreize für Investitionen in ihre Erwerbsfähigkeit setzt statt nur Anreize, Kontrollen und Repression zu wirken wie der negativ-aktivierende Sozialstaat. Der “sozialinvestive Staat” zielt darauf ab, durch weitsichtige Familien- und Bildungspolitik das “Humankapital” von morgen zu schaffen und für den internationalen Wettbewerb in Position zu bringen: breite Erwerbsbeteiligung auf hohem Niveau als Resultat guter beruflicher Qualifikationen sind die Brücke für den Wohlstand von morgen. Der “regulierende Sozialstaat” entfernt sich am weitesten vom Sozialstaat, der umverteilt. Er beschränkt sich auf eine Kontextsteuerung für die nicht-staatliche Wohlfahrtsproduktion, d.h. er gewährleistet private Vorsorgemärkte (z.B. Markt für private Versicherungen). Der Einzelne soll “riestern” und privat vorsorgen, um bei Alter und Krankheit nicht auf der Strecke zu bleiben.
Hartz weist Wertbezüge zu allen vier Gerechtigkeitsstandards auf. Auch beinhaltet Hartz Elemente aller vier Gerechtigkeitsstandards. Doch die Verschiebung der Gewichte ist offenkundig: Mit dem Regelsatz von € 347 ist die Bedarfsgerechtigkeit deutlich zurück geschraubt worden. Leistungsgerechtigkeit hat eine erhebliche Aufwertung erfahren, zumindest für Normalverdiener in Vollbeschäftigung. Für Hartz IV Bezieher gelten Freibeträge für selbst verdientes Geld. Was darüber hinaus geht, wird einbehalten. Der negativ-aktivierende Staat schlägt sich in der Programmatik der “Reaktivierung” und Sanktionen für nicht wünschenswertes Verhalten der Empfänger von Transferleistungen nieder. Produktivisitische Gerechtigkeit wird stärker betont, ja sogar als Job-Wunderwaffe (Niedriglohnsektor) und Allheilmittel gegen massenhafte Erwerbslosigkeit gepriesen. Kritischer Punkt bleibt die Teilhabegerechtigkeit, weil ohne Familie, Kinder, Bildung, Umwelt etc. heute ein Wohlstand von morgen logischerweise nicht realisierbar ist. Außerdem sind soziale Partizipation und Investition in “Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit” zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Immerhin definiert ja aktivierende Arbeitsmarktpolitik den Empfänger der Transferleistungen zum Ich-Unternehmer der individuellen Arbeitsfähigkeit. Wir stellen also fest, dass sich soziale Mindestsicherung nach der Hartzgesetzgebung bereits in deutlicher Entfernung zum redistributiven Sozialstaat befindet.
Kritik einer wirtschaftspolitischen Studie
Prof. Dr. Friedrich Thießen und Dipl.-Kfm. Christian Fischer von der TU Chemnitz nehmen die in der Bevölkerung verbreitete Kritik am Regelsatz von Hartz IV zum Anlass für eine Neuberechnung des Basisbedarfs für eine soziale Mindestsicherung. Als Grundlage für ihre Berechnung stellen sie einen eigenen Warenkorb zusammen, der, so die Autoren, die “Teilhabe an üblichen Alltagsvollzügen” gewährleisten soll. Als Wertlegitimation für ihren Warenkorb und für ihre Berechnungen beziehen sich Thießen und Fischer auf die Zielsetzungen der Sozialgesetzgebung, dem Menschen ein Leben in Würde zu emöglichen und “Hilfsbedürftigen die Befähigung zu vermitteln, wieder aus eigener Kraft und damit unabhängig von Sozialhilfe leben zu können“. (S. 6; 8).
Im Folgenden werde ich die den Autoren eingeführten Prämissen und Schlussfolgerungen ohne Blick auf die nachträglich dem Aufsatz voran gestellte Präambel diskutieren, da unterstellt werden darf, dass den Autoren bewusst war, welche Konsequenzen sie vorschlagen, wenn sie in ihrem Punkt Schlussfolgerungen schreiben, dass man den “mit der sozialen Mindestsicherung verfolgten Zielkanon zu überdenken” (S. 31) publiziert haben und erwartet werden darf, dass sie sich den folgenden Kritikpunkten stellen:
- Ausgangspunkt ist der ökonomisch rational handelnde Akteur. Damit ist gemeint, dass der Verbraucher das jeweils günstigste Produkt verwendet. Weiter wird die Annahme zugrunde gelegt, dass der Verbraucher keine Ressourcen vergeudet, also keine Lebensmittel wegwirft etc. Vom Modell des Homo Oeconomicus ohne Informations- und Wegekosten auszugehen, das in der Ökonomie längst etablierte Argument der begrenzt rationalen Entscheidung zu ignorieren und nicht einfach vom vom empirisch gemessenen ökonomischen Handeln normaler Menschen auszugehen, ist realitätsfern und in höchstem Maß kritikwürdig.
- Zweitens legen Thießen und Fischer die Preise der jeweils billigsten Anbieter zugrunde und nahmen ihre Preisermittlung an wenigen, nur punktuell ausgewählten Geschäften in Chemnitz vor. Nicht nur sind die Preise in Hamburg, München, Stuttgart, Düsseldorf, Köln oder Freiburg erheblich höher als in Chemnitz. Selbst bei Zugrundelegung der jeweils günstigsten Anbieter in Chemnitz haben die Verfasser die Beschaffungslogistik, zeit- und entfernungsabhängiger Optimierung und deren Kosten außer Acht gelassen, z.B. ständige Marktbeobachtung per Internet und sonstige Publikationsüberwachung in Print, Rundfunk und Fernsehen. Ebenso werden Transportkosten der Ware, und sei es mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ignoriert. Die Verfasser gehen wohl davon aus, dass die erwähnten Einzelhändler Aldi, Kaufhof, Kaufland etc. alle in 600-800 Metern Entfernung liegen. Dies entspräche einer nicht unerheblichen Lagerente, die bei Dorf- oder Stadtrandbewohnern in Anrechnung gebracht werden müsste. Auch die höheren Transportkosten für ältere Mitbürger, denen erheblichen körperlichen Belastungen nicht zugemutet werden können, bleiben unberücksichtigt. Es zeigt sich somit, dass die Studie nur einen Teil der kostenrelevanten Faktoren berücksichtigt. Daher ist sie irreführend und im Ergebnis falsch.
- Drittens erfolgte Preisermittlung in der Stadt Chemnitz zwischen dem 11. und 15. Mai 2006. Durch diese Beschränkung auf nur einen einzigen Erhebungszeitpunkt ignorieren die Autoren den Tatbestand der Inflation. Nach Destatis-Informationen erreichte die Inflation aber im Sommer 2008 einen 15-Jahres-Höchststand (3,3 Prozent). Konsumenten im unteren Bevölkerungssegment sind in besonderem Maß von Gütern abhängig, die einer besonders starken Inflation unterliegen: Die Preise für Nahrungsmittel sind im vergangenen Jahr um 5,9 Prozent gestiegen, Mieten, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe um 4,9 Prozent, Verkehr um 6,9 Prozent, Bildungswesen um 26,9 Prozent (Destatis; auf den mit Bildung eng zusammenhängenden Punkt Arbeitsfähigkeit wird später noch einzugehen sein). Deshalb sind Bürger im unteren Drittel des verfügbaren Monatseinkommens mindestens doppelt so stark von Inflation betroffen wie das arithmetische Mittel. Tolle Ökonomen, die einen Preisindex errechnen, bei dem Inflation unberücksichtigt bleibt.
- Viertens gehen Thießen und Fischer vom Fallbeispiel eines gesunden deutschen Mannes mit deutschen Verbrauchsgewohnheiten aus. Der Beispielmann ist im mittleren Alter (18-65 Jahre), wiegt 70 Kilo, hat keine Behinderung und sonstige gesundheitliche Einschränkung, benötigt also auch keine Medikamente. Zudem lebt er in einem 1 Personen-Haushalt, ist unverheiratet und kinderlos. Folglich entfallen Kosten für Ehe und Partnerschaft, Familie und Kinder. Ebensowenig soll den Empfängern von Transferleistungen die Pflege von Hobbies Interessen, sozialen Kontakte oder Ernährungsvorlieben ermöglicht werden. Nun sind Ehe und Familie durch das Grundgesetz besonders geschützt und werden in der Sozialgesetzgebung berücksichtigt. Tatsächlich ist der einzelne Verbraucher nicht bindungsarm; und aus seinen vielfältigen soziale Bindungen ergeben sich sehr spezifische individuelle Bedarfe. Mit dem Untersuchungsdesign des isolierten, atomisierten Beispielmanns verabschieden sich die Verfasser von den Vorgaben auch der Hartzgesetzgebung. Speziell Ehe und Ehe und Familie sind als Institutionen im Grundgesetz (Art 6 GG) verankert und geschützt. An der Bedeutung des Sozialen kommt man eben nicht vorbei.
- Fünftens greifen die Autoren bei der Zusammenstellung ihres Warenkorbs auf selbst definiertes Set von Zielen (verwiesen wird auf ein unveröffentlichtes Manuskript des Ko-Autors Fischer) zurück. Dieses Zielset geht von einer Obergrenze und von einer Untergrenze der Verbrauchsmengen aus. Die Obergrenze orientiert sich an den Verbrauchsmengen nicht sozialhilfeabhängiger Bürger (wie haben sie die festgestellt?), die Untergrenze soll nicht mehr sichern als das physische Überleben. Die von Thießen und Fischer getroffene Auswahl ist willkürlich. Der mit der Unterscheidung von Ober- und Untergrenze zum Ausdruck gebrachte Anspruch der Autoren, zu definieren, welche Güter und Dienste ein Empfänger von Transferleistungen legitimerweise wünschen darf, ist anmaßend. Zudem begeben sich die Autoren in offenen Widerspruch zur Sozialgesetzgebung nach Hartz IV, die explizit mehr beinhaltet als bloße Überlebenssicherung.
- Dem Beispielmann sollen dem Mindestbedarf folgend 9 kg Brot, 9 kg Kartoffeln, 10 kg Obst, 10 kg Gemüse, 7,5 l Milch, 1,8 kg Käse, 1,6 kg Fleisch, 1,8 kg Wurst, 1,3 kg Fisch und 1,2 kg Fett pro Monat zugestanden werden, jedoch keine Gewürze, keine Süßigkeiten, kein Kaffee. Eine ausgewogene Ernährung, die langfristig gesund erhält und bis zu einem gewissen Grade auch Genuss beinhaltet, ist nicht vorgesehen. Es folgen Postulate darüber, welches Mobiliar, Körperpflege, Bekeidung, Verkehrsmittel und Kommunikation dem Sozialhilfeempfänger zugestanden werden sollen. Die Stadtbibliothek soll das kostenlose Internet mitliefern. Ein eigener Telefonanschluss, Fernsehen mit Kabelanschluss, geschweige denn ein Mobiltelefon sind nicht vorgesehen. An Briefpapier und Briefmarken ist wohl nicht gedacht worden. Eine Kategorie Arbeitsmittel suchen wir vergeblich. Nicht einmal Stifte kommen in der Auflistung vor. Auch hier stehen die Verfasser im Widerpruch zu den Vorgaben der Hartzgesetzgebung, da der Arbeitsuchende als Ich-Unternehmer der eigenen Arbeitsfähigkeit gehalten ist, in seine Erwerbsfähigkeit zu investieren. Kommunikationsmittel sind Arbeitsmittel. Bildung ist eine Investition in die eigene Erwerbsfähigkeit. Die Informations-, Wissens-, Medien- und Kommunikationsgesellschaft und ihre Relevanz für die Erwerbsfähigkeit scheint spurlos an Thießen und Fischer vorbei gegangen zu sein. Und an der Verpflichtung der Bezieher von Transferleistungen auf Initiative zur Beteiligung am Erwerbsleben und überhaupt an ihrer Arbeitsfähigkeit zeigen sich die Autoren uninteressiert.
- [Update 11.09.08 - Ergänzung] Budgetdisziplin: Nehmen wir an, Mütterchen Mü, das weibliche Pendant zum Beispielmann mit geschätztem Gewicht von 42 Kilo, hat einen Sack Kartoffeln gekauft. 24 Stunden nach dem Erwerb ist der Kartoffelpreis um 50 Prozent gefallen. Nun kann sie aber gar nicht die günstigen Kartoffeln kaufen, weil sie ja ihr Budget für bereits für die teureren Kartoffeln verwendet hat, und mehr gibt ihr Budget nicht her. *Unsicherheit auf Märkten!!*
- Grundkenntnisse der soziologische Gerechtigkeitsforschung sind ausreichend, um den Nachweis zu führen, dass die von Thießen und Fischer unterbreiteten Vorschläge Leistungsgereichtigkeit und produktivistische Gerechtigkeit absolut setzen und ein neues Minimum für Bedarfs- und Teilhabegerechtigkeit zu definieren versuchen. Damit wäre der Aufsatz ja “nur” freche eine Absage an den sozialen Frieden. Da die Gerechtigkeitsstandards Interdependenzen aufweisen, würden sich Thießen und Fischer schon damit in ihrer Argumenation verstricken.
- Gravierender ist jedoch, dass die Verfasser selbst den Begriff der Würde strapazieren, der durch das Grundgesetz als unverletzliches und unveräußerliches Recht des Individuums geschützt ist (Art 1, GG). Daraus folgen die weiteren Grundrechte: das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung, Leben und körperliche Unversehrtheit (Art 2, GG), Glaubens- und Meinungs- und Informationsfreiheit (Art 4, 5, GG), Versammlungsfreiheit und Freizügigkeit im gesamten Bundesgebiet (Art 8, 11, GG), Vereinigungsfreiheit (Art 9 GG), freie Wahl von Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte (Art 12, GG), Wohnung, Eigentum und Erbe (Art 13 und 14). Die von Thießen und Fischer unterbreiteten Vorschläge laufen auf eine de facto Einschränkung der Grundrechte hinaus, und mit der Unterscheidung von Ober- und Untergrenze der Verbrauchsmengen machen sie dies explizit. Zwei Beispiele: Entfallen Gaststättenbesuche, haben sich fast alle Mitgliedschaften in Vereinen, Parteien und NGOs erledigt, da sich viele Vereine ihre Mitgliedsversammlungen in Gaststätten abhalten und Gastwirte normalerweise nicht tolerieren, dass Gäste keine oder mitgebrachte Getränke und Nahrungsmittel verzehren - eine de facto Einschränkung der Versammlungsfreiheit. Eine Bewerbung setzt Internetnetrecherche zum Auffinden von Stelleninseraten voraus - da möchte sich der Empfänger von Transferleistungen bitte in der öffentlichen Bibliothek mit etwa 5,3 Millionen anderen Menschen im erwerbsfähigen Alter anstellen und seine Bewerbung ohne Arbeitsmittel versuchen! Nie zuvor bin ich auf einen Aufsatz gestoßen, der Wissenschaftlichkeit für sich beansprucht und sich so offen gegen Recht und Gesetz und die sie tragenden Werte und Institutionen stellt.
Nach Destatis-Informationen lebten Ende des Jahres 2006 circa 8,3 Millionen Menschen (10,1 Prozent der Bevölkerung) von einer sozialen Mindestsicherung. Dazu gehören Sozialhilfe nach SGB II, Grundsicherung für Arbeitsuchende nach SGB II, Asylbewerberleistungen und Kriegsopferfürsorge. 7,6 Millionen Menschen bezogen Arbeislosenhilfe und Grundsicherung (Hartz IV). Für den Jahresverlauf 2006 weist die Statistik eine Belastung der Sozialsysteme mit € 45,6 Milliarden aus (FAZ, Destatis). Weiter bleibt der Hinweis auf die BA und ARGEn, die ein beachtliches Repertoire an Sanktionen bereit halten, etwa wenn Bezieher der Sozialleistungen ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen oder den Erwartungen im Hinblick auf das Bemühen um Erwerbsbeteiligung nicht entsprechen: Einstellung der Zahlung nach Kontopfändung, Zwangsumzüge bei zu hohen Wohnkosten, Kürzung oder Einbehaltung der Transferleistungen, Bestrafung bei Missbrauch. Auf die mit Armut einhergehende Problematik der Verschuldung wird in der Hartz IV Praxis keine Rücksicht genommen, obgleich den Menschen nur selten ein “Management” ihres individuellen sozialen Abstiegs ohne Verschuldung gelingt. Kein Wunder, dass die Menschen auch bei einem Regelsatz von € 347 bei den Sozialgerichten massenhaft gegen die von BA und ARGEn ausgeübte Praxis klagen. Die Kosten für die anschwellende Flut der Verfahren bei den Sozialgerichten (Sozialrichter, Verwaltung, Prozesskostenbeihilfe) taucht in der Statistik für die Kosten des Sozialsystem nicht auf, da Destatis diese Kosten unter “Rechtspflege” abhandelt. Sie müssten als Folgekosten in die Rechnung mit einbezogen werden. Dann träte offen zutage, dass eine von den Betroffenen als vielfach illegitim empfundene und in vielen Einzelfällen illegale Praxis der BA und der ARGEn im Zusammenhang mit Hartz IV sehr viel teurer ist als in der öffentlichen Diskussion dargestellt wird.
UPDATE 09.09.08: Gerade merke ich, dass der Artikel, den ich am 06.09.08 vom Server der TU Chemnitz abgerufen habe, von dieser Stelle entfernt worden ist. Der Google-Cache findet den Aufsatz noch hier. Seit heute ist diese Stellungnahme des Dekans online.
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Hartz IV - Überhitzte Mediendebatte und Wohlfahrtswirklichkeit
September 4, 2008 · 7 Kommentare
In seiner Reihe “Ratgeber & Magazine” strahlt SAT 1 eine Doku-Reihe mit dem Titel “Gnadenlos gerecht - Sozialfahnder ermitteln” aus. Darin spüren Mitarbeiter einer ARGE Verdachtsfällen von Sozialbetrug nach. Demnächst wird die Serie abgesetzt. In einer Erklärung teilt Landrat Peter Walter vom Landkreis Offenbach mit, es werde keine weiteren Reportagen mit dem privaten TV Sender Sat. 1 im Bereich „Soziale Ermittlung“ geben. Zugleich rechtfertigt er seine Entscheidung, der TV Produktionsfirma die Erlaubnis erteilt zu haben, die beiden “Sozialfahnder” begleiten zu lassen. Eine erneute Staffel werde nicht gesendet, doch die zwei verbleibenden von vier Sendungen werden noch ausgestrahlt. In Anlehnung an die SAT 1-Serie bläst die BILD zur Jagd auf Hartz IV Bezieher. Anders als bei der SAT-1 Serie, die sich um Ausgleich bemüht zeigt und gelegentlich über Notlagen hilfsbedürftiger Menschen berichtet, beinhaltet “der grosse Hartz IV-Report” der BILD zunächst im Portrait-Stil Artikel über Arbeitslose und Jobvermittler, gefolgt von reißerischen Artikeln über Hartz-IV-Betrüger, Sozial-Schmarotzer und Anwälte, die den Betrügern behilflich sind. Die Kernbotschaft lautet: Sozialbetrug stelle nicht die Ausnahme, sondern den Regelfall dar. Das Arbeitslosengeld II müsse gesenkt werden, um Anreize zum Arbeiten zu setzen. Ein Aufheizen der politischen Stimmung wird mindestens bereitwillig in Kauf genommen [siehe SPIEGEL 1, 2]. Die drastischen Beispiele aus der BILD erscheinen mir zudem unglaubwürdig, denn die abgelichteten Personen, die sich stolz und frech vor der Kamera präsentieren, werden anders als die gezeigten Personen in der in der SAT 1-Serie nicht unkenntnich gemacht. Weiterlesen →
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Getaggt: Politik, economy, media, Armut, Wirtschaft, Wohlfahrt, Beschäftigung, Hartz, solidarity, Arbeit
Lost in Deutschland - Bundesbahn edition
August 31, 2008 · 6 Kommentare
“Lost in Deutschland” ist dieser freundliche Zeitgenosse aus dem Vereinigten Königreich, und er bietet für “Der Westen“, das Portal der WAZ-Mediengruppe, ein schönes und spannendes journalistisches Videolog aus meiner geliebten Heimatregion an. Doch fallen mir beim Thema Lost in Deutschland doch noch ein paar andere Punkte ein als Fernmeldetürme, Städtebahnen und deutsches Brot. Da stehe ich also im Reisezentrum des Düsseldorfer Hauptbahnhofs in der Schlange wartender Fahrgäste, die ohne Weiteres hinzunehmen bereit sind, gut 30 Minuten in zwei Reihen anzustehen, während die Fahrgäste der ersten Klasse und hohen Punktekontos unmittelbar bedient werden. Hinter mir ein Reisender aus Singapur. Da kommt das Gespräch auf, weshalb man sich in die Schlange stellt, wo es doch die Automaten gibt. Bei mir war’s die Tatsache, dass zwei Personen gemeinsam reisen und den für sie jeweils günstigsten Tarif bekommen wollten, die Eingabe ins Menü ein Weilchen gedauert hätte und ich gern bar zahlen wollte. Von den Kollegen, die einem mit dem Menü behilflich sind und auch mal Geld wechseln können, war im Augenblick niemand in Sicht. Der Fahrgast aus Singapur merkte nur an, dass die Automaten der Bundesbahn nur die deutsche Sprache anbieten. Da schaut man sich in der Schlange um und stellt fest, dass vor allem die älteren und hochbetagten Reisenden, die kränkeren, die ärmeren Menschen und viele Ausländer anstehen. Und nun die Bahnpreisreform, die am 14. Dezember mit saftigen Preiserhöhungen in Kraft tritt: Verteuerung der Bahncard um 3,9 Prozent, Verteuerung der Bahnfahrten um 3,9 Prozent. Und jetzt noch der Bedienzuschlag von € 2,50 für Buchungen per Telefon und am Schalter. Hier geht es nicht nur darum, dass der Bedienzuschlag das Gegenteil von Serviceorientierung bedeutet. Hier geht es nicht allein darum, die grenzenlose Dienstleistungsorientierung der Bahn zum Ausdruck zu bringen. Auch geht es nicht darum, den Fahrgast zum arbeitenden Kunden zu erziehen, der durch Eingabe seiner Buchung zum Einsparen des Servicepersonals beiträgt. Das ist ja durch das Onlineangebot - auch ohne Sanktionen - bereits erreicht worden, wie dieses Zitat aus der SZ belegt, indem die Bahn auf den Vorwurf der Verbraucherfeindlichkeit reagiert:
Die Bahn entgegnete, dass inzwischen knapp 60 Prozent der Fahrkarten im Internet oder am Automaten gekauft würden. Also ändere sich für die Mehrheit der Kunden bei der Zuschlagsfreiheit nichts.[SZ]
Zurück zuhause bin ich ans Netz geeilt und habe dies gefunden: Das Portal der Bundesbahn wird auf deutsch, englisch, französisch, spanisch, niederländisch, italienisch, polnisch und türkisch angeboten. Russisch, arabisch und asiatische Sprachen sind nicht vertreten. Wer eine der angebotenen sieben Sprachen in Wort und Schrift beherrscht und außerdem mindestens eine EC- oder Kreditkarte verfügbar hat oder Lastschriften veranlassen kann, kann sein Ticket online lösen. Nicht so, wer keine dieser sieben Sprachen spricht, wer nicht ins Netz kommt (vor allem alte und hochbetagte Bürger, Analphabeten) und Personen, die nur in bar bezahlen können. Ein Unternehmen, das nach wie vor zu 100 Prozent dem Staat gehört, diskriminiert mit seiner Preispolitik sozial benachteiligte Gruppen. M.E. ist das ein Fall für die Bundesnetzagentur. Seit 2006 ist die Bundesnetzagentur auch für den Eisenbahninfrastrukturmarkt zuständig. Wir dürfen geeignete Regulierungen erwarten, um Wettbewerb zu bekommen, wo Wettbewerb wünschenswert ist und Monopolanbieter ihre dominierende Stellung gegen Verbraucherinteressen ausnutzen.
P.S. Nur in einem Land, in dem Revolutionäre sich eine Fahrkarte kaufen, bevor sie einen Bahnhof stürmen, stellen sich wohl Raucher in gelb markierte Zonen (im Freien). Wenngleich ich von dieser Regelung selbst nicht betroffen bin, weckt das äußerst ungute historische Assoziationen. Es gibt also noch viele - auch weniger gefällige - Themen für Lost in Deutschland.
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Extra-leichtes Heizöl, Laptops und Mädchenröcke. Plädoyer für aussagekräftigere Sozialstatistiken am Beispiel Preise
August 26, 2008 · 1 Kommentar
Irritierend, wie zufrieden sich die große Koalition ein Jahr vor der Bundestagswahl 2009 präsentiert, obgleich die Wirtschaft bereits schrumpft, die Erwerbslosigkeit nach wie vor hoch ist, viele Erwerbstätige in in zeitlich befristeten und gering vergüteten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten und sich die Schere der Einkommen und Vermögen weiter öffnet (dies mal abgesehen davon, dass CDU und SPD um die Wette an Mitgliedschaft einbüßen). Ver.di berichtete im September 2007, dass 2,5 Millionen Deutsche mit Armutslöhnen, 440 000 sozialversicherte Vollzeitbeschäftigte sogar auf Hartz IV angewiesen sind. 18 Prozent aller Erwerbstätigen sind Mini-Jobber, weitere 600.000 Beschäftigten arbeiten als Ein-Euro-Jobber. Auch die Zahl der Leiharbeiter habe sich mit 650.000 gegenüber 2003 verdoppelt. Erst heute wurde eine soziologische Studie bekannt, derzufolge die Realeinkommen von Geringverdienern in den vergangenen Jahren um fast 14 Prozent gesunken sind. Betroffen sei ein Viertel der Arbeitnehmer, sagte Gerhard Bosch vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Dagegen habe das oberste Viertel der Beschäftigten zwischen 1995 und 2006 ein reales Lohnplus von 3,5 Prozent verbucht [ZEIT, FR; WSI 08/2008]. Kürzlich hatte ich darüber geschrieben, dass ausgehend von der US-Immobilienkrise die Rezession aus den Vereinigten Staaten rasch zu uns nach Deutschland herüber schwappt und sich unter den Bedingungen des Finanzmarktkapitalismus drastischer auswirkt als in der “Deutschland AG” bis Mitte der 1990er Jahre. Kaum zwei Tage nach dem Beitrag mehrten sich Presse- und Analystenstimmen, die auch in Deutschland von einer Rezession schrieben. Unter den Bedingungen der einsetzenden Rezession dürfte sich die Lage noch ein gutes Stück weiter zuspitzen.

verbraucherpreisindex
Im Zusammenhang mit der angeknündigten neuen Energie-Preisrunde möchte ich mich mal der Inflation zuwenden. Zwar wird kaum jemand meinem subjektiven Eindruck der ‘gefühlten’ Preissteigerung widersprechen, doch wirklich erschreckt bin ich erst, als der individuelle Inflationsrechner bei Destatis für mich knapp die doppelte der durchschnittlichen Inflation auswies. Allerdings bleibt der jährliche Gesamtpreisindex für den Einzelnen eine abstrakte Statistik mit geringem Nutzen. Aufschlussreicher wird die Statistik bereits, wenn man sich die Aufschlüsselung nach Produkten anschaut: Zitronen, extra leichtes Heizöl, Gas, Mehl, Pflanzenöl und Nudeln haben sich drastisch verteuert, Mädchenröcke, Personalcomputer und Musikdownloads sind günstiger geworden. Superbenzin und Dieselsprit unterliegen einer starken Inflation. Bei Bierpreisen in der Gastronomie bleibt die Preissteigerung hingegen moderat [Preismonitor Destatis].
Anders als der persönliche Inflationsrechner von Detstatis suggeriert, ist jedoch die individuelle Betroffenheit von den Preissteigerungen nicht Schicksal oder Dummheit, sondern Ergebnis biographischer Faktoren und sozialer Lagen. Damit kommen soziale Faktoren ins Spiel, welche der Einzelne kurzfristig durch Kaufs- oder Verkaufsentscheidungen nur sehr bedingt ändern kann. Der persönliche Preisindex von Destatis spiegelt - so mein Verdacht - eher die soziale Lage als begüteter oder eben weniger begüterter Konsument wieder, und eine über- oder unterdurchschnittliche Preissteigerung ergibt sich nach dem Destatis-Index als Konsequenz aus der sozioökonomischen Lage. Da arme und von Armut bedrohte Menschen einen Großteil ihres Einkommens für Wohnung, Grundversorgung und Nahrungsmittel aufwenden müssen und die Teuerung in diesen Bereichen während der vergangenen 12 Monate besonders drastisch ausfiel, ist diese Gruppierung überdurchschnittlich von der Inflation betroffen [siehe auch Spiegel]. Besonders hart sind diejenigen von den aktuellen Preissteigerungen betroffen, bei denen Armut bzw. sozialer Abstieg mit spezifischen sozialen Problemlagen zusammen treffen, die Unsicherheit schaffen: Arbeitslosigkeit, Trennung eines Elternpaares, ein Pflegefall, Überschuldung oder eine Kombination solcher Problemfaktoren. Das Institut für Finanzdienstleistungen weist 3,5 Millionen Haushalte mit Überschuldung auf und macht deutlich, dass 80 Prozent der Überschuldeten arm sind [IFF-Studie 2008; Dörre APUZ 2008].
