Schlagwort-Archive: Internet

Startconference09

Die Startconference09 gehört nicht zu den Konferenzen, die Wissenschaftlichkeit beanspruchen. Vielmehr folgt die Startconference der Zielsetzung, Hochkultur – z.B. Theater, bildende Kunst, Konzert, Oper, Ballet, Literatur – auf dem gegenwärtigen Entwicklungsstand ins Internet zu bringen, sowohl die Kulturschaffenden selbst als auch Kulturevents als auch Akteure und Institutionen, die Kulturschaffende vertreten, die z.B. definieren, was als Kunst anerkannt wird was nicht oder die Kunst finanzieren (vgl. dazu Pierre Bourdieu: “Die Regeln der Kunst – Genese und Struktur des literarischen Feldes” und Nina Zahner “Die neuen Regeln der Kunst – Andy Warhol und der Umbau des Kunstbetriebs im 20. Jahrhunderts”). Die Start09 versucht Antworten auf das konkrete Problem zu erarbeiten, dass Künstler und Musiker häufig aus ihrem Orchestergraben oder von ihrer Bühne in mittelmäßig gefüllte Zuschauerreihen blicken, die Zuschauer in vielen Säälen ausschließlich der Altersgruppe über 60 Jahre angehören, Museen und Galerien an vielen Tagen des Jahres leer bleiben, bildende Künstler nur bedingt Preise für ihre Werke erzielen können, die Organisatoren von Kulturevents mit der Schwierigkeit konfrontiert sind, ein breiteres Publikum über Avantgarden oder kleine Szenen von Stammgästen hinaus anzusprechen. Zugleich ist den Anbietern von Hochkultur bewusst, dass sich da draußen viele junge Leute befinden, die aufgrund ökonomischer, sozialer oder kultureller Barrieren vermutlich gar nicht erst soweit kommen, den Konzertsaal zu betreten oder die einfach andere Präferenzen haben und den Kulturschaffenden somit als Publikum verloren gehen. Gelingt es nicht, breitere Publikumskreise und jüngere Generationen für Hochkultur zu interessieren und als zahlendes Publikum in die Kulturstätten zu bringen, droht vielen Kulturschaffenden und Kulturbetrieben das Aus. Für die Metropolregion Ruhr, die mit ihrem Strukturwandel unter dem Druck wirtschaftlicher Globalisierung ohnehin schon sehr gefordert ist, wäre das eine fatale Entwicklung. Viele Hoffnungen richten sich in dieser Situation auf das Internet, weil das Netz die Chance bietet, hochwertige Inhalte zu verbreiten, die Anbieter von Hochkultur untereinander besser zu vernetzen und sich für die Zukunft ein neues Publikum aufzubauen, das den Fortbestand der Hochkultur sichert. Wie Dr. Wendel von den Duisburger Philharmonikern hervorhob, ist der Wert des eigentlichen Kulturgutes (z.B.ein philharmonisches Konzert) durch Übermittlung ins Internet in keiner Weise gefährdet, jede Wiedergabe oder Übermittlung ins Internet nur ein sehr schwaches des Konzertes sein kann; vielmehr kann ein Orchester hinzugewinnen, wenn mehr Leute in den Konzertsaal gelockt werden können. Eine Schwierigkeit liegt allerdings darin, die vielfältigen Möglichkeiten des Social Web und der Social Media (z.B. Internet auf dem Mobiltelefon) in der Weise zu nutzen, dass ein Künstler oder eine Kulturinstitution einerseits die gewünschten Adressatenkreise gewinnen und andererseits seine Position im Feld der Kunst langfristig verbessern kann, sich in den Augen derer, die Kunst definieren oder finanzieren, im Feld der Kunst nicht disqualifiziert. Es darf bezweifelt werden, ob den Kulturschaffenden und Kulturbetrieben mit Hinweisen geholfen ist, die ausschließlich auf Verkaufserfolge, Zugriffszahlen und quantitativ messbare Reichweitendaten hinauslaufen. Was hier geschaffen wird, ist wohl eher ein Interaktionsnetzwerk, ein Interaktionsangebot, aber längst noch kein Vertrauen. Von Vertrauen könnte unter Umständen gesprochen werden, wenn die Kulturschaffenden und Kulturbetriebe heute beginnen, als Prodnutzer regelmäßig Materialien (Werke bzw. Werkfragmente) ins Internet zu stellen, wenn sie für sich persönlich Erfolgserwartungen formulieren, Erfahrungen für sich selbst  dokumentieren und reflektieren, einen intensiven Austausch untereinander und mit ihrem Online- und Offlinepublikum pflegen, wenn sie in einem längerem Prozess ein Netzwerk relativ stabiler kooperativer Beziehungen aufbauen, und wenn sie in fünf Jahren aufgrund der umfangreichen Erfahrung, die sie bis dahin für ihren spezifischen Anwendungsbereich gesammelt haben, aus Überzeugung immer noch dabei sind.

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Sollten wir im Internet von Unsicherheit anstelle von Sicherheit sprechen?

Spätestens seit Ulrich Becks Zeitdiagnose über die Risikogesellschaft (Frankfurt/Main, Suhrkamp 1986) hat Sicherheit einen sehr hohen Stellenwert. Ende der 1980er Jahre stand die Gesellschaft unter dem Eindruck von ökologischen Katastophen – Stichwort Tschernobyl. Es entstand eine Vielzahl von Untersuchungen, die sich mit Risiko, Sicherheit, Katastrophen und der Logik des Misslingens befasste. Ein Denken in den Kategorien des Risikos haben wir uns längst zu eigen gemacht. Zugleich sind wir im Alltag mit mit vielen vielen Unsicherheiten konfrontiert, d.h. wir müssen mit der Möglichkeit leben, belogen, belogen, beklaut, verleumdet oder auf andere Weise geschädigt zu werden. Wir sind bestrebt, uns vor Betrug, Schädigung, Diebstahl, Verleumdung und vielen anderen Dingen zu schützen, die für uns Katastrophen bedeuten.

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich das Risikomanagement als eine zunächst auf Finanzmärkten, dann in Wirtschaftsorganisationen verbreitete Praxis des organisationalen Rechnens und Entscheidungsgrundlage entstanden. Im Mittelpunkt steht der Value at Risk, der ökonomische Wert, der im Fall einer Katastrophe verschwinden könnte. Wie im Modell von Frank Knight wird in der Praxis des Risikomanagement grob gesagt Unsicherheit in Risiko transformiert, in dem man Ereignisse definiert, die eine (wirtschaftliche) Katastrophe bedeuten, das Ausmaß der Katastrophe in Geldeinheiten bestimmt, dem Ereignis eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet, und dann auf Grundlage dieser Vorgaben Berechnungen durchführt, um Risiken zu bestimmen. Ein Unternehmen, das mit vielen Risiken belastet ist, hat auf relevanten Märkten geringere Tauschchancen als ein Unternehmen, das mit weniger Risiken belastet ist. Organisationen tendieren zunehmend zu einem risikoaversen Verhalten; sie versuchen, Risiken zu bestimmen und zu vermeiden (Power, Michael, Organized Uncertainty, 2007).

Im Alltag tendieren wir schon in dieselbe Richtung, wenn wir unser Verhalten anpassen: Wir schließen zahlreiche Versicherungen gegen eine Vielzahl möglicher Schadensfälle ab, wir eignen uns im Alltag ein risikoaverses Verhalten an. Bevor wir uns auf etwas Neues einlassen, checken wir lieber mehrfach und tendieren zu einem vorsichtigen, abwartenden, eher misstrauischen Verhalten. Mit unserer Angst können Versicherungen sehr gute Geschäfte machen, Parteien wählen Sicherheit als Wahlkampfthema, und das Thema Sicherheit ist Geschäftsgrundlage für etliche Wirtschaftsbranchen und viele Berufsgruppen. Damit entstehen zwei große Probleme: 1. Auch bei noch so elaborierter Kalkulation -unter Zuhilfenahme immer komplizierterer Formeln, unter Berücksichtigung von mehr Variablen – die Unsicherheit eines möglichen Scheiterns verschwindet nicht. 2. Wenn die Bereitschaft in der Bevölkerung zurückgeht, etwas Neues zu wagen (einen Unternehmen zu gründen, ein Geschäft abzuschließen, eine Finanztransaktion durchzuführen), werden wir langfristig immer weniger davon sehen. Wir meiden das Risiko umso stärker, je mehr wir wissen, dass wir bestraft werden, wenn wir uns vorwagen einlassen und damit scheitern.

Ich würde mich über Reaktionen auf diese Frage freuen: Sollten wir – in der Gesellschaft, im Wirtschaftsverkehr und im Internet – nicht besser von „Unsicherheit“ anstelle von „Sicherheit“ und „Risiko“ sprechen?

These dazu: Sicherheit ist eine Illusion. Tatsächlich leben, arbeiten, wirtschaften wir, online und offline, unter den Bedingungen von Unsicherheit (vgl. in Bezug auf das Wirtschaftsleben z.B. Beckert, Grenzen des Marktes, Frankfurt/Main: Campus 1997). Wir wissen im Alltag nicht, aus welchen Ecken die Katastrophen auf uns zurollen. Würden wir uns so damit beschäftigen wie das Risikomanagement vorsieht und wie es ein Mensch tun würde, der bestrebt ist, sich ökonomisch rational im Sinne des Modells des Homo Oeconomicus zu verhalten, müssten wir alle Quellen von Unsicherheit identifizieren, ihren Schadensumfang und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmen (bzw. das zumindest versuchen). Damit würden wir damit Berechnungen anstellen und unsere Entscheidungen darauf basieren (im Sinne einer ‚perfekten Anpassung‘) – wir wären nicht mehr handlungsfähig. 1. Selbst wenn wir unser komplettes Zeitbudget und unsere gesamten kognitiven Fähigkeiten für das Auffinden möglicher Quellen von Unsicherheit aufwenden würden, gäbe es immer noch unentdeckte Katastrophen (vor allem jenseits des erlernten Berufs). 2. Zudem würde die Unsicherheit durch all diesen Aufwand nicht verschwinden. 3. Wir würden handlungsunfähig, weil unsere Ressourcen gebunden wären und wir uns auf nichts Neues mehr einlassen könnten. Konsequenz: Auch unter den Bedingungen von Unsicherheit müssen wir entweder Vertrauen entwickeln oder auf bestimmte Vorzüge des Internet, die das Leben angenehmer und bequemer machen können, verzichten. Wir brauchen eine Diskussion über das gute, vertrauenswürdige Internet, obgleich wir genau wissen, dass auch Personen, Gruppen und Organisationen im Netz unterwegs sind, die es auf die Schädigung anderer absgesehen haben. Sicherheitsexperten erbringen punktuell – in Bezug auf jeweils einen bestimmten Typ von Unsicherheit –  viele sehr wertvolle Beiträge und werden deshalb dringend gebraucht – nur eben nicht allein, sondern im Zusammenwirken mit uns allen.

Anschauungsmaterial dazu liefert unter anderem dieses kleine Video. Darin demonstriert Ruben Unteregger (Blog) wie man über das Internet einen arglosen Bankkunden beraubt – gut, die Software ist jetzt verbreitet, der Quellcode sogar öffentlich einsehbar – Geschäftsbanken dürften ihre Schlüsse für das Onlinegeschäft gezogen haben – aber schauen wir doch da mal vorbei: Da wird aus einem Basisprogramm und einer Schadroutine (bösartigen Code, welcher im Hintergrund ohne Wissen der Opferperson ausgeführt wird) ein  Trojaner zu erzeugt, der sich auf dem Computer des Opfers einnistet und einem Fremden ermöglicht, den Bankkunden auszurauben:

p.s. Da ich die Frage vor dem Hintergrund des Interesses zum Problem des Vertrauen im Netz stelle, und weil derzeit sehr hitzig über Ordnungsregeln für das Internet diskutiert wird, wäre ich für Einschätzungen und Meinungen sehr dankbar.

Update: 30.08. Das Video ist aus dem Internet entfernt worden.

Die Generation Governance und der Kampf um Vertrauen oder Misstrauen im Internet (Teil 2)

Vertrauen, so ein verbreitetes Missverständnis, ist das Mittel der Wahl nur für Leute, denen die notwendige Cleverness für Misstrauen und der Wille zur Macht fehlt. Wer vertraut, muss wohl der naive unbedarfte Typ sein, der sich leichtgläubig auf jedes Geschäft einlässt, auf jeden SPAM-Brief hereinfällt, ungefiltert Informationen über sich im Netz preisgibt und am besten gleich noch den Freunden seine Passwörter mitteilt. Wer hingegen Macht hat, verfügt über Sanktionsmittel (z.B. Sicherheiten/Sanktionsgewalten im Streitfall). Vielfach wird auch von der „gesunden Skepsis“ gesprochen, die den Handelnden vor Ungemach bewahrt. Nur dass im „echten Leben“ jeder Kaufvertrag, jedes Kreditverhältnis, jede Finanzinvestition, jede Karriere, ja sogar jede Familiengründung scheitern kann. Die Governancegläugiben behalten sich vor, zunächst alles und jeden zu überprüfen, mögliche Katastrophen zu identifizieren, den Katastrophen Wahrscheinlichkeiten zuzuordnen, damit mathematische Operationen durchzuführen und schließlich zu Entscheidungen zu kommen, welche auf die Vermeidung von Risiken zielen. Die Governancegläubigen wählen Handlungsstrategien, bei denen die Absicherung gegen Zahlungsansprüche, Schuldzuweisungen etc. und die Abwälzung von Unsicherheiten auf andere im Mittelpunkt stehen, und sie halten ihre prophylaktische Skepsis für klug. Weiterlesen

Die Generation Governance und der Kampf um Vertrauen oder Misstrauen im Netz (Teil 1)

Ich kenne eine Generation, die bildhaft vor sich sehen konnte, wie die Nationalsozialisten in ihrem Fanatismus, Menschenverachtung und Boshaftigkeit vom Establishment der Weimarer Republik unterschätzt wurden, und die sich erinnern, wo sie waren, als Göbbels für Hitler „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ ausrief. Manch wird sich sich noch an Sprüche wie „Wem der Himmel die Majorität der Tatkraft gegeben, dem hat er auch die Herrschaft gegeben“ (Adolf Hitler, 1927) oder „Es ist herrlich, in einer Zeit zu leben, die ihren Menschen große Aufgaben stellt“ (Hitler, 1933, zitiert bei Gunther Haupt und Werner Rust (Hg.) „Geflügelte Worte“, 29. Auflage, Berlin 1942, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, S. 644) , oder auch „Nur wer gehorchen kann, kann später auch befehlen!“ erinnern können (Hindenburg, 1. Mai 1933, Berliner Lustgarten, zitiert bei beides zitiert bei Büchmann „Geflügelte Worte“, 29. Auflage, Berlin 1942, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, S. 646). Dieser Generation heutiger Senioren wie Jürgen Habermas, Renate Mayntz, Papst Benedikt XVI, dem in dieser Woche verstorbenen Ralf Dahrendorf und vielen noch älteren oder inzwischen verstorbenen Menschen verdankt die Bundesrepublik Grundgesetz, soziale Marktwirtschaft, Wohlstand, günstige Bedingungen für die Deutsche Einheit und das vereinte Europa und ihr freiheitliches Bewusstsein. Und Vertreter dieser Generation im Familienkreis (*1911-2003) haben sich bei den Enkeln für ihre Verblendung und ihr Wegschauen in den Jahren vor 1945 entschuldigt. Sowas meine ich, wenn ich von Führung und Verantwortung spreche.

Heute sind wir mit einer Generation von Politikern und ‚Leistungseliten’ konfrontiert, die in dem Glauben lebt, die Gesellschaft durch ihre ‚Governance’ zu verbessern. Würde man die Gesellschaft ‚nur’ in der richtigen Richtung steuern, entstünden geordnete Verhältnisse, so ihre Überzeugung. Erführe Max Weber von ihren Steuerungsaktivitäten, er würde sich im Grab umdrehen. Ein Beispiel aus dem Bildungsbereich: Auf steigende Studentenzahlen in den 1990er Jahren haben Politik und Hochschulen nicht mit Berufung von mehr Professoren und Aufstockung des wissenschaftlichen Personals reagiert, sondern mit der Einführung der gestuften Studiengänge, mit Studiengebühren und Online-Anmeldungen für die einzelnen Lehrveranstaltungen geantwortet, in die häufig eine Begrenzung der Teilnehmerzahl eingebaut ist. Jetzt, wo man feststellt, dass Studierende vor allem auf Kreditpunkte bedacht sind, sich an den Inhalten desinteressiert zeigen, Lehrveranstaltungen wenig besucht sind, manche Studierende gar beim eigenen Referatstermin fehlen, Studienzeiten verlängert werden (Erwerbstätigkeit, Such-/Orientierungsphasen) und auch das proklamierte Ziel der Vergleichbarkeit der Studienleistungen fraglich ist, überlegen die Governancegläubigen nicht, wie man den Unsinn wieder los wird. Vielmehr führt man vor Ort z.B. schwarze Listen ein (Bestrafung der Studierenden). Eine Rückbesinnung auf ursprüngliche Inhalte und Lernziele bleibt bisher aus. Nun werden auch noch die Zielvorgaben verändert: Vorgegeben wird Formalziel des international vergleichbaren Bildungszertifikats von Bachelor oder Master nach dem Bologna-Abkommen, Studierende sollen an ihrer ‚Employability’ arbeiten.

Wir haben nicht zu befürchten, schrieb Max Weber schon in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, dass wir mal Zuviel „Individualismus“ und „Demokratie“ haben werden. Dafür würde die Bürokratie in Staat und Wirtschaft schon sorgen. Im Zusammenwirken erschaffen die Akteure das stahlharte Gehäuse der Hörigkeit, das sich sämtlicher Bereiche des Lebens bemächtigt: Angesichts der Übermacht der Tendenz der Bürokratisierung hat Weber bezweifelt, ob sich irgendwelche Reste von Individualität und individualistischer Bewegungsfreiheit retten lassen. Die wachsende Unentbehrlichkeit und Hegemonie der Fachexperten ist ein Schreckenszenario für Weber, und er hat gewarnt, dass es gesellschaftliche Instanzen geben muss, welche diese Schicht wirksam kontrolliert (Max Weber, „Wirtschaft und Gesellschaft“ 1922/1980, Tübingen: Mohr, S 834-837).

Seit einigen Jahren hat die Generation Governance nun auch das Internet als Betätigungsfeld entdeckt, z.B. für die Bekämpfung des Terrorismus, den Schutz des geistigen Eigentums und für den Schutz der Opfer aus Sexualstraftaten. So hat der Bundestag auf Initiative der Familienministerin Ursula von der Leyen 18.06.09 mit der Stimmenmehrheit von 389 Stimmen von CDU/CSU und SPD gegen 128 Stimmen aus der Opposition ein Gesetz verabschiedet, welches kinderpornographische Inhalte mit einem Stopp-Schild versieht. Dies tat sie, obgleich nachgewiesen ist, dass die Inhalte durch eine Sperrung nur mit einem Vorhang versehen werden, sich die Sperren umgehen lassen, wissenschaftliche Untersuchungen über die Auswirkungen von Sperrlisten aus anderen Nationalstaaten fehlen, die Missbrauchsopfer die Löschung der kinderpornographischen Inhalte und die Strafverfolgung der Täter fordern. Dafür wischt die Regierung eine ePetition mit 134014 Mitzeichnern vom Tisch, die ebenfalls die Löschung anstelle der Sperrung von Onlineinhalten fordern. Dafür beugt das im Grundgesetz verankerte Recht auf Informations-, Meinungs- und Pressefreiheit. In ihrer Begründung schreiben Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, wie u.a. die Musik- und die Filmindustrie mit ihren Prozessen immer wieder aufs neue beweisen.” – als ob das Internet jemals ein rechtsfreier Raum gewesen und das geltende Recht der Nationalstaaten, wo die Server stehen, irrelevant wäre! Die Urteilsfähigkeit über Online-Inhalte, welche die Bundesregierung den Internetnutzern nicht zubilligt, überträgt hat der Gesetzgeber mit dem Gesetzesbeschluss dem Bundeskriminalamt übertragen, also einer Polizeibehörde, welchem sie ein Expertengremium zur Seite stellt, dessen Kompetenzen unklar bleiben (siehe Antwort der Bundesregierung auf kleine Anfrage der FDP-Fraktion). Auf den Nachweis, dass es Privatpersonen (Alvar Freude vom AK Zensur) gelungen ist, die effektive Löschung kinderpornographischer Inhalte zu veranlassen, hat die Bundesregierung nicht mehr zu anzubieten als den Hinweis auf ihre guten Absichten zum Schutz wehrloser Kinder. Weiterlesen

Das gute Netz. Weshalb Regulierung mit Stopp-Schildern, Sperren und Zensur kein vertrauenswürdiges Internet erschafft

Die gemeinsame Forschungsarbeit mit Guido Möllering (MPIfG) zum Thema „The Problem of Trust Online“, hat durch die politischen Entwicklungen während der vergangenen Monate zusätzliche Brisanz erhalten. Ich habe hier mal kurz zusammengeschrieben, weshalb die Regulierungsbestrebungen der Große Koalition Schaden anrichten und was m.E.* für ein „gutes Internet“ – ein Internet des Vertrauens –  gebraucht wird.

Wir erleben in den letzten Monaten eine Zuspitzung der Auseinandersetzung um den Stellenwert von Datenschutz und Privatsphäre. Mit wachsender Schärfe wird die Auseinandersetzung geführt, welches Gewicht der Schutz des Nutzers von Internet und Social Media vor Zugriff, Weitergabe und Veräußerung personenbezogenen Daten und unbeabsichtigt hinterlassenen Datenspuren gegenüber den Geschäftsinteressen von Providern und Werbebranche in Zukunft hat. Bürgerinteressen und Geschäftsinteressen geraten aneinander: Aktuell widersetzt sich die Fraktion der CDU und CSU einem Gesetzentwurf, der eine Genehmigungspflicht für die Weitergabe und Veräußerung personenbezogener Daten und Daten aus unbeabsichtigt hinterlassenen Datenspuren festschreibt und den Datenhandel ansonsten untersagt. Indes steigt die Anzahl der Bürger, die das Vertrauen in den Datenschutz bei Unternehmen und Staat verloren haben, immer weiter an. In einer IfD-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach gaben 82 Prozent der Befragten an, dem Datenschutz bei Unternehmen nicht zu vertrauen (8 Prozent vertrauen und 10 Prozent waren unentschieden), 72 Prozent gaben an, dem Datenschutz bei staatlichen Instanzen zu misstrauen (16 Prozent vertrauen und 12 Prozent waren unentschieden).

Höher noch schlagen die Wellen bei Überwachungs- und Regulierungsbestrebungen in Bezug auf Internet und Social Media, zunächst beim Vorhaben des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble, eine Vorratsdatenspeicherung für sämtliche Telefonanrufe, E-Mails und Datenübertragungen für die Dauer von sechs Monaten, vorgeblich zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus, zuletzt beim von CDU-Familienministerin von der Leyen unterbreiteten Gesetzentwurf zum Thema Kinderpornografie. Beide Gesetze bzw. Gesetzesvorhaben haben einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Im Gesetzentwurf von Familienministerin von der Leyen ist vorgesehen, Internetanbieter zur Sperrung von Seiten mit kinderpornografischen Inhalten zu verpflichten. Webseiten mit kinderpornografischem Inhalten soll künftig das BKA in einer laufend zu aktualisierenden Sperrliste aufführen. Beim Aufruf einer in der Sperrliste enthaltenen Webseite sollen Nutzer zu einer Stoppmeldung umgeleitet werden, wo sie über Kontaktmöglichkeit zum Bundeskriminalamt informiert werden. Der Gesetzgeber, so der Entwurf, soll den Provider verpflichten, dem BKA wöchentlich eine anonymisierte Aufstellung über die Zahl der Zugriffsversuche pro Stunde auf die in der Sperrliste aufgeführten Seiten zu übermitteln. In dem Entwurf ist ebenfalls geregelt, dass lediglich Seiten mit kinderpornografischen Inhalten gesperrt werden dürfen. „Eine Ausweitung auf andere Zwecke ist nicht beabsichtigt“, heißt es in der Begründung. Allerdings musste die Große Koalition die Nicht-Wirksamkeit angestrebten Maßnahme bereits eingestehen. Auch blieb sie den Beleg schuldig, dass eine Ausweitung auf beliebige Gegenstände (z.B. Urheberrechtsstreitigkeiten) ausgeschlossen ist. Nicht nur ist belegt, dass sich Stopp-Schilder und Zugangssperren leicht umgehen lassen und dass Rezeptwissen zur Umgehung dieser Sperren zirkuliert. Dem Gesetzgeber würde der Weg zur Einschränkung der Bürgerrechte für beliebige Regulierungsgegenstände geebnet, und das BKA erhielte en passant Zugriff auf personenbezogene Daten sowie Datenspuren von Nutzern. Weiterlesen

Barcamp Ruhr 2

Schön war’s, das Barcamp Ruhr 2 mit dem Themenfokus „Sicherheit“ im Unperfekthaus in Essen. Das Barcamp Ruhr hatte eine ganze Reihe guter Sessions und bot viel Raum für Diskussion und das persönliche Gespräch. Zwar fand ich, dass das Thema „Sicherheit“ für meine Begriffe und Bedürfnisse etwas kurz kam – da hatte ich auf mehr Sessions der Experten aus den Informationswissenschaften, den Rechtswissenschaften und anderen Disziplinen zum Themenfeld Sicherheit gehofft. Beispielhaft für einen guten Vortrag und mit lebhafter Diskussion aus dem Bereich Sicherheit möchte ich Felix Gröbert erwähnen. Techniken wie Gesichtserkennung und ex post Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Social Media Quellen wie Twitter und Flickr ermöglichen leichter als bisher die Erstellung komplexer Persönlichkeitsbilder aus User generated Content, mit Folgen für die Betroffenen bei unbedacht online gestellten Inhalten oder Inhalten, die Dritte ohne Erlaubnis der Betroffenen über sie ins Netz stellen könnten – sie ermöglichen sehr komplexe Bilder der Online-Aktivitäten eines Akteure und können sich deshalb als folgenreich für die Betroffenen und ihre Privatsphäre herausstellen. Die De-facto-nicht-Mehr-Entfernbarkeit unwünschter Inhalte aus dem Netz aufgrund möglicher Spiegelung durch die Vielzahl Netznutzer kam häufig zur Sprache. Jedenfalls wünsche ich mir mehr Austausch mit Sicherheitsexperten aus technischen, informationswissenschaftlichen und rechtlichen Disziplinen bei künftigen Events. Zugleich waren mehr Teilnehmer aus den sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereichen und dem Kulturbereich dort als ich es bisher von Barcamps kannte, und das war toll. Die Startconference will Kulturschaffende, besonders aus dem Hochkulturbereich für den Aufbau von Online-Identitäten und eine professionelle Nutzung der Social Media gewinnen gewinnen, das Projekt Ruhrgebiet für lau von Claudia Pirc hatte ich zuvor schon mal gestriffen. Neu war für mich das Projekt Seeinglastsupper, eine Interpretation von Leonardo Da Vincis Abendmahl in Flash aufbereitet und faszinierend erklärt von Jochen Schröder. Und bei keiner anderen Konferenz, keinem anderen Workshop oder Barcamp zuvor hat es es so wunderbare Musik gegeben: Eine Kombo der Duisburger Symphoniker, die Philharmonixx, haben der versammelten Barcampgemeinde am Samstag auf das Feinste eingeheizt – hier meine Bildschnipsel als Slideshow und der Mitschnitt des Duisburger Philharmoniker Teams 🙂 – toll.

Wir haben auf dem Barcamp Ruhr zwei Sessions zur Thematik des Vertrauens online durchgeführt und dabei hervorgehoben, dass wir über Vertrauen unter der Bedingung von Unsicherheit sprechen, und dass das Internet nicht ein vom übrigen Sozialleben getrenntes „Second Life“ sondern vielmehr integraler Bestandteil der sozialen Wirklichkeit ist. In der Diskussion haben die Teilnehmer eine Reihe kritischer Fälle aus der Praxis des Online-Lebens angesprochen, die mich darin bestärken,  die Thesen der obigen Präsentation sowie in einem Aufsatz, den Guido Möllering und ich miteinander in diesem Themenbereich schreiben, nachdrücklich zu vertreten. Daher möchte ich auch hier nochmal den Diskussionsteilnehmern für ihre Fragen und Kommentare danken.

Events: Re:publica, Barcamp Ruhr & Politcamp

Future of Social Media

Future of Social Media

(gefunden bei Sprechblase)

Während das rheinische Wetter zwischen regnerisch und schauerlich wechselt, steigt meine Vorfreude auf die anstehenden Events, so z.B. das Barcamp Ruhr (28./29.03.09, Essen), die re:publica (01.-03.04.09, Berlin) und das Politcamp (02./03.05.09, Berlin).

  • Beim Barcamp Ruhr möchte ich gern etwas über Vertrauen online sagen und mit den anderen Teilnehmern über die Frage diskutieren, weshalb Vertrauen online ein Problem darstellt, wie Vertrauen online konstituiert wird und was wir uns unter einem vertrauenswürdigen Internet vorstellen können.
  • Bei der Re:publica09 haben wir eine Session „Shifting culture! Shifting what?“ zusammen gestellt. Lars Alberth wird vortragen zum Thema “Ein digitales Rom oder Welches Kostüm trägt der kulturelle Wandel im Netz? – Eine kleine Ikonographie der re:publica”. Ich spreche zum Thema “Web 2.0 zwischen sozialer Bewegung und Geschäftsmodell. Konsequenzen der digitalen Gesellschaft”. Und Benedikt Köhler trägt vor zum Thema “Social Media ist wie da sein – The Global Village Revisited”.
  • In der Session „Digitale Identität“ der re:publica09 werde ich über das „Digitale Ich“ sprechen und erläutern, weshalb Online-Identität und Offline-Identität zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind und auf die Besonderheiten von Online-Identität als sozialer Praxis eingehen.
  • Und im Mai 2009 steht eine Veranstaltung an, auf die ich mich vor dem Hintergrund der Ödnis deutscher Parteienpolitik, Parteidisziplin, dem längst überfälligen Bundestagswahlkampf  nach vier Jahren großer Koalition und ihrem Verrat an der Sozialen Marktwirtschaft  besonders freue – das Politcamp.

Natürlich möchte ich auf allen drei Event viele Leute kennen lernen, wieder treffen und viel viel lernen 🙂