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Sollten wir im Internet von Unsicherheit anstelle von Sicherheit sprechen?

Spätestens seit Ulrich Becks Zeitdiagnose über die Risikogesellschaft (Frankfurt/Main, Suhrkamp 1986) hat Sicherheit einen sehr hohen Stellenwert. Ende der 1980er Jahre stand die Gesellschaft unter dem Eindruck von ökologischen Katastophen – Stichwort Tschernobyl. Es entstand eine Vielzahl von Untersuchungen, die sich mit Risiko, Sicherheit, Katastrophen und der Logik des Misslingens befasste. Ein Denken in den Kategorien des Risikos haben wir uns längst zu eigen gemacht. Zugleich sind wir im Alltag mit mit vielen vielen Unsicherheiten konfrontiert, d.h. wir müssen mit der Möglichkeit leben, belogen, belogen, beklaut, verleumdet oder auf andere Weise geschädigt zu werden. Wir sind bestrebt, uns vor Betrug, Schädigung, Diebstahl, Verleumdung und vielen anderen Dingen zu schützen, die für uns Katastrophen bedeuten.

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich das Risikomanagement als eine zunächst auf Finanzmärkten, dann in Wirtschaftsorganisationen verbreitete Praxis des organisationalen Rechnens und Entscheidungsgrundlage entstanden. Im Mittelpunkt steht der Value at Risk, der ökonomische Wert, der im Fall einer Katastrophe verschwinden könnte. Wie im Modell von Frank Knight wird in der Praxis des Risikomanagement grob gesagt Unsicherheit in Risiko transformiert, in dem man Ereignisse definiert, die eine (wirtschaftliche) Katastrophe bedeuten, das Ausmaß der Katastrophe in Geldeinheiten bestimmt, dem Ereignis eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet, und dann auf Grundlage dieser Vorgaben Berechnungen durchführt, um Risiken zu bestimmen. Ein Unternehmen, das mit vielen Risiken belastet ist, hat auf relevanten Märkten geringere Tauschchancen als ein Unternehmen, das mit weniger Risiken belastet ist. Organisationen tendieren zunehmend zu einem risikoaversen Verhalten; sie versuchen, Risiken zu bestimmen und zu vermeiden (Power, Michael, Organized Uncertainty, 2007).

Im Alltag tendieren wir schon in dieselbe Richtung, wenn wir unser Verhalten anpassen: Wir schließen zahlreiche Versicherungen gegen eine Vielzahl möglicher Schadensfälle ab, wir eignen uns im Alltag ein risikoaverses Verhalten an. Bevor wir uns auf etwas Neues einlassen, checken wir lieber mehrfach und tendieren zu einem vorsichtigen, abwartenden, eher misstrauischen Verhalten. Mit unserer Angst können Versicherungen sehr gute Geschäfte machen, Parteien wählen Sicherheit als Wahlkampfthema, und das Thema Sicherheit ist Geschäftsgrundlage für etliche Wirtschaftsbranchen und viele Berufsgruppen. Damit entstehen zwei große Probleme: 1. Auch bei noch so elaborierter Kalkulation -unter Zuhilfenahme immer komplizierterer Formeln, unter Berücksichtigung von mehr Variablen – die Unsicherheit eines möglichen Scheiterns verschwindet nicht. 2. Wenn die Bereitschaft in der Bevölkerung zurückgeht, etwas Neues zu wagen (einen Unternehmen zu gründen, ein Geschäft abzuschließen, eine Finanztransaktion durchzuführen), werden wir langfristig immer weniger davon sehen. Wir meiden das Risiko umso stärker, je mehr wir wissen, dass wir bestraft werden, wenn wir uns vorwagen einlassen und damit scheitern.

Ich würde mich über Reaktionen auf diese Frage freuen: Sollten wir – in der Gesellschaft, im Wirtschaftsverkehr und im Internet – nicht besser von „Unsicherheit“ anstelle von „Sicherheit“ und „Risiko“ sprechen?