Ich würde mir einen sozialwissenschaftlich informierten persönlichen Preisindex wünschen, der soziale Ungleichheit besonders berücksichtigt. Der sollte nicht individuelle Konsumentscheidungen zugrunde legen und lediglich Produktgruppen gewichten, sondern zunächst in Form einer Online-Umfrage Basisdaten über die soziale und wirtschaftliche Lage des Verbrauchers abfragen, Warenkörbe separat nach Konsummustern der Unter-, Mittel- und Oberschicht zusammenstellen und auf Grundlage der Kombination von sozialer Lage des Verbrauchers und ‘typischen’ Unter-, Mittel- und Oberschicht-Warenkörben eine individuelle Inflation berechnen. Analog würde ich mir auch sozialwissenschaftlich informierte Gesamtpreisindizes wünschen, welche die Inflation ausgehend von sozialer Schichtung untersuchen, Preissteigerungen für Ober-, Mittel- und Unterschichthaushalte separat ausweisen und nach demographischen Basisdaten gewichten. Bei diesem Zugang würde also der Mensch in seiner sozialen Lage in den Mittelpunkt der Inflationsberechnung gestellt.
Selbstverständlich würden mit dieser Form der Statistik allein weder Armut noch Preissteigerungen bekämpft, doch ließe sich klarer zeigen, dass arme und von Armut bedrohte Menschen typischen Strukturmustern und Zeitabläufen folgend von Inflation betroffen sind, und dass Inflation bei bestimmten Gruppen eher ins wirtschaftliche Aus führt als bei anderen. Preisindizes, die soziale Lagen berücksichtigen, würden transparent machen, dass Inflation die klassischen Problemlagen verschärft, die ohnehin eine Armutsgefährdung bedeuten, und zwar bei den für Unterschichthaushalte wichtigen Produkten wie Nahrungsmittel und Energie in besonders drastischer Weise. Die so geschaffene Transparenz könnte eine geeignete Argumentationsgrundlage für die politische Steuerung liefern, um Preissteigerungen in kritischen Produktgruppen in Kenntnis der Strukturmuster und Verläufen steuernd entgegenzuwirken, um Anreize für die private Vorsorge für die Bürger zu schaffen bzw. zu verbessern und um von Armut bedrohte oder betroffene Bürger besser zu beraten. Andererseits könnten z.B. sozialhilfeabhängige Haushalte vor dem Hintergrund ihrer Daten nachdrücklich argumentieren, wie viel drastischer als im Durchschnittshaushalt sich die enormen Preissteigerungen bei Basisgütern wie Lebensmitteln und Energie in ihrer Haushaltskasse niederschlagen, und sie könnten aufzeigen, an welcher Stelle sie mit den gegebenen Sozialhilfesätzen an Grenzen ihrer Einsparmöglichkeiten kommen.
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Getaggt: Armut, prices, strata
Open Studio Day of Art Photographer Renate Guenther
August 22, 2008 · Keine Kommentare

Screenshot video
Screenshot of Video “IRRTIEF”, Renate Guenther, 2008
Deutsch: Dies ist eine spontane Einladung zum Atelierbesuch anlässlich des Tages der offenen Tür der Künstlerin Renate Guenther - meiner Mutter - die ihr Atelier im Rahmen der Aktion Düsseldorfer Kunstpunkte (280) öffnet. Das Atelier Walzwerkstraße 14, Düsseldorf, 2. Etage ist am Samstag, den 23. August von 14 Uhr bis 20 Uhr und am Sonntag, den 24. August von 12 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Damit man sich nicht mit den Einzelheiten der Geographie herumplagen muss, wird auch ein Shuttlebus angeboten, der Besucher zu den Kunstpunkten bringt. Zu sehen gibt es feine Videokunst. Natürlich werde ich auch dort sein. Wir freuen uns auf viele Besucher !!
Englisch: This is a spontaneous invitation to Renate Guenther’s studio in Düsseldorf. Renate Guenther - my mother - opens her studio on saturday and sunday.The open studio is part of Kunstpunkte Düsseldorf 2008 (280). Adress is studio Walzwerkstraße 14, Düsseldorf, 2. floor. If you do not want to bother with the geography of Düsseldorf, a Shuttlebus will take you to all sites in a three hour tour. Renate Guenther’s studio is open on saturday August 23 from 2 p.m. to 8 p.m. and on sunday August 24 from 12 a.m. to 6 p.m. Come and see fine video art. Of course, I will be there, too and we look forward to many visitors!! ![]()
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Getaggt: art
Anthropological introduction to YouTube
August 21, 2008 · Keine Kommentare
Mike Wesh and his digital anthropology working group at Kansas State University have taken the dense description to a new level. We learn about numa luma, the impact of first movers, participatory observation, the context collapse, re-cognition, mediated self-awareness and self-reflection, gaming the system, the shift of identity with a webcam and the consequences of collaborative social production.
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Getaggt: copyright, identity, Internet, Kultur, media, technology



