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Heitere Postkarten – ePost und De-Mail für mehr Vertrauen im Netz?

Das Telex war seinerzeit für mich ein Faszinosum: Eine geheimnisvolle Maschine, in die man Kurzmitteilungen eintippte. Der Fernschreiber zeichnete diese Nachrichten auf einem Lochstreifen auf und sandte sie mit einem dem Telefonnetz ähnlichem Direktwahlsystem rund um die Welt – rund um die Welt in Sekunden. Bestechend am Telex war die Sprache in Kürzeln, und mehr noch, wie der Lochstreifen durch die Maschine rappelte.  Oder das Telegramm. Ich erinnere mich nur an Telegramme mit frohen Botschaften: Hochzeiten, Kindsgeburten, Glückwünsche oder Grüße auf Schmuckkärtchen. Über Datenschutz und Sicherheit hat man sich keine Gedanken gemacht, allein das Tempo und die Bequemlichkeit standen im Vordergrund. Das Telex wurde in den 1980er Jahren vom Telefax verdrängt. Telegramm, Telex, Telefax, und auch die berühmte Telefonzelle haben längst Museumscharakter. Sie alle sind durch Internet, E-Mail und mobile Endgeräte verdrängt worden. Trotz des hohen SPAM-Aufkommens ist der Siegeszug der E-Mail ungebrochen. Das Medium E-Mail hat unsere Fähigkeit zur Verarbeitung unzähliger Nachrichten deutlich gesteigert. Mitten in diese E-Mail-Normalität platzen neue Angebote: Seit Mitte Juli hat die Deutsche Post AG ihr Angebot ePostbrief, am Start. In Konkurrenz dazu bieten Telekom, Web.de, GMX und andere Provider eine neue Variante der Digitalpost an. Dieses neue Angebot De-Mail soll Anfang 2011 bereit stehen. Eine Registrierung für die neuen Adressen ist bereits möglich. De-Mail ist ein Angebot des Bundes (siehe De-Mail beim BSI). In aktuellen Werbespots macht die Post große Versprechungen: „Wir bringen das Postgeheimnis ins Internet“, kündigt die Post in ihrem Werbespot an. Verbindlich, vertraulich und verlässlich soll die elektronische Kommunikation sein. Die Revolution der digitalen Kommunikation? Weiterlesen

Über Reisehysterie und Terrorismusgefahr

„New #TSA rule: Passengers to be handcuffed to seats. Frequent fliers will be given keys“, „New #TSA rule: Babies no longer permitted to sit on laps. Must fit into overhead compartments“ und “Repeat tweet from yesterday: I renew my 12/01 call to fly naked” waren nur einige der Tweets von Jeff Jarvis gestern abend. BoingBoing und Gizmodo unterbreiten den Vorschlag, gleich die amerikanische Sicherheitsbehörde TSA zu feuern. Nach dem Terroralarm auf Delta Airlines Flug 253 am 25. Dezember, als ein junger Nigerianer beim Versuch überwältigt wurde, einen Airbus auf dem Flug nach Detroit mit Nitropenta (PETN) in die Luft zu sprengen, ist zwei Tage ein Flugpassagier nach der Landung wegen auffälligen Verhaltens festgenommen worden. Er habe sich eine Stunde lang in der Bordtoilette eingeschlossen, verlautete aus Polizeikreisen. Nach der Landung sei er verbal ausfällig geworden. Ein Sprecher des Flughafens von Detroit sagte, der Pilot habe nach der Landung Unterstützung angefordert  [CNN, ARD, Der Westen]. Weiterlesen

Sollten wir im Internet von Unsicherheit anstelle von Sicherheit sprechen?

Spätestens seit Ulrich Becks Zeitdiagnose über die Risikogesellschaft (Frankfurt/Main, Suhrkamp 1986) hat Sicherheit einen sehr hohen Stellenwert. Ende der 1980er Jahre stand die Gesellschaft unter dem Eindruck von ökologischen Katastophen – Stichwort Tschernobyl. Es entstand eine Vielzahl von Untersuchungen, die sich mit Risiko, Sicherheit, Katastrophen und der Logik des Misslingens befasste. Ein Denken in den Kategorien des Risikos haben wir uns längst zu eigen gemacht. Zugleich sind wir im Alltag mit mit vielen vielen Unsicherheiten konfrontiert, d.h. wir müssen mit der Möglichkeit leben, belogen, belogen, beklaut, verleumdet oder auf andere Weise geschädigt zu werden. Wir sind bestrebt, uns vor Betrug, Schädigung, Diebstahl, Verleumdung und vielen anderen Dingen zu schützen, die für uns Katastrophen bedeuten.

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich das Risikomanagement als eine zunächst auf Finanzmärkten, dann in Wirtschaftsorganisationen verbreitete Praxis des organisationalen Rechnens und Entscheidungsgrundlage entstanden. Im Mittelpunkt steht der Value at Risk, der ökonomische Wert, der im Fall einer Katastrophe verschwinden könnte. Wie im Modell von Frank Knight wird in der Praxis des Risikomanagement grob gesagt Unsicherheit in Risiko transformiert, in dem man Ereignisse definiert, die eine (wirtschaftliche) Katastrophe bedeuten, das Ausmaß der Katastrophe in Geldeinheiten bestimmt, dem Ereignis eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet, und dann auf Grundlage dieser Vorgaben Berechnungen durchführt, um Risiken zu bestimmen. Ein Unternehmen, das mit vielen Risiken belastet ist, hat auf relevanten Märkten geringere Tauschchancen als ein Unternehmen, das mit weniger Risiken belastet ist. Organisationen tendieren zunehmend zu einem risikoaversen Verhalten; sie versuchen, Risiken zu bestimmen und zu vermeiden (Power, Michael, Organized Uncertainty, 2007).

Im Alltag tendieren wir schon in dieselbe Richtung, wenn wir unser Verhalten anpassen: Wir schließen zahlreiche Versicherungen gegen eine Vielzahl möglicher Schadensfälle ab, wir eignen uns im Alltag ein risikoaverses Verhalten an. Bevor wir uns auf etwas Neues einlassen, checken wir lieber mehrfach und tendieren zu einem vorsichtigen, abwartenden, eher misstrauischen Verhalten. Mit unserer Angst können Versicherungen sehr gute Geschäfte machen, Parteien wählen Sicherheit als Wahlkampfthema, und das Thema Sicherheit ist Geschäftsgrundlage für etliche Wirtschaftsbranchen und viele Berufsgruppen. Damit entstehen zwei große Probleme: 1. Auch bei noch so elaborierter Kalkulation -unter Zuhilfenahme immer komplizierterer Formeln, unter Berücksichtigung von mehr Variablen – die Unsicherheit eines möglichen Scheiterns verschwindet nicht. 2. Wenn die Bereitschaft in der Bevölkerung zurückgeht, etwas Neues zu wagen (einen Unternehmen zu gründen, ein Geschäft abzuschließen, eine Finanztransaktion durchzuführen), werden wir langfristig immer weniger davon sehen. Wir meiden das Risiko umso stärker, je mehr wir wissen, dass wir bestraft werden, wenn wir uns vorwagen einlassen und damit scheitern.

Ich würde mich über Reaktionen auf diese Frage freuen: Sollten wir – in der Gesellschaft, im Wirtschaftsverkehr und im Internet – nicht besser von „Unsicherheit“ anstelle von „Sicherheit“ und „Risiko“ sprechen?

These dazu: Sicherheit ist eine Illusion. Tatsächlich leben, arbeiten, wirtschaften wir, online und offline, unter den Bedingungen von Unsicherheit (vgl. in Bezug auf das Wirtschaftsleben z.B. Beckert, Grenzen des Marktes, Frankfurt/Main: Campus 1997). Wir wissen im Alltag nicht, aus welchen Ecken die Katastrophen auf uns zurollen. Würden wir uns so damit beschäftigen wie das Risikomanagement vorsieht und wie es ein Mensch tun würde, der bestrebt ist, sich ökonomisch rational im Sinne des Modells des Homo Oeconomicus zu verhalten, müssten wir alle Quellen von Unsicherheit identifizieren, ihren Schadensumfang und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmen (bzw. das zumindest versuchen). Damit würden wir damit Berechnungen anstellen und unsere Entscheidungen darauf basieren (im Sinne einer ‚perfekten Anpassung‘) – wir wären nicht mehr handlungsfähig. 1. Selbst wenn wir unser komplettes Zeitbudget und unsere gesamten kognitiven Fähigkeiten für das Auffinden möglicher Quellen von Unsicherheit aufwenden würden, gäbe es immer noch unentdeckte Katastrophen (vor allem jenseits des erlernten Berufs). 2. Zudem würde die Unsicherheit durch all diesen Aufwand nicht verschwinden. 3. Wir würden handlungsunfähig, weil unsere Ressourcen gebunden wären und wir uns auf nichts Neues mehr einlassen könnten. Konsequenz: Auch unter den Bedingungen von Unsicherheit müssen wir entweder Vertrauen entwickeln oder auf bestimmte Vorzüge des Internet, die das Leben angenehmer und bequemer machen können, verzichten. Wir brauchen eine Diskussion über das gute, vertrauenswürdige Internet, obgleich wir genau wissen, dass auch Personen, Gruppen und Organisationen im Netz unterwegs sind, die es auf die Schädigung anderer absgesehen haben. Sicherheitsexperten erbringen punktuell – in Bezug auf jeweils einen bestimmten Typ von Unsicherheit –  viele sehr wertvolle Beiträge und werden deshalb dringend gebraucht – nur eben nicht allein, sondern im Zusammenwirken mit uns allen.

Anschauungsmaterial dazu liefert unter anderem dieses kleine Video. Darin demonstriert Ruben Unteregger (Blog) wie man über das Internet einen arglosen Bankkunden beraubt – gut, die Software ist jetzt verbreitet, der Quellcode sogar öffentlich einsehbar – Geschäftsbanken dürften ihre Schlüsse für das Onlinegeschäft gezogen haben – aber schauen wir doch da mal vorbei: Da wird aus einem Basisprogramm und einer Schadroutine (bösartigen Code, welcher im Hintergrund ohne Wissen der Opferperson ausgeführt wird) ein  Trojaner zu erzeugt, der sich auf dem Computer des Opfers einnistet und einem Fremden ermöglicht, den Bankkunden auszurauben:

p.s. Da ich die Frage vor dem Hintergrund des Interesses zum Problem des Vertrauen im Netz stelle, und weil derzeit sehr hitzig über Ordnungsregeln für das Internet diskutiert wird, wäre ich für Einschätzungen und Meinungen sehr dankbar.

Update: 30.08. Das Video ist aus dem Internet entfernt worden.

Deutschland, Deine Armutsindustrie

Wir haben in Deutschland ca. 3,8 Millionen Arbeitslose und eine hohe versteckte Arbeitslosigkeit, d.h. Menschen, die – vermutlich aus wahltaktischen Erwägungen der Regierungsparteien – in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit nicht als Arbeitssuchende aufgeführt werden müssen, weil man sie in aus Steuermitteln finanzierter Kurzarbeit oder in staatlich subventionierten Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen „untergebracht“ hat. Wie diese Menschen in der Sozialgesetzgebung nach HartzIV tatsächlich „beschäftigt“ werden, wie die ARGEN ihnen Beine machen, damit sie sich auch auf demütigende, sinnfreie Tätigkeiten und Jobs ohne jede Perspektive  einlassen und wie Unternehmen von der Not der Betroffenen profitieren, hat der WDR vergangene Woche in einer erschütternden Reportage gezeigt. Leseempfehlung dazu: Claudia KlingerSanta Prekaria.

Analytisch klarer dazu schreibt  Wolfgang Streeck (2009): „Re-forming Capitalism„. Darin untersucht Streeck, wie die Institutionen der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland – branchenbezogener Flächentarif, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, Sozialpolitik, Öffentliche Finanzen und die abnehmende Verflechtung der „Deutschland AG“ – seit den 1970er Jahren abgeschwächt und ausgehöhlt werde, wie sich der koordinierte Kapitalismus deutscher Prägung immer weiter in Richtung des liberalen Modells angelsächsischer Prägung verändert und inwiefern die deutsche Variante dieser Angleichung an das angeslsächsische Modell des liberalen Kapitalismus als pathologisch bezeichnet werden kann. In einem ebenfalls sehr lesenswerten Aufsatz „Reigning in Flexibility“ erläutert Streeck, wie „Markt“ (hier als Extremform des Marktwettbewerbs als soziales Ordnungsprinzip) und „Flexibilität „dazu eingesetzt werden, dass die Mensche mit immer mehr Knappheit umgehen müssen und welche sozialen Folgen das hat: z.B. sinkende Geburtenraten, weil junge Erwachsene genug mit der Unsicherheit zu tun haben, die andere auf sie abwälzen und unter den gegebenen Verhältnissen keine Ambitionen entwickeln, eine eigene Familie zu gründen. Traurige Ironie an der deutschen Variante des Strukturwandels im Kapitalismus ist, dass liberale Grundprinzipien wie „Marktwettbewerb“, „Flexibilität“ usw. für die Menschen größere Handlungsspielräume und erweiterte Möglichkeitshorizonte bedeuten müssten, in der deutschen Sozialstaatsgesetzgebung nach HartzIV den Menschen jedoch das Korsett der „Aktivierungspolitik“ der Bundesagentur für Arbeit aufgezwungen wird, die sich weder an Freiheit  interessiert zeigt, noch Anreize gibt oder Ressourcen bereitstellt, mit denen der Betroffene eine neue, bessere Situation für sich selbst erschaffen kann und stattdessen auf Aktivierung durch Androhung von Leistungsentzug setzt. Die Videos zeigen Erscheinungsformen, Widersprüche und soziale Folgen des von Streeck beschriebenen Wandels des Kapitalismus bezogen auf die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Deutschlands.

Videos: Teil 1, Teil 2, Teil 3.

Nachtrag 21.07.09: Dokubeitrag ARD aus 2008 – Fallbeispiel Überwachung einer HartzIV-Bezieherin (via PiratHH)

Barcamp Ruhr 2

Schön war’s, das Barcamp Ruhr 2 mit dem Themenfokus „Sicherheit“ im Unperfekthaus in Essen. Das Barcamp Ruhr hatte eine ganze Reihe guter Sessions und bot viel Raum für Diskussion und das persönliche Gespräch. Zwar fand ich, dass das Thema „Sicherheit“ für meine Begriffe und Bedürfnisse etwas kurz kam – da hatte ich auf mehr Sessions der Experten aus den Informationswissenschaften, den Rechtswissenschaften und anderen Disziplinen zum Themenfeld Sicherheit gehofft. Beispielhaft für einen guten Vortrag und mit lebhafter Diskussion aus dem Bereich Sicherheit möchte ich Felix Gröbert erwähnen. Techniken wie Gesichtserkennung und ex post Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Social Media Quellen wie Twitter und Flickr ermöglichen leichter als bisher die Erstellung komplexer Persönlichkeitsbilder aus User generated Content, mit Folgen für die Betroffenen bei unbedacht online gestellten Inhalten oder Inhalten, die Dritte ohne Erlaubnis der Betroffenen über sie ins Netz stellen könnten – sie ermöglichen sehr komplexe Bilder der Online-Aktivitäten eines Akteure und können sich deshalb als folgenreich für die Betroffenen und ihre Privatsphäre herausstellen. Die De-facto-nicht-Mehr-Entfernbarkeit unwünschter Inhalte aus dem Netz aufgrund möglicher Spiegelung durch die Vielzahl Netznutzer kam häufig zur Sprache. Jedenfalls wünsche ich mir mehr Austausch mit Sicherheitsexperten aus technischen, informationswissenschaftlichen und rechtlichen Disziplinen bei künftigen Events. Zugleich waren mehr Teilnehmer aus den sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereichen und dem Kulturbereich dort als ich es bisher von Barcamps kannte, und das war toll. Die Startconference will Kulturschaffende, besonders aus dem Hochkulturbereich für den Aufbau von Online-Identitäten und eine professionelle Nutzung der Social Media gewinnen gewinnen, das Projekt Ruhrgebiet für lau von Claudia Pirc hatte ich zuvor schon mal gestriffen. Neu war für mich das Projekt Seeinglastsupper, eine Interpretation von Leonardo Da Vincis Abendmahl in Flash aufbereitet und faszinierend erklärt von Jochen Schröder. Und bei keiner anderen Konferenz, keinem anderen Workshop oder Barcamp zuvor hat es es so wunderbare Musik gegeben: Eine Kombo der Duisburger Symphoniker, die Philharmonixx, haben der versammelten Barcampgemeinde am Samstag auf das Feinste eingeheizt – hier meine Bildschnipsel als Slideshow und der Mitschnitt des Duisburger Philharmoniker Teams 🙂 – toll.

Wir haben auf dem Barcamp Ruhr zwei Sessions zur Thematik des Vertrauens online durchgeführt und dabei hervorgehoben, dass wir über Vertrauen unter der Bedingung von Unsicherheit sprechen, und dass das Internet nicht ein vom übrigen Sozialleben getrenntes „Second Life“ sondern vielmehr integraler Bestandteil der sozialen Wirklichkeit ist. In der Diskussion haben die Teilnehmer eine Reihe kritischer Fälle aus der Praxis des Online-Lebens angesprochen, die mich darin bestärken,  die Thesen der obigen Präsentation sowie in einem Aufsatz, den Guido Möllering und ich miteinander in diesem Themenbereich schreiben, nachdrücklich zu vertreten. Daher möchte ich auch hier nochmal den Diskussionsteilnehmern für ihre Fragen und Kommentare danken.

DGS08 Ad-hoc-Gruppe 34: Macht und Unsicherheit im neuen Netz

DGS-Kongresse bieten stets eine solche Fülle an Themen und Veranstaltungen, dass es praktisch unmöglich ist, mehr als ein Thema vernünftig zu verfolgen, so auch „Unsichere Zeiten„: Allein die Sektion Wirtschaftssoziologie war mit drei Veranstaltungen dabei. Dazu kamen die Sektionen Industriesoziologie und politische Soziologie, die ebensoviel Aufmerksamkeit verdient hätten, und die Netzwerkforschung, die sich jetzt als Arbeitsgruppe gegründet hat.

Sehr informativ fand ich die Veranstaltung „Was heißt heute Mediengesellschaft?“. Sie hat gezeigt, wie sehr Medien alle Lebensbereiche durchdringen und wie wir Medien in unserem Arbeits- und Alltagshandeln Medien einsetzen. Christiane Funken (Berlin) berichtete aus ihren empirischen Studien, wie die charakteristische Verwendung von Mails Onlinemedien durch massenhafte Verwendung einerseits und die für Organisationen charakteristischen Verwendungsweisen andererseits zu einer gravierenden ökonomischen, zeitlichen und kognitiven Belastung für Organisationen geworden ist. Jeder Mitarbeiter hortet Tausende von E-Mails und verbringt mehrere Stunden pro Tag mit der Abfassung von E-Mails. Wie Funken auf Nachfrage bestätigte, ist die E-Mail-Flut nicht allein den Spam-Massen geschuldet, die ein Spam-Filter aus dem Verkehr zieht. Vielmehr ist die in Organisationen verbreitete Nutzungsweise entscheidend. Mitarbeiter senden massenhaft E-Mails, um Kollegenkreise über ihre Aktivitäten zu informieren, in Leistungsevaluationen gut abzuschneiden und sich selbst möglichst gut gegen mögliche Schuldzuweisungen für Ereignisse des organisationalen Versagens abzusichern (mit CC, BCC). Michael Jäckel (Trier) diskutierte die Frage nach einer möglichen Mediatisierung oder Emanzipation des Publikums anhand der Aufhebung der eindeutigen Trennung von Sender und Empfänger mit Internet und Social Media. Die „Selbstorganisation“ des Internet definiert die Zukunft der Mediennutzung und des Publikums weit über die rein technischen Aspekte hinaus. Leider verpasst habe ich die Ad-hoc-Gruppe „Onlinedating – neue Wege der Partnerwahl„. Nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise niedrigen Markteintrittsbarrieren ist eine unüberschaubare Anzahl von Plattformen entstanden, auf denen in Deutschland Schätzungen zufolge ca, 6,5 Millionen Menschen nach losen Kontakten, Freundschaften, unverbindlichen sexuellen Abenteuern, festen Partnerschaften und Ehepartnern suchen. Aber Jan Schmidt berichtet ausführlich über die Ad-hoc-Gruppe Onlinedating und präsentiert seinen Vortrag über die Praktiken des Identitäts- und Beziehungsmanagements auf Social Networking Plattformen.

In der Ad-hoc-Gruppe „Macht und Unsicherheit im neuen Netz?“ haben wir „Social Software“, „Web 2.0“ und die dazugehörigen Verwendungsgemeinschaften in den Kontext des Kongressthemas Unsicherheit gestellt. Wir haben diskutiert, wer im neuen Netz den Ton angibt, wie das geschieht, mit welchen Unsicherheiten die Menschen dabei konfrontiert sind. Homo Sociologicus hat auch schon ausführlich zur Ad-hoc Gruppe berichtet, in der wir das neue Netz im Licht der unsicheren Zeiten sehr ernsthaft diskutiert haben.  Unser Publikum war klein, aber oho: Selten findet sonst man ein Forum, wo man nicht entweder Grundzüge der Soziologie oder Anwendungen des neuen Netz erklären muss, und folglich die Diskussionen ein gutes Niveau.

Zuerst hat Benedikt Köhler die neuen Formen des Wissensmanagements mithilfe von Bookmarks (Lesezeichen) und tags (Schlagworten) erläutert und seine Potenziale im Verhältnis zur herkömmlichen kategorialen Wissensorganisation etwa in Bibliotheken diskutiert. Benedikt hat soziotechnische Entwicklung von klassischen Kategoriensystemen hin zu Tagging-(Un-)ordnungen beschrieben. Vor dem Hintergrund der Theorie Reflexiver Modernisierung deutet Benedikt die WWWissensordnungen als zweitmoderne
Wissensordnungen. Wie die Diskussion ergab, stellen die von Prodnutzern geschaffenen Wissensordnungen im neuen Netz Unsicherheiten in erheblichem Ausmaß dar: Sie fordern Professionen heraus, es stellt sich die Frage nach der inhaltlichen Qualität aufgefundener Information, aber auch Macht- und Eigentumsfragen.

Danach ist Lars Alberth die Frage nach der Hegemonie und der Repräsentation im Internet aufgeworfen. Lars ist dieser Frage am Beispiel der deutschsprachigen Blogosphäre gefolgt. Wer repräsentiert die Blogosphäre,  wie geschieht das, welche Rolle spielen Rankinglisten wie die A-List? Anhand der Analyse mehrer Diskussionen in Weblogs und auch von Printtexten zu Zustand, Status und Möglichkeiten der Blogosphäre hat Lars Alberth die Kämpfe um ihre hegemoniale Deutung analysiert. Dazu hat Lars die Diskussion zwischen Bloggern und Wissenschaftlern im ZKM vom Herbst 2005, die Projekte eines „linken Neoliberalismus“ (Mercedes Bunz) jenseits der Erwerbsbiographie (Lobo/Friebe) und die Debatte um das „Fakebloggen“ bzw. virale Marketing zum Parfüm „In2U“ von Calvin Klein aufgegriffen. Lars hat dem Blogmilieu kritisch auf die Tastaturen geschaut und Widersprüche zwischen dem Anpruch der Autonomie und Authentizität einerseits und der Einbettung des Internet und des Bloggermilieus in kapitalistische Strukturen andererseits – die sich manche Protagonisten der Szene ungern einzugestehen scheinen – aufgezeigt.

Kai-Uwe Hellmann hat sich das Mitmachweb 2.0 und der Produktion von „User generated content“ vorgenommen. Während sich die Bloggerszene kritisch distanziert zu privatwirtschaftlich geführten Unternehmen positioniert, sehen sich Unternehmen im neuen Netz mit Macht und Unsicherheit aus anderer Quelle konfrontiert: ihren Kunden. Die etablierte Machtasymmetrie erodiert, denn Web 2.0 ermöglicht und begünstigt eine Aktivierung der Eigeninitiative der Konsumenten, wie sie bisher unvorstellbar war.
Dieser Innovationsschub, bezogen auf den Fluchtpunkt Sozialisationseffekte, könnte
erhebliche Folgen für das Verhältnis von Unternehmen und Kunden haben. Unternehmen sehen sich unter wachsendem Erwartungsdruck, sich ihren Kunden gegenüber responsiv und transparent zu zeigen. Kunden erwarten von ihnen Kritikfähigkeit und symmetrische Aushandlungsprozesse und eine Bereitschaft zum Dialog, die sich mit den hohen Ansprüchen an Autonomie und Authenzität wird messen lassen müssen. Kai-Uwe antizipiert eine Unternehmenskulturrevolution 2.0, die keineswegs vor den Haupteingängen der Unternehmen Halt machen muss. Sie könnte unternehmensinterne Entscheidungsprozesse grundlegend renovieren und den Kontakt zwischen Kunden und Mitarbeitern grundlegend verändern.

Die Problematik und die Konstitution von Vertrauen beschäftigen mich schon seit einer Weile. Die „Initialzündung“ hatten Diskussion im privaten Bereich und das Buch „Trust – Reason, Routine and Reflexivity“ von Guido Möllering im Jahr 2006 gegeben wo der Fokus eher auf interorganisationalen Geschäftsbeziehungen lag. Aber fragt man Verwandte, Bekannte und Freunde , ob sie dem Internet trauen, bekommt man oft ein plattes „Nein“. Doch das undifferenzierte „Nein“ richtet sich auf das Internet in seiner Gänze und bleibt deshalb widersprüchlich. Auch nutzen dieselben Personen, mir ihr Misstrauen am Internet bekundet haben, selbst aktiv diverse  Onlinemedien und tätigen durchaus wirtschaftliche Transaktionen online. Die Haltung „ich traue dem Netz nicht“ mag in manchen Kreisen noch als Distinktionsmechanismus für Sektempfängen taugen, aber praxistauglich ist dieser Ansatz  nicht. Denn er lässt ja nur die Wahl, entweder ’naiv‘ alles mögliche mitzumachen und spontan alles Mögliche zu entäußern oder eben ganz auf soziale Beteiligung im Netz zu verzichten. Damit schließt man sich selbst von allen Vorzügen der Beteiligung an einem immer wichtigeren Bereich des sozialen Lebens aus. Aber das nicht-enden-wollende Gegeneinander zwischen der Medienberichterstattung und der Selbstverständlichkeit der Medienbenutzung der Szene bzw. der jüngeren Generation hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken, weshalb Vertrauen im Internet überhaupt problematisch und wie Vertrauen online konstituiert wird. Die nachfolgende Präsentation enthält paar kleine Überarbeitungen gegenüber der Vortragsversion und ist recht streng wissenschaftlich gehalten.

Locked in flexibility? DGS-Kongress Unsichere Zeiten in Jena I

Kongresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie erfahren gewöhnlich ein mittelprächtiges Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit. Sie werden von vielen Politikern – nicht allen- mit der Tonlage „versteht eh Mensch, was Ihr da macht, und zu was soll das nütze sein?!“ kommentiert, und am Ende des Tages stellt man fest, dass der Kongress nur mit einer geringen Zahl von Artikeln in der überregionalen Presse vertreten ist:  Diesmal hat die Gesellschaft aus der Presse über sich erfahren dürfen, dass Soziologen vor Rebellionspotenzial warnen oder ihr umgekehrt einiges Rebellionspotenzial zutrauen, Ungleichheit neu vermessen werden muss und Gier nicht alles ist [Netzzeitung, Welt; Tagesspiegel; Printausgabe NZZ 10.10.08, S. 26].

Während die Tagung eröffnet wurde, habe ich den Fernseher eingeschaltet und Kursstürze in Frankfurt und New York angeschaut. Katastrophales Krisenmanagement der deutschen Bundesregierung, so der Tenor. Dienstag morgen haben sie Kursstürze aus New York und Tokyo vermeldet. Dienstag Abend verkündeten die Nachrichten, dass mit Island der erste europäische Nationalstaat am Rand der Zahlungsunfähigkeit steht. Mittwoch früh verpasste die britische Regierung ihren Geschäftsbanken eine Liquiditätsspritze, während die Kommentatoren von CNN das internationale Bankensystem verabschiedeten. Donnerstag morgen führten die Kommentatoren bei CNN eine erregte Diskussion, wie es denn möglich sei, dass man jetzt eine solche Krise erlebe, wo man doch alle Lektionen aus der Finanzkrise am Standort Tokyo in den 1990er Jahren umgesetzt habe. Irgendein Sender präsentierte ein verzweifeltes Ehepaar, das seine gesamten Ersparnisse bei Lehmann Brothers angelegt hatte. Geplatzt alle Träume von einer gesicherten Zukunft. Aber nur ein Extremfall, betonte der Sender. Donnerstag Abend fand Rivva eine Meldung, wonach der Bundesrat in Reaktion auf die Klagewelle zu Hartz IV kommenden Freitag eine Gesetzesvorlage der großen Koalition plant, der die Rechtsberatung für Bezieher von Hartz IV erschwert und die den Rechtsweg erheblich verteuern soll [Welt]. Hätten die Menschen keinen Deutungsbedarf, bräuchte man keine Soziologie. Doch der Kongress „Unsichere Zeiten“ war von allen DGS-Kongressen, die ich bisher mitbekommen habe, der aktuellste und zudem einer der besten.

Plenum Korruption

Die Tagung „Unsichere Zeiten“ hat mich zunächst ins Plenum I über Korruption der DGS-Sektion politische Soziologie geführt. Dort diskutierte Wolfgang Hetzer (Brüssel) Korruption aus einer juristischen Perspektive als „Corporate Culpability“. Er stellte die Frage nach der Schuld und Moralfähigkeit von Unternehmen wie z.B. in der Siemens-Affäre. Aus einer Perspektive der Korruptionsbekämpfung stellt sich ihm pragmatisch die Frage nach der Zurechenbarkeit von Schuld und den Möglichkeiten, Organisationen für ihr Korruptionshandeln verantwortlich zu halten: Ist Korruption etwa ein Strafrechtsphänomen? Ein Fall fürs Dienstrecht? Ein Organisationsphänomen? Ist den  Personen nicht bewusst, dass sie Teil der Korruption ihrer Organisation sind? Noch bis vor wenigen Jahren galt Korruption als Kavaliersdelikt, erst seit Mitte der 1990er Jahre wird Korruption öffentlich angeprangert, und erst in den letzten Jahren hat Korruption – etwa Bestechungshandeln – Eingang ins Strafgesetzbuch gefunden.

Gegen die Nahelegung des Nichtwissens der Akteure korrupten Handelns in Organisationen, somit auch gegen Annahme der Schuldunfähigkeit korporativer Akteure bzw. juristischer Personen wandte sich Peter Graeff (München) ebenfalls am Beispiel der Siemens-Affäre. Weiterlesen