These dazu: Sicherheit ist eine Illusion. Tatsächlich leben, arbeiten, wirtschaften wir, online und offline, unter den Bedingungen von Unsicherheit (vgl. in Bezug auf das Wirtschaftsleben z.B. Beckert, Grenzen des Marktes, Frankfurt/Main: Campus 1997). Wir wissen im Alltag nicht, aus welchen Ecken die Katastrophen auf uns zurollen. Würden wir uns so damit beschäftigen wie das Risikomanagement vorsieht und wie es ein Mensch tun würde, der bestrebt ist, sich ökonomisch rational im Sinne des Modells des Homo Oeconomicus zu verhalten, müssten wir alle Quellen von Unsicherheit identifizieren, ihren Schadensumfang und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmen (bzw. das zumindest versuchen). Damit würden wir damit Berechnungen anstellen und unsere Entscheidungen darauf basieren (im Sinne einer ‚perfekten Anpassung‘) – wir wären nicht mehr handlungsfähig. 1. Selbst wenn wir unser komplettes Zeitbudget und unsere gesamten kognitiven Fähigkeiten für das Auffinden möglicher Quellen von Unsicherheit aufwenden würden, gäbe es immer noch unentdeckte Katastrophen (vor allem jenseits des erlernten Berufs). 2. Zudem würde die Unsicherheit durch all diesen Aufwand nicht verschwinden. 3. Wir würden handlungsunfähig, weil unsere Ressourcen gebunden wären und wir uns auf nichts Neues mehr einlassen könnten. Konsequenz: Auch unter den Bedingungen von Unsicherheit müssen wir entweder Vertrauen entwickeln oder auf bestimmte Vorzüge des Internet, die das Leben angenehmer und bequemer machen können, verzichten. Wir brauchen eine Diskussion über das gute, vertrauenswürdige Internet, obgleich wir genau wissen, dass auch Personen, Gruppen und Organisationen im Netz unterwegs sind, die es auf die Schädigung anderer absgesehen haben. Sicherheitsexperten erbringen punktuell – in Bezug auf jeweils einen bestimmten Typ von Unsicherheit –  viele sehr wertvolle Beiträge und werden deshalb dringend gebraucht – nur eben nicht allein, sondern im Zusammenwirken mit uns allen.

Anschauungsmaterial dazu liefert unter anderem dieses kleine Video. Darin demonstriert Ruben Unteregger (Blog) wie man über das Internet einen arglosen Bankkunden beraubt – gut, die Software ist jetzt verbreitet, der Quellcode sogar öffentlich einsehbar – Geschäftsbanken dürften ihre Schlüsse für das Onlinegeschäft gezogen haben – aber schauen wir doch da mal vorbei: Da wird aus einem Basisprogramm und einer Schadroutine (bösartigen Code, welcher im Hintergrund ohne Wissen der Opferperson ausgeführt wird) ein  Trojaner zu erzeugt, der sich auf dem Computer des Opfers einnistet und einem Fremden ermöglicht, den Bankkunden auszurauben:

p.s. Da ich die Frage vor dem Hintergrund des Interesses zum Problem des Vertrauen im Netz stelle, und weil derzeit sehr hitzig über Ordnungsregeln für das Internet diskutiert wird, wäre ich für Einschätzungen und Meinungen sehr dankbar.

Update: 30.08. Das Video ist aus dem Internet entfernt worden.

Die Generation Governance und der Kampf um Vertrauen oder Misstrauen im Internet (Teil 2)

Vertrauen, so ein verbreitetes Missverständnis, ist das Mittel der Wahl nur für Leute, denen die notwendige Cleverness für Misstrauen und der Wille zur Macht fehlt. Wer vertraut, muss wohl der naive unbedarfte Typ sein, der sich leichtgläubig auf jedes Geschäft einlässt, auf jeden SPAM-Brief hereinfällt, ungefiltert Informationen über sich im Netz preisgibt und am besten gleich noch den Freunden seine Passwörter mitteilt. Wer hingegen Macht hat, verfügt über Sanktionsmittel (z.B. Sicherheiten/Sanktionsgewalten im Streitfall). Vielfach wird auch von der „gesunden Skepsis“ gesprochen, die den Handelnden vor Ungemach bewahrt. Nur dass im „echten Leben“ jeder Kaufvertrag, jedes Kreditverhältnis, jede Finanzinvestition, jede Karriere, ja sogar jede Familiengründung scheitern kann. Die Governancegläugiben behalten sich vor, zunächst alles und jeden zu überprüfen, mögliche Katastrophen zu identifizieren, den Katastrophen Wahrscheinlichkeiten zuzuordnen, damit mathematische Operationen durchzuführen und schließlich zu Entscheidungen zu kommen, welche auf die Vermeidung von Risiken zielen. Die Governancegläