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Heitere Postkarten – ePost und De-Mail für mehr Vertrauen im Netz?

Das Telex war seinerzeit für mich ein Faszinosum: Eine geheimnisvolle Maschine, in die man Kurzmitteilungen eintippte. Der Fernschreiber zeichnete diese Nachrichten auf einem Lochstreifen auf und sandte sie mit einem dem Telefonnetz ähnlichem Direktwahlsystem rund um die Welt – rund um die Welt in Sekunden. Bestechend am Telex war die Sprache in Kürzeln, und mehr noch, wie der Lochstreifen durch die Maschine rappelte.  Oder das Telegramm. Ich erinnere mich nur an Telegramme mit frohen Botschaften: Hochzeiten, Kindsgeburten, Glückwünsche oder Grüße auf Schmuckkärtchen. Über Datenschutz und Sicherheit hat man sich keine Gedanken gemacht, allein das Tempo und die Bequemlichkeit standen im Vordergrund. Das Telex wurde in den 1980er Jahren vom Telefax verdrängt. Telegramm, Telex, Telefax, und auch die berühmte Telefonzelle haben längst Museumscharakter. Sie alle sind durch Internet, E-Mail und mobile Endgeräte verdrängt worden. Trotz des hohen SPAM-Aufkommens ist der Siegeszug der E-Mail ungebrochen. Das Medium E-Mail hat unsere Fähigkeit zur Verarbeitung unzähliger Nachrichten deutlich gesteigert. Mitten in diese E-Mail-Normalität platzen neue Angebote: Seit Mitte Juli hat die Deutsche Post AG ihr Angebot ePostbrief, am Start. In Konkurrenz dazu bieten Telekom, Web.de, GMX und andere Provider eine neue Variante der Digitalpost an. Dieses neue Angebot De-Mail soll Anfang 2011 bereit stehen. Eine Registrierung für die neuen Adressen ist bereits möglich. De-Mail ist ein Angebot des Bundes (siehe De-Mail beim BSI). In aktuellen Werbespots macht die Post große Versprechungen: „Wir bringen das Postgeheimnis ins Internet“, kündigt die Post in ihrem Werbespot an. Verbindlich, vertraulich und verlässlich soll die elektronische Kommunikation sein. Die Revolution der digitalen Kommunikation? Weiterlesen

5th EIASM Workshop on Trust within and between organizations

FINT, the First International Network on Trust, has done a number of workshops trust in inter- and intra-organizational relationships. FINT is a network of scholars from various disciplines doing research on trust. In the past decade, issues of trust in inter- and intra-organizational relationships have become more important on the agendas of organizational scholars, due to changes in the social structure of societies, economic exchange relations and organizations. Deteriorating binding power and norms of reciprocity within and between organizations, reduction of hierarchical relations and sanctions for deviant behavior in organizations and other developments have fostered interest in cooperative behavior and trusting relationships. In networked organizations, organizational performance becomes increasingly dependent on trustful relations. A related development is the globalization and virtualization of markets and social relations within and between organizations. Trust is imperative to constructive social interaction in society and to value creation in economic relations. On January 28 and 29, 2010, FINT had its 5 th EIASM workshop on trust within and between organizations in Madrid, Spain. It brought together researchers from 24 countries. Weiterlesen

How trust and influence work together: Nobel Peace Prize ‚A Call to Action‘

The Nobel peace price for US President Barack Obama has been debated much on the web in recent days. I would like to put aside all the discussion on whether or not Obama deserves the price or whether it comes to early etc. and offer another interpretation. The idea that came to me was that Peace Nobel Price for Obama right now is a nice example of how trust and influence are interrelated. Trust is conditional on actors, expectations, vulnerability, uncertainty, agency and embeddedness; trust is relevant only in social relations that can be specified, e.g. the relationship of a President and his electorate or, more general, the president and the public. Trust is not just about sympathy and affection, even though trust and affection may be involved when trust is buil.  Influence is something more general. Influence is not confined to a specific social relationship. Influence can be compared to money, insofar as influence circulates within social systems, just like money does. A person who has much influence needs to make less efforts to achieve a consensus for his or her causes. People will listen to an influential actor much more than they will listen to others. Influence can be earned and spent, borrowed and lent, the amount of influence circulating in a social system can grow or decline. Influence can undergo inflational and deflational developments. At a time of inflation, much more efforts needs to be made to achieve consensus for a specific cause in t1 than in t0. At a time of deflational devlopment of influence, much less efforts need to be made to achieve consensus for a specific cause in t1 than in t0. Institutions acts as banks for influence. In this neoparsonian interpretation, the Nobel commitee acts as bank for influence based on trust, that is, based on positive expectations. The Nobel commitee lends influence to actors and instiutions and thus enables them to create consensus for important causes. Influential actors and institutions, again, can mobilize influence as a resource for various causes, or lend it to other actors and institutions. So, my hunch is that Obama came into office as US. President based on trust of his electorate, but now, with the Nobel peace price, the Nobel commitee has lent influence to Barack Obama (beyond the influence that comes with the office of US President), so he got additional trust from the Nobel commitee. The additional influence thus created will help Obama to get momentum for the causes that he cares about most. On the other hand, influence is something more general than trust. Contrary to trust, influence is not confined to a specific relationship. The Nobel peace price is no guarantee for Obama’s future political success just like a financial credit is no guarantee that an entrepreneur will eventually succeed with his business endeavors. But with the additional influence, Obama should have an easier time to pursue peace on the international level no matter whether he is successful with the domestic issues and how the electorate judges his presidency at a specific point in time. A tremendous development.

Startconference09

Die Startconference09 gehört nicht zu den Konferenzen, die Wissenschaftlichkeit beanspruchen. Vielmehr folgt die Startconference der Zielsetzung, Hochkultur – z.B. Theater, bildende Kunst, Konzert, Oper, Ballet, Literatur – auf dem gegenwärtigen Entwicklungsstand ins Internet zu bringen, sowohl die Kulturschaffenden selbst als auch Kulturevents als auch Akteure und Institutionen, die Kulturschaffende vertreten, die z.B. definieren, was als Kunst anerkannt wird was nicht oder die Kunst finanzieren (vgl. dazu Pierre Bourdieu: “Die Regeln der Kunst – Genese und Struktur des literarischen Feldes” und Nina Zahner “Die neuen Regeln der Kunst – Andy Warhol und der Umbau des Kunstbetriebs im 20. Jahrhunderts”). Die Start09 versucht Antworten auf das konkrete Problem zu erarbeiten, dass Künstler und Musiker häufig aus ihrem Orchestergraben oder von ihrer Bühne in mittelmäßig gefüllte Zuschauerreihen blicken, die Zuschauer in vielen Säälen ausschließlich der Altersgruppe über 60 Jahre angehören, Museen und Galerien an vielen Tagen des Jahres leer bleiben, bildende Künstler nur bedingt Preise für ihre Werke erzielen können, die Organisatoren von Kulturevents mit der Schwierigkeit konfrontiert sind, ein breiteres Publikum über Avantgarden oder kleine Szenen von Stammgästen hinaus anzusprechen. Zugleich ist den Anbietern von Hochkultur bewusst, dass sich da draußen viele junge Leute befinden, die aufgrund ökonomischer, sozialer oder kultureller Barrieren vermutlich gar nicht erst soweit kommen, den Konzertsaal zu betreten oder die einfach andere Präferenzen haben und den Kulturschaffenden somit als Publikum verloren gehen. Gelingt es nicht, breitere Publikumskreise und jüngere Generationen für Hochkultur zu interessieren und als zahlendes Publikum in die Kulturstätten zu bringen, droht vielen Kulturschaffenden und Kulturbetrieben das Aus. Für die Metropolregion Ruhr, die mit ihrem Strukturwandel unter dem Druck wirtschaftlicher Globalisierung ohnehin schon sehr gefordert ist, wäre das eine fatale Entwicklung. Viele Hoffnungen richten sich in dieser Situation auf das Internet, weil das Netz die Chance bietet, hochwertige Inhalte zu verbreiten, die Anbieter von Hochkultur untereinander besser zu vernetzen und sich für die Zukunft ein neues Publikum aufzubauen, das den Fortbestand der Hochkultur sichert. Wie Dr. Wendel von den Duisburger Philharmonikern hervorhob, ist der Wert des eigentlichen Kulturgutes (z.B.ein philharmonisches Konzert) durch Übermittlung ins Internet in keiner Weise gefährdet, jede Wiedergabe oder Übermittlung ins Internet nur ein sehr schwaches des Konzertes sein kann; vielmehr kann ein Orchester hinzugewinnen, wenn mehr Leute in den Konzertsaal gelockt werden können. Eine Schwierigkeit liegt allerdings darin, die vielfältigen Möglichkeiten des Social Web und der Social Media (z.B. Internet auf dem Mobiltelefon) in der Weise zu nutzen, dass ein Künstler oder eine Kulturinstitution einerseits die gewünschten Adressatenkreise gewinnen und andererseits seine Position im Feld der Kunst langfristig verbessern kann, sich in den Augen derer, die Kunst definieren oder finanzieren, im Feld der Kunst nicht disqualifiziert. Es darf bezweifelt werden, ob den Kulturschaffenden und Kulturbetrieben mit Hinweisen geholfen ist, die ausschließlich auf Verkaufserfolge, Zugriffszahlen und quantitativ messbare Reichweitendaten hinauslaufen. Was hier geschaffen wird, ist wohl eher ein Interaktionsnetzwerk, ein Interaktionsangebot, aber längst noch kein Vertrauen. Von Vertrauen könnte unter Umständen gesprochen werden, wenn die Kulturschaffenden und Kulturbetriebe heute beginnen, als Prodnutzer regelmäßig Materialien (Werke bzw. Werkfragmente) ins Internet zu stellen, wenn sie für sich persönlich Erfolgserwartungen formulieren, Erfahrungen für sich selbst  dokumentieren und reflektieren, einen intensiven Austausch untereinander und mit ihrem Online- und Offlinepublikum pflegen, wenn sie in einem längerem Prozess ein Netzwerk relativ stabiler kooperativer Beziehungen aufbauen, und wenn sie in fünf Jahren aufgrund der umfangreichen Erfahrung, die sie bis dahin für ihren spezifischen Anwendungsbereich gesammelt haben, aus Überzeugung immer noch dabei sind.

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On deception. Or why it makes sense to keep trusting

Harrington - "Deception"

The book „Deception“ (Stanford, Stanford University Press, 2009), edited by Brooke Harrington (MPIfG, economic sociology) offers a wide variety of perspectives on deception. The contributors have put together their views from various disciplines, e.g. „Dealing with deception in biology“ (C. T. Bergstrom), „Paltering“ (F. Schauer and R. Zeckhauser), „Thoughts, Feelings and Deception“ (M. T. Frank), „Why most people parse palters, fibs, lies, whoppers and other deceptions poorly“ (M. O’Sullivan), „Digital Doctoring: Can we trust photographs?“ (H. Farid), „Digital Deception: The Practice of Lying in the digital age“ (J. T. Hancock), „Cognitive Hacking: Detecting Deception on the Web“ (P. Thomson), „Leaps and Lapses of Faith“ (G. Möllering), „Crocodile Tears, or Method acting in Everyday life“ (T. Lutz), „Deception and Trust in Health Crises“ (F. Rowan), „Responding to deception: The case of fraud in financial markets“ (Brooke Harrington) and, finally, „The pleasures of lying“ (K. Fields). One the one hand, the book “Deception” broadens the theory of action since it offers fresh insight into one important aspects of human action, it shows complexity of action theory, though it is readable for a broad public, and the insights are applicable to many contexts of contemporary society. On the other hand, the book also deserves some critical commentary.

First, what is deception? For instance, recently I took my parrot to the veterinarian, because it looked very sick, and I hardly believed my eyes when I arrived at the appointment: Within a 30 minute drive, my bird’s appearance had changed to pure livelihood. When I asked the doctor about the reason for the tremendous change in the bird’s appearance, he explained that parrots ‚just do that‘ because they will make any effort to appear strong to predators. But can deception in animals be compared to deception in humans? What does it take to deceive? Can people be deceived by technology? Can they be deceived by institutions or even by the state? Can deception ‚just happen‘, that is, does it make sense to speak of deception without an act of deception? Can deception occur when there is no deceiver? I would prefer to confine a definition of deception to humans and to specific contexts. Wikipedia offers this definition of deception:

an act of convincing another to believe information that is not true, or not the whole truth as in certain types half-truths, involving concepts such as propaganda, distraction and/or concealment

.

And Wikipedia defines fraud as

an intentional deception made for personal gain or to damage another individual.

Editor Brooke Harrington refuses to give a definition of deception and prefers to introduce a distinction between deception and lying:

„Unlike lying, which involves intent to promulgate a falsehood, a deception can take place without either intent or awareness on the part of a deceiver.“ (p. 3).

Harrington suggests that deception ‚just happens‘ and does not require a deceiver, an intent to deceive or awareness on the part of the deceiver. I was surprised by this approach to deception. So, I will give a short summary of a few chosen contributions and then add a few critical comments.

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Die Generation Governance und der Kampf um Vertrauen oder Misstrauen im Internet (Teil 2)

Vertrauen, so ein verbreitetes Missverständnis, ist das Mittel der Wahl nur für Leute, denen die notwendige Cleverness für Misstrauen und der Wille zur Macht fehlt. Wer vertraut, muss wohl der naive unbedarfte Typ sein, der sich leichtgläubig auf jedes Geschäft einlässt, auf jeden SPAM-Brief hereinfällt, ungefiltert Informationen über sich im Netz preisgibt und am besten gleich noch den Freunden seine Passwörter mitteilt. Wer hingegen Macht hat, verfügt über Sanktionsmittel (z.B. Sicherheiten/Sanktionsgewalten im Streitfall). Vielfach wird auch von der „gesunden Skepsis“ gesprochen, die den Handelnden vor Ungemach bewahrt. Nur dass im „echten Leben“ jeder Kaufvertrag, jedes Kreditverhältnis, jede Finanzinvestition, jede Karriere, ja sogar jede Familiengründung scheitern kann. Die Governancegläugiben behalten sich vor, zunächst alles und jeden zu überprüfen, mögliche Katastrophen zu identifizieren, den Katastrophen Wahrscheinlichkeiten zuzuordnen, damit mathematische Operationen durchzuführen und schließlich zu Entscheidungen zu kommen, welche auf die Vermeidung von Risiken zielen. Die Governancegläubigen wählen Handlungsstrategien, bei denen die Absicherung gegen Zahlungsansprüche, Schuldzuweisungen etc. und die Abwälzung von Unsicherheiten auf andere im Mittelpunkt stehen, und sie halten ihre prophylaktische Skepsis für klug. Weiterlesen

Das gute Netz. Weshalb Regulierung mit Stopp-Schildern, Sperren und Zensur kein vertrauenswürdiges Internet erschafft

Die gemeinsame Forschungsarbeit mit Guido Möllering (MPIfG) zum Thema „The Problem of Trust Online“, hat durch die politischen Entwicklungen während der vergangenen Monate zusätzliche Brisanz erhalten. Ich habe hier mal kurz zusammengeschrieben, weshalb die Regulierungsbestrebungen der Große Koalition Schaden anrichten und was m.E.* für ein „gutes Internet“ – ein Internet des Vertrauens –  gebraucht wird.

Wir erleben in den letzten Monaten eine Zuspitzung der Auseinandersetzung um den Stellenwert von Datenschutz und Privatsphäre. Mit wachsender Schärfe wird die Auseinandersetzung geführt, welches Gewicht der Schutz des Nutzers von Internet und Social Media vor Zugriff, Weitergabe und Veräußerung personenbezogenen Daten und unbeabsichtigt hinterlassenen Datenspuren gegenüber den Geschäftsinteressen von Providern und Werbebranche in Zukunft hat. Bürgerinteressen und Geschäftsinteressen geraten aneinander: Aktuell widersetzt sich die Fraktion der CDU und CSU einem Gesetzentwurf, der eine Genehmigungspflicht für die Weitergabe und Veräußerung personenbezogener Daten und Daten aus unbeabsichtigt hinterlassenen Datenspuren festschreibt und den Datenhandel ansonsten untersagt. Indes steigt die Anzahl der Bürger, die das Vertrauen in den Datenschutz bei Unternehmen und Staat verloren haben, immer weiter an. In einer IfD-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach gaben 82 Prozent der Befragten an, dem Datenschutz bei Unternehmen nicht zu vertrauen (8 Prozent vertrauen und 10 Prozent waren unentschieden), 72 Prozent gaben an, dem Datenschutz bei staatlichen Instanzen zu misstrauen (16 Prozent vertrauen und 12 Prozent waren unentschieden).

Höher noch schlagen die Wellen bei Überwachungs- und Regulierungsbestrebungen in Bezug auf Internet und Social Media, zunächst beim Vorhaben des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble, eine Vorratsdatenspeicherung für sämtliche Telefonanrufe, E-Mails und Datenübertragungen für die Dauer von sechs Monaten, vorgeblich zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus, zuletzt beim von CDU-Familienministerin von der Leyen unterbreiteten Gesetzentwurf zum Thema Kinderpornografie. Beide Gesetze bzw. Gesetzesvorhaben haben einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Im Gesetzentwurf von Familienministerin von der Leyen ist vorgesehen, Internetanbieter zur Sperrung von Seiten mit kinderpornografischen Inhalten zu verpflichten. Webseiten mit kinderpornografischem Inhalten soll künftig das BKA in einer laufend zu aktualisierenden Sperrliste aufführen. Beim Aufruf einer in der Sperrliste enthaltenen Webseite sollen Nutzer zu einer Stoppmeldung umgeleitet werden, wo sie über Kontaktmöglichkeit zum Bundeskriminalamt informiert werden. Der Gesetzgeber, so der Entwurf, soll den Provider verpflichten, dem BKA wöchentlich eine anonymisierte Aufstellung über die Zahl der Zugriffsversuche pro Stunde auf die in der Sperrliste aufgeführten Seiten zu übermitteln. In dem Entwurf ist ebenfalls geregelt, dass lediglich Seiten mit kinderpornografischen Inhalten gesperrt werden dürfen. „Eine Ausweitung auf andere Zwecke ist nicht beabsichtigt“, heißt es in der Begründung. Allerdings musste die Große Koalition die Nicht-Wirksamkeit angestrebten Maßnahme bereits eingestehen. Auch blieb sie den Beleg schuldig, dass eine Ausweitung auf beliebige Gegenstände (z.B. Urheberrechtsstreitigkeiten) ausgeschlossen ist. Nicht nur ist belegt, dass sich Stopp-Schilder und Zugangssperren leicht umgehen lassen und dass Rezeptwissen zur Umgehung dieser Sperren zirkuliert. Dem Gesetzgeber würde der Weg zur Einschränkung der Bürgerrechte für beliebige Regulierungsgegenstände geebnet, und das BKA erhielte en passant Zugriff auf personenbezogene Daten sowie Datenspuren von Nutzern. Weiterlesen

Barcamp Ruhr 2

Schön war’s, das Barcamp Ruhr 2 mit dem Themenfokus „Sicherheit“ im Unperfekthaus in Essen. Das Barcamp Ruhr hatte eine ganze Reihe guter Sessions und bot viel Raum für Diskussion und das persönliche Gespräch. Zwar fand ich, dass das Thema „Sicherheit“ für meine Begriffe und Bedürfnisse etwas kurz kam – da hatte ich auf mehr Sessions der Experten aus den Informationswissenschaften, den Rechtswissenschaften und anderen Disziplinen zum Themenfeld Sicherheit gehofft. Beispielhaft für einen guten Vortrag und mit lebhafter Diskussion aus dem Bereich Sicherheit möchte ich Felix Gröbert erwähnen. Techniken wie Gesichtserkennung und ex post Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Social Media Quellen wie Twitter und Flickr ermöglichen leichter als bisher die Erstellung komplexer Persönlichkeitsbilder aus User generated Content, mit Folgen für die Betroffenen bei unbedacht online gestellten Inhalten oder Inhalten, die Dritte ohne Erlaubnis der Betroffenen über sie ins Netz stellen könnten – sie ermöglichen sehr komplexe Bilder der Online-Aktivitäten eines Akteure und können sich deshalb als folgenreich für die Betroffenen und ihre Privatsphäre herausstellen. Die De-facto-nicht-Mehr-Entfernbarkeit unwünschter Inhalte aus dem Netz aufgrund möglicher Spiegelung durch die Vielzahl Netznutzer kam häufig zur Sprache. Jedenfalls wünsche ich mir mehr Austausch mit Sicherheitsexperten aus technischen, informationswissenschaftlichen und rechtlichen Disziplinen bei künftigen Events. Zugleich waren mehr Teilnehmer aus den sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereichen und dem Kulturbereich dort als ich es bisher von Barcamps kannte, und das war toll. Die Startconference will Kulturschaffende, besonders aus dem Hochkulturbereich für den Aufbau von Online-Identitäten und eine professionelle Nutzung der Social Media gewinnen gewinnen, das Projekt Ruhrgebiet für lau von Claudia Pirc hatte ich zuvor schon mal gestriffen. Neu war für mich das Projekt Seeinglastsupper, eine Interpretation von Leonardo Da Vincis Abendmahl in Flash aufbereitet und faszinierend erklärt von Jochen Schröder. Und bei keiner anderen Konferenz, keinem anderen Workshop oder Barcamp zuvor hat es es so wunderbare Musik gegeben: Eine Kombo der Duisburger Symphoniker, die Philharmonixx, haben der versammelten Barcampgemeinde am Samstag auf das Feinste eingeheizt – hier meine Bildschnipsel als Slideshow und der Mitschnitt des Duisburger Philharmoniker Teams 🙂 – toll.

Wir haben auf dem Barcamp Ruhr zwei Sessions zur Thematik des Vertrauens online durchgeführt und dabei hervorgehoben, dass wir über Vertrauen unter der Bedingung von Unsicherheit sprechen, und dass das Internet nicht ein vom übrigen Sozialleben getrenntes „Second Life“ sondern vielmehr integraler Bestandteil der sozialen Wirklichkeit ist. In der Diskussion haben die Teilnehmer eine Reihe kritischer Fälle aus der Praxis des Online-Lebens angesprochen, die mich darin bestärken,  die Thesen der obigen Präsentation sowie in einem Aufsatz, den Guido Möllering und ich miteinander in diesem Themenbereich schreiben, nachdrücklich zu vertreten. Daher möchte ich auch hier nochmal den Diskussionsteilnehmern für ihre Fragen und Kommentare danken.

Neues aus der Rundfunkanstalt. Oder: Vertrauen im Netz durch Überwachung?!

Würde Max Weber, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine düstere Zukunftsvision von bürokratischer Herrschaft als stahlhartem Gehäuse der Hörigkeit formulierte, das wie ein gigantischer Krake alle Lebensbereiche der Menschen beherrscht, heute leben, die Landesanstalten für Medien (z.B. BLM, LfR) böten Weber reichlich Stoff für weitere Ausführungen. Der Glaube die Welt würde besser, der Finanzmarktkapitalismus ziviler, die Sozialsysteme gerechter, die Forscher effizienter, die Studierenden fleißiger, wenn man sie nur in der richtigen Richtung und in der geeigneten Weise regulieren, muss seine Ursprünge in Deutschland haben. Seit einiger Zeit melden sich vermehrt gut informierte Stimmen, die auf Regulierungsbestrebungen politischer Akteure auch in Bezug auf das Internet hinweisen, z.B. auf angedachte Sperren des Internetzugangs.

Seit dem Jahr 1982 (Erfindung des TCP-IP-Protokolls), mehr noch seit Beginn der 1990er Jahre (Erfindung des WWW) wächst und verbreitet sich das Internet als eine sich selbst organisierende Technologie, ein selbst organisierendes Medium und die Szene rund ums Social Web hat sich Selbstorganisation als Organisationsprinzip angeeignet. Mit Entstehung und Verbreitung des Social Web sind neue Formate wie z.B. Weblogs, Wikiwebs, Social Bookmarking, Social Networking Sites, Podcast, Photo, Video oder dem Livestream ins Internet, die sich mithilfe von APIs zu neuen Online-Angeboten rekombinieren lassen. Zudem ist es dank RSS und Open APIs leicht möglich, statischen Content in dynamische Ströme zu transformieren und aus bestehenden Online-Angeboten neue zu generieren. Jeder Bürger hat die Möglichkeit, Content zu produzieren und in Echtzeit global zu verbreiten. Hinzu kommt, dass sich Kommunikation im Netz nicht länger als One-Way-Kommunikation von einem Sender zu vielen Empfängern statt findet. Vielmehr sind aktive Internetnutzer Prodnutzer. Charakteristisch für Prodnutzung ist, dass aktive Internetnutzer in ein- und demselben Kommunikationsakt Sender und Empfänger gleichzeitig sind, weil sie Inhalte erstellen, kritisieren, verbessern, bewerten und kommentieren. Selbst wenn man einen Inhalt scharf kritisiert und im Kommentar widerspricht, fügt man ihm etwas hinzu, und der Produzent erhält Gelegenheit zu weiter Verbesserung, Aktualisierung oder Differenzierung. Auch Live-Streams ins Internet wie z.B. bei Mogulus, Qik und Make.TV sind Prodnutzung: Ein Prodnutzer streamt Bewegtbild live ins Internet, und andere Prodnutzer geben zeitgleich Feedback und Impulse, z.B. mithilfe der Chatfunktion.

Im Juli 2008 änderte die bayrische BLM die Fernsehsatzung dahingehend, dass Livesteaming im Internet mit über 500 gleichzeitigen Zugriffsmöglichkeiten genehmigungspflichtig und ab 10.000 potenziellen gleichzeitigen Nutzern wie Kabelsender zu behandeln sind. Dabei legt die BLM eine Richtlinie zugrunde, die im 12. Rundfunkstaatsvertrag steht, welcher im Herbst 2008 auf der Ebene der Europäischen Union beschlossen wurde. Bedingt durch die Medienkonvergenz trifft im Internet  regulierungspflichtiger Rundfunk auf eine Vielzahl nicht regulierter Online-Angebote. Zwischen die Fronten der Auseinandersetzung zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanbietern geraten zunehmend Angebote aus den Bereichen Bildung, Forschung und Kultur, die sich erst mit dem Social Web entwickeln und verbreiten und sich der Zuordnung zu Presse, Rundfunk oder Fernsehen entziehen. Historisch ist die Rundfunkrechtsprechung aus der Knappheit für Rundfunk- und Fernsehlizenzen mit Einführung von privatem Rundfunk und Fernsehen im Jahr 1984 entstanden. Auch bezieht die Institution des Rundfunkrechts ihre politische Legitimation aus der durch den Nationalsozialismus begründeten Angst, politische Akteure könnten Massenmedien zur Manipulation eines passiven Publikums verwenden. Daher ist in Deutschland z.B. das Staatsfernsehen verboten. Zugleich ist in Deutschland die Pressefreiheit besonders geschützt, z.B. durch das Spiegel-Urteil.

Die BLM hatte im Oktober 2008 auf die Diskussion reagiert und sich zum Dialog bereit gefunden, auch im Rahmen einer Online-Podiumsdiskussion. Diese Podiumsdiskussion mit der AG Social Media fand am Mittwoch, den 04.02.09, eine Podiumsdiskussion unter Beteiligung von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring (Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien) und Thomas Langheinrich (Vorsitzender der Kommission für Zulassung und Aufsicht, Präsident der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg), Frank Tente (Gestalter des Online-Angebots der Duisburger Symphoniker) und Jörg Blumtritt (Vorsitzender AG Social Media) statt. Moderator der nicht immer einfachen Live-Schaltung war Luca Hammer. [Diskussion in voller Länge, ca. 90 Minuten].

Darin teilten die Präsidenten der Rundfunkanstalten von Bayern und Baden-Württemberg mit, dass eine Lizenz zum Betreiben eines Internet-Livestreaming € 5000 kosten werde.

Ich möchte, die Argumente der AG Social Media aufgreifend, in acht Punkten ausführen, weshalb ich die geplante Genehmigungspflicht für überflüssig und für kontraproduktiv halte:

1. Die geplante Genehmigungspflicht ist ein massiver Eingriff in das Bürgerrecht, den eigenen Glauben, das Gewissen und die Weltanschauung öffentlich zu artikulieren und zu verbreiten. Weshalb wird das Verteilen eines Flugblattes auf der Straße, das Sprechen mit einer Sprechtüte auf einer Demo als unproblematisch erachtet, das Live-Streamen ins Internet hingegen nicht? Weshalb dürfen Bürger ihre Nachrichten, ihren Glauben, Gewissen und Weltanschauung im Internet verbreiten, wenn das Bekenntnis in Form von Text, Photo, Podcast oder Video erfolgt, und sollen dann eine Genehmigung brauchen, wenn es live ins Internet gestreamt wird? Die sich beständig erweiternden Möglichkeiten der öffentlichen und teil-öffentlichen Meinungsfreiheit in der digitalen Welt dürfen nicht einem behördlichen Regulierungseifer geopfert werden. Zudem werden soziale Ungleichheiten verfestigt: Für den einen stellen € 5000 kein Problem dar, für den anderen ist derselbe Betrag eine unüberwindliche Hürde. Somit steht die geplante Genehmigungspflicht für Live-Streaming ins Internet auch mit dem Gleichheitsgrundsatz im Konflikt. Weiterlesen

It’s financial capitalism, stupid. Eine soziologische Deutung der Finanzkrise

„We first believed in you“ heißt es im Werbespot einer US-amerikanischen Großbank. Mit pathetischer Musikuntermalung zeigt der Werbespot eine Familie, die mit leuchtenden Augen das Ladenlokal ihres frisch gegründeten Unternehmens betritt. Ein fürsorglicher Vater winkt der Tochter beim Abschied ins College hinterher. Eine Mutter lässt zögerlich die Hand des Söhnchens los, als dieses mit Schultüte und Schulranzen die ersten Schritte ins Leben unternimmt. Der Werbespot einer Versicherung zeigt einen gut gekleideten älteren Herrn am Kaffeetisch im Familienkreis, der sich entspannt zurück lehnt, wo für die Zukunft der Angehörigen gesorgt ist.

Zum Leidwesen von Bürgern, Unternehmern und sogar dem Bundespräsidenten [PDF] entspricht die Kundenerfahrung mit Banken und anderen Finanzinstitutionen wohl eher dem Horror Trip bei Feinkost Zipp: Erhielt man als Student vor gefühlten fünf Jahren ohne größere Überprüfung der Zahlungsfähigkeit Privatkredite mit beachtlichem Verfügungsrahmen, führt heute manch eine Bank Überweisungen per Lastsschrift selbst dann nicht mehr aus, wenn der Kunde bei einem Kreditrahmen von Null Euro ein Guthaben hat und der angefragte Betrag das Guthaben um nur wenige Euro übersteigt. Auch Belästigung mit ständig wiederholten Anrufen gehört zum Repertoire kleiner Gemeinheiten. CSNBC zufolge sind Vermögen von mehr als 7 Billionen US$ vernichtet worden. Das ist schier unvorstellbar hoher Betrag, der die inflationsbereinigten Ausgaben für den zweiten Weltkrieg um das Doppelte übersteigt (Stand: 28.11.08) – damit hätte man den Welthunger für immer beseitigen, ein hervorragendes soziales Sicherungssystem installieren können und viele andere Dinge mehr.

FT erklärt in einer Reportage auf YouTube, dass sich bereits seit Jahren eine immer dramatischere Schere zwischen realem Einkommensrückgang und steigender Verschuldung der Haushalte in den Vereinigten Staaten auftat, welche die Knappheit der Liquidität ausgehend vom Hypothekenmarkt in immer weitere Bereiche der Finanzwelt ausdehnte, bis hin zum „Big Freeze„, dem Stand der Finanzkrise im August 2008, als das Video publiziert wurde. Trotz massiven finanziellen Engagements zahlreicher Nationalstaaten blieb das Misstrauen sogar zwischen den Geschäftsbanken bestehen, der Interbankenhandel kommt zum Erliegen, die Versorgung von Unternehmen und Privatleuten mit Kaufkraft bleibt aus und immer mehr Finanzinstitutionen werden ebenfalls zahlungsunfähig:

Seit dem 1. Dezember ist amtlich, dass die USA bereits seit Dezember 2007 in einer Rezession befinden. Die folgend Slideshow ist eine rohe Skizze mit Überlegungen zur aktuellen Finanzkrise. Darin habe ich Material aus dem Netz, meiner Dissertation und Forschungsliteratur in einer Skizze zusammen gefügt. Ich darf dazu sagen, dass es besonders durch die vielen anregenden Vorträge am MPIfG Köln, durch das Working Paper von Wolfgang Streeck „Flexible Markets – Stable Societies?“ [pdf], die Dokumentation des Rückgangs der Kapitalverflechtungen und interlocking directorates im Zuge der Öffnung des korporatistischen Kapitalismus Deutschlands für den globalen Finanzmarktkapitalisms zwischen 1996 und 2006 von Lothar Krempel und Martin Höpner [pdf] sowie durch Diskussion mit Guido Möllering [hier ein Presseinterview] inspiriert ist. Auch habe ich mich dabei auf den vor wenigen Tagen publizierten 84. Economic Outlook der OECD [pdf] gestützt. Ich freue mich über Feedback, Anregungen und Benutzererfahrungen mit dem Finanzmarktkapitalismus!