Schlagwort-Archive: Wissenschaftskommunikation

Bildungsfernsehen 2.0

Während des Studiums wurde mal mein „Kulturoptimismus des Fernsehens“   vom Professor gerügt. Dabei wird mein Kulturoptimismus des Fernsehens deutlich getoppt durch meinen Kulturoptimismus der Social Media 😉

Denn so sehr das Fernsehen die Beschäftigung mit Dingen ermöglicht, die sonst nicht zugänglich wären, empfinde ich Wissenschaftsjournalismus im Fernsehen häufig als unbefriedigend. Erstens würde ich mir mehr Wissenschaftsberichterstattung aus sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen im Verhältnis zu den naturwissenschaftlichen Disziplinen wünschen. Zweitens berichtet das Fernsehen häufig im Stil „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass …“ . Als Zuschauer möchte ich aber gern erfahren,  um welchen Wissenschaftler an welchem Institut es sich handelt, welches seine wichtigsten Schriften sind, von welchen Positionen er sich abgrenzt usw. Dafür eignet sich der Wissenschaftler-Vortrag besser. Weiterlesen

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Digitale Wissenschaftskommunikation: Blogs am MPIfG

Diesen Beitrag habe ich vor einiger Zeit für den Newsletter des Max Planck Instituts für Gesellschaftsforschung 03/09 geschrieben. Den  Newsletter mit dem Schwerpunkt“Globalisierung und transnationale Governance“ und einem Forscherportrait über Renate Mayntz könnt Ihr hier erreichen.

Wissenschaftsweblogs, Wikiwebs, Microblogging, Social-Networking-Plattformen speziell für Wissenschaftler, aber auch die älteren Formen der Wissenschaftskommunikation wie Newsgroups, Foren, Chats und Mailinglisten sind Kommunikationsakte, die zwischen der Welt der internen und der Welt der externen Wissenschaftskommunikation angesiedelt sind. Sie ermöglichen dem einzelnen Wissenschaftler oder einer Forschergruppe, direkt – also ohne Gatekeeper – und niederschwellig – also ohne nennenswerte technische Hürden – mit Fachkollegen, Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen und einer breiteren Öffentlichkeit zu kommunizieren. Sie schaffen eine diskussionsfreudige Öffentlichkeit zum Gegenstandsbereich, reflektieren den Forschungsprozess, greifen thematisch relevante Ereignisse auf und holen Feedback ein.

Die Trennung zwischen Wissenschaft und Journalismus wird hier aufgehoben. Wissenschaftler treten mal als Forscher auf, mal lösen sie sich aus dem gewöhnlichen Arbeitszusammenhang und schreiben ähnlich wie Journalisten über Entwicklungen einer Fachdisziplin, eine Tagung oder Ereignisse aus dem aktuellen Zeitgeschehen. Die Begeisterung für den Forschungsgegenstand und die Fachdisziplin ist ein Grundmotiv für Wissenschaftsblogger. Damit erschaffen Wissenschaftler neue Genres der öffentlichen Kommunikation über Wissenschaft und der wissenschaftlichen Reflexion von Themen aus dem Alltag.

Am MPIfG gibt es bislang zwei Weblogs:

Governance Across Borders“ und „Economic Sociology“. Sigrid Quack und ihre Mitautorinnen und -autoren aus der Forschergruppe „Governance Across Borders“  bloggen über die Zusammenhänge von globaler, supranationaler und nationaler Steuerung, die sich vermehrt auf das Wirtschaftsleben, auf die Strukturmuster sozialer Solidarität und auf sozialkulturelle Prozesse auswirken. Die Autoren diskutieren über Themen wie Urheberrecht und Creative Commons, Finanzmarktkrise, Arbeitsmarktstandards, Mikrokredite, Umweltschutz, politische und soziale Bewegungen. Sie verzichten dabei weitgehend auf theoretische Abhandlungen und Theoriebezüge, die nur für eine Fachleserschaft verständlich sind.

Die Weblog-Aktivität der Forschergruppe dient auch der Reflexion der eigenen Forschungstätigkeit und der Ausformulierung solcher Ideen, die spannend sind, aber aus zeitlichen oder sachlichen Gründen nicht als formale wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht werden können.

Governance Across Borders ist ein sehr aktives, eigenständig geführtes Gruppenblog mit regelmäßigen Einträgen und zahlreichen Kommentaren, das der informellen Konversation der Forschergruppe im öffentlichen Raum dient und somit allen Interessierten ein Fenster zum Projektkontext öffnet. Damit sind ideale Voraussetzungen für eine immer weiter reichende Vernetzung in der Wissenschaftsblogszene und der journalistischen Weblogszene gegeben. Governance Across Borders regt dazu an, sich mit Erscheinungsformen und sozialen Konsequenzen von Institutionen, ihrem Wandel und ihrem Versagen zu beschäftigen und die soziale Relevanz von Institutionen zu reflektieren. Zuletzt ist es zum „Featured Blog“ der internationalen Konferenz der Society for the Advancement of Socio-Economics (SASE) im Juni 2010 in Philadelphia, USA, gewählt worden.

In ihrem Weblog „Economic Sociology“ schreibt Brooke Harrington über die sozialen Hintergründe von Märkten und Geldwirtschaft für eine junge Leserschaft auf College- bzw. Universitätsniveau. Die Beiträge sind einerseits sehr lebensnah gehalten und andererseits mit den Theorien von Marx, Simmel, Durkheim, Foucault und vielen anderen Soziologen verknüpft. Dadurch sind sie auf zwei Ebenen lesbar: Für Nichtwissenschaftler sind die Beiträge aufgrund ihrer Handlungsrelevanz und des im Alltag von allen geteilten Erfahrungshorizonts verständlich, für Leser mit Soziologie-Kenntnissen und Wissenschaftler kommt die Ebene der soziologischen Reflexion hinzu. Das macht Brooke Harringtons Weblog zu einem handlungstheoretischen Weblog im besten Sinn.

Economic Sociology beschäftigt sich mit dem Kollaps der Finanzmärkte, den Erscheinungsformen und Folgen globaler Finanzmärkte wie zum Beispiel den Bonuszahlungen im Bankwesen, den Investmentclubs für Privatanleger und der Illusion der Sicherheit von Finanzanlagen, den Annehmlichkeiten einer Krankenversicherung europäischen Typs, aber auch mit der befremdlichen Kundenverdrossenheit deutscher Unternehmen. In einem Gastbeitrag betreibt Galyn Burke-Brown eine Wirtschaftssoziologie des Triathlonsports: Sie zeigt die sozialen Mechanismen auf, nach denen sich Triathleten als selbstselektive, wohlhabende Gruppe hochgradig motivierter, leistungsbereiter und wettbewerbsorientierter Individuen aus den oberen Schichtungssegmenten der Gesellschaft zusammenfinden. Anders als die Gruppe Governance Across Borders bloggt Brooke Harrington allein, lädt jedoch Gastautoren ein und ist im Verbund des „Contexts“-Magazins der American Sociological Association (ASA) mit anderen Weblogs aus verschiedenen Teilgebieten der Soziologie verknüpft.

Governance Across Borders und Economic Sociology sind zwei gute Beispiele dafür, wie Wissenschaftler zeitgemäße Social-Media-Aufritte gestalten können. Im „Web 2.0“ wird vom Internetauftritt eines Wissenschaftlers bedeutend mehr erwartet als lediglich eine statische Homepage mit wenigen personenbezogenen Angaben. Entscheidend ist qualitativ hochwertiger Inhalt in Form von Textbeiträgen, Fotos, Folienpräsentationen, Audio- oder Videobeiträgen, Livestream oder Twitter-Meldungen – oder als Kombination verschiedener Formate, die parallel in dynamische Nachrichtenströme eingespeist werden können. Hinzu kommen Open-Access-Publikationen, Interviews bei Presse, Rundfunk oder Fernsehen sowie Beiträge für überregionale Tageszeitungen. Selbstverständlich kann eine einzelne Wissenschaftlerin oder ein einzelner Wissenschaftler nicht alle Kanäle bedienen. Doch hier bietet sich die Möglichkeit, mit geringem Aufwand und zu minimalen Kosten für diejenigen zu öffnen, für die Wissenschaftler arbeiten: die Gesellschaft, über die und für die Sozialwissenschaftler forschen.

Quick-Check Researchgate

Researchgate

Researchgate

Unter den Social Networking Plattformen hat sich längst eine Spezialisierung ergeben, z.B. nach Altersgruppen, nach Schichten und Milieus. Zu den neueren Angeboten unter den Social Networking Plattformen zählen solche Angebote, die sich auf bestimmte Berufsgruppen eingeschossen haben, für Wissenschaftler z.B. Researchgate . Mit knapp über 140.000 Mitgliedern ist Researchgate derzeit das größte Angebot seiner Art. [Trailer].

Researchgate fordert den Wissenschaftler auf, ein kostenloses Profil einzustellen und Angaben zur Person, Forschungsinteressen, Werdegang, institutioneller Anbindung, Qualifikationen und Publikationen einzufügen, sodass eine Art standardisierte Wissenschaftler-Webseite entsteht. Weiterlesen

Meilensteintagung des Forschungsverbundes „Interactive Science“

Rauischholzhausen1

Rauischholzhausen1

Im wunderschönen Schloss Rauischholzhausen bei Gießen fand vom 09.-11.09.09 die erste Meilensteintagung des Forschungsverbundes „Interactive Science“ (Weblog des Forschungsverbundes, Interactive Science bei Wissenslogs) zum Thema „Kommunikationsformate und ihre Dyamik in der internen und externen Wissenschaftskommunikation“ statt. Der interdisziplinär zusammen gesetzte Forschungsverbund ergründet, wie sich Wissenschaftskommunikation unter dem wachsenden Einfluss digitaler Medien verändert, ob sich auch in Zukunft klare Grenzen zwischen interner und externer Wissenschaftskommunikation werden ziehen lassen und welche neuen Formen und Formate der Wissenschaftskommunikation sich „dazwischen“, also zwischen „interner Wissenschaftskommunikation“ unter Wissenschaftlern und „externer Wissenschaftskommunikation“ zwischen Wissenschaft(ler) und Öffentlichkeit herausbilden (Fotoalbum).

Eine ausführlichere Würdigung zu dieser sehr lebhaften und anregenden Tagung, deren Twitter-Nachrichtenstrom man sich unter dem Hashtag #Insi09 anschauen kann, liefere ich demnächst an dieser Stelle nach.

Vorab möchte ich schon den Eröffnungsvortrag von Michael Nentwich (@cyberscientist) vom Institut für Technikfolgenabschätzung an der österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien zum Thema „Cyberscience 2.0“ hervorheben. Hier auch die Folien zu meiner Präsentation zur „internetöffentlichen Netzwerkwissenschaft“ und der Problematik des Vertrauens:

Zu den ersten „Lessons learned“ gehört für mich, dass Open Access als Publikationsweg bei den Kollegen aus den Naturwissenschaften mit erheblich größerem Nachdruck eingefordert wird als ich das bisher bei den Sozial- und Geisteswissenschaften wahrgenommen habe und dass viele Wissenschaftler schon sehr gute Erfahrungen mit Open Acces Journals gemacht haben.

Lars Fischer (Abgefischt; @fischblog) macht sich dafür stark, eine Petition für Open Access beim deutschen Bundestag einzureichen und hat dafür eine Diskussion bei der Wikiversity einegerichtet und bittet um Reaktionen zur Idee einer Petition für Open Access. Der Text, den Lars Fischer vorschlägt, lautet wie folgt:

Der Bundestag möge beschließen, dass wissenschaftliche Publikationen, die aus öffentlich geförderter Forschung hervorgehen, allen Bürgern kostenfrei zugänglich sein müssen. Institutionen, die staatliche Forschungsgelder autonom verwalten, soll der Bundestag auffordern, entsprechende Vorschriften zu erlassen, sofern noch nicht vorhanden.

Was bedeutet „Internetöffentliche Netzwerkwissenschaft“? Ein Brainstorming

Im Nachgang zum Workshop „Interne Wissenschaftskommunikation“ des Forschungsverbundes „Interactive Science“ vom KWI Essen und vom ZMI Gießen (hier) hatte ich Gelegenheit, über „internetöffentliche Netzwerkwissenschaft“ nachzudenken. Auf dem Workshop des ForschungsverbundesInteractive Science“ hatte ich ich das Regime der „Elitewissenschaft“ und ein Gegenmodell „internetöffentliche Netzwerkwissenschaft“ kontrastiert. In der Diskussion um Vertrauen und Qualitätssicherung haben wir herausgestellt, dass sich die Wissenschaft unter dem Einfluss von Impulsen aus dem Internet tiefgreifend verändert, das Regime der „Elitewissenschaft“ durch eine „internetöffentliche Netzwerkwissenschaft“ abgelöst wird, jedoch nicht näher besprochen, wodurch „internetöffentliche Netzwerkwissenschaft“ inhaltlich bestimmt sein wird. Die folgenden 11 Punkte fassen erste Ideen zusammen. Ich bin zuversichtlich, dass das Regime der „Eilitewissenschaft“ durch in den kommenden Jahren durch „internetöffentliche „internetöffentliche Netzwerkwissensschaft“ abgelöst wird, wie ich sie hier andeute. Die Unausweichlichkeit der Impulse aus dem Netz auch für diejenigen, welche eher eine Fortsetzung des Regimes der „Elitewissenschaft“ präferieren, wird unter der Bezeichnung der „Mediatisierung“ ohnehin längst diskutiert. Hier nun meine 11 Punkte – Ergänzungen und Diskussion willkommen:

1. Öffentliche Forschung – Forschung ist öffentlich, solange es nicht gravierende sachliche Gründe gibt, die das Fernhalten einer Forschungsarbeit von der Öffentlichkeit im Einzelfall erzwingen. Forschung, die von Professoren (Beamtenstatus) durchgeführt wird, ebenso wie direkt oder indirekt aus Steuermitteln finanzierte Forschung muss öffentlich sein. Öffentlich sein bedeutet mindestens die Bereitstellung des Forschungsberichts mit allen Ergebnissen als Open Acces Publikation, ebenso die Bereitstellung sämtlicher daraus entstehender Schriften (Monografien, Fachzeitschriftenartikel, Sammelbandbeiträge, Working Papers, Discussion Papers) für die Öffentlichkeit, und drittens das Bereitstellen eines Feedback-Kanals, welcher es Lesern ermöglicht, Fragen und Kommentare öffentlich direkt an den Forscher zu richten. In den Bereich internetöffentlicher Forschung die im Netz publizierte Monografie, ein Artikel in einem Peer Reviewed Journal, aber auch ein Social Media Beitrag, sofern wissenschaftliche Originalität oder Wissenschaftsbezug gegeben sind. Idealerweise gewährt der Wissenschaftler freiwillig – ohne Auflagen durch Hochschule oder Forschungsinstitut – der Öffentlichkeit Einblick in Stufen und Phasen des Forschungsprozesses und diskutiert wesentliche Fragen in den Social Media (z.B. Text, Foto, Video, Podcast, Livestream, Tweet). Weiterlesen

Workshop „Interne Wissenschaftskommunikation über digitale Medien“

Montag und Dienstag fand am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) der Workshop über “Interne Wissenschaftskommunikation über digitale Medien” statt – auf Einladung von Claus Leggewie (Essen), Christoph Bieber (ZMI Gießen, Politik Digital, Internet und Politik) und Jan Schmirmund (ZMI Gießen), die im Rahmen des Forschungsverbundes “Interactive Science” gemeinsam interdisziplinär forschen, was die Charakteristika von interner Wissenschaftskommunikation im Gegensatz zum Wissenschaftsjournalismus bzw. zur externen Wissenschaftskommunikation kennzeichnet. Der Workshop hatte eine klare Fokussierung auf sozialwissenschaftliche Perspektiven und auf Social Media (Web 2.0 etc. im Gegensatz zu den frühen digitalen Medien der 1980er und 1990er Jahre).

Der Workshop hatte vier Sessions: In der ersten Session hat Jan Schmirmund uns Gästen den Forschungsverbund “Interactive Science” vorgestellt – ein junges, Projekt, finanziert durch die Volkswagenstiftung und standortverteilt auf verschiedene Forschungsstandorte in Deutschland und Österreich. In den Folgesessions sollten Experten – Benedikt Köhler, Marc Scheloske, Guido Möllering und ich – auf Fragen zu Spezialthemen. Benedikt Köhler (Viralmythen) wurde befragt zum Thema Formate der Social Media (Blogs, Wikiwebs, Microblogging, virtuelle Welten etc.). Welche neuen Medienformate werden zukünftig zur internen Wissenschaftskommunikation verwendet? Wo sind die Potenziale und Grenzen der Social Media für die Wissenschaftskommunikation? Sind Blogs am Ende?

Marc Scheloske (Wissenswerkstatt, Wissenschaftscafé Science Blogs) wurde zur Grenze zwischen interner Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus befragt. Wie tragen digitale Medien dazu bei, die Grenze zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit aufzuweichen oder neu zu ziehen? Dann haben Guido Möllering und ich Vertrauen für die Thematik der internen Wissenschaftskommunikation diskutiert. Welchen Stellenwert hat Vertrauen in der internen Wissenschaftskommunikation an der Schwelle zwischen interner und breiter öffentlicher Wahrnehmbarkeit? Wie kann in diesem Grenzbereich Qualität gewährleistet werden? Weiterlesen

Neues aus der Bildungsanstalt: 11 Herausforderungen an die deutsche Universität II

In Teil 1 dieses Megabeitrags habe ich fünf Herausforderungen an die deutsche Universität diskutiert. In diesem zweiten Teil folgen 6 weitere Herausforderungen, drei davon sind von der deutschen Universität bisher weitgehend ignorierte Herausforderungen aus dem Internet. Hier geht’s weiter:

(6) Das akademische Feld und die Rolle der Professoren

Begreift man – wie Pierre Bourdieu in „Homo Academicus“ (1992) und Richard Münch in „Die akademische Elite“ (2007) – Wissenschaft als akademisches Feld, so kommt man auch um den marktlichen Charakter des Feldes nicht herum. Dann Feld ist eine Arena, in der mit ungleichen Tauschchancen ausgestattete Akteure um knappe Ressourcen und Tauschchancen konkurrieren, wie sie bei Max Weber in “Wirtschaft und Gesellschaft” (1920/1980: 382-385), Neil Fligtein in “The Architecture of Markets” (2001) und zuletzt bei Jens Beckert in “How Do Markets Change? On the Interrelations of Institutions, Networks and Cognition in the Evolution of Markets” charakterisiert wird (2008). Damit wird der Fokus explizit auf Akteure, Macht und Ungleichheit ihrer Tauschchancen gerichtet.

Akteure in dominierender Position sind Bundeswissenschaftsministerium, Kultusministerkonferenz, Wissenschaftsrat, Deutsche Forschungsgemeinschaft, finanzierende Stiftungen, Gutachter, Anbieter von Rankings, Organe der Universitäten und Institute, professionelle Vereinigungen, Akkreditierungsagenturen und selbstverständlich Professoren, Nachwuchswissenschaftler hingegen befinden sich in einer herausfordernder Position (vgl. Fligstein 2001). Ungleiche Akteure im akademischen Feld konkurrieren um knappe Ressourcen und Teilhabechancen wie z.B. Forschungsmittel, Lehrstühle, Professuren, Stellen, Publikationen, Auszeichnungen, Konferenzteilnahmen, Vorträge und – mit deutlich geringerem Stellenwert – Lehrveranstaltungen. Das Votum der Professoren als Akteuren in dominierender Position ist mitentscheidend für Spielregeln und Erfolgsbedingungen im akademischen Feld. Ihre Entscheidungen und Interessen sind also mitbestimmend dafür, welche Strukturbedingungen, Ressourcen und Chancen der wissenschaftliche Nachwuchs vorfindet, welche Erzeugnisse als wissenschaftliche Arbeit Anerkennung finden und welche nicht.

Martin Huber stellt fest, dass Richard Münch lediglich die Programme der Exzellenzkonstruktion, d.h. das Regime der Drittmittel und Kennziffern in absoluten Zahlen, sowie das Verhältnis von Drittmittelinput und Publikationsoutput – nicht jedoch die Zahlenherrschaft als solche – kritisiert (Huber 2008: 286). Bleibt hinzuzufügen, Professoren, die in Gutachterausschüssen, wissenschaftlichen Beiräten mitwirken oder NPM durch neue Prüfungs- und Studien-, Promotions- und Habilitationsordnungen implementieren, selbst das Exzellenzregime repräsentieren. Sie sind Konsekrationsinstanzen für Studierende, Promovierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Dieses Bild kontrastiert mit der z.B. in Münchs “Die akademische Elite”(2007) und in Interviews gepflegten Darstellung eines äußeren, dinghaften, zwingenden und Strukturwandels des Wissenschaftswesens mit dem Charakter einer unabänderlichen sozialen Tatsache. So erweckt z.B. im Interview mit DIE ZEIT (2007) und Telepolis (2007) den Eindruck, als ob Professoren am wissenschaftlichen Strukturwandel unbeteiligt seien. Dabei sind sie – nicht der einzelne Professor, gleichwohl wohl jedoch alle im Zusammenwirken – für die Verhältnisse verantwortlich, welche Nachwuchswissenschaftler erben, z.B. für das Ausbleiben der Ausschreibungen der Junior-Professur, die Stellenprofile des Lehrprofessors und der Lehrkraft für besondere Aufgaben, die geringe Vergütung von Lehraufträgen und zeitlich befristete Arbeitsverträge. Da stellt sich die Frage, weshalb Münch an der Implementierung von NPM bereitwillig beteiligt, statt sich aktiv zu widersetzen und dem von ihm selbst miterzeugten „akademischen Nachwuchs“ eine wissenschaftliche Revolution verordnet. Das hätte der Nachwuchs wohl eher von den Professoren erwartet.
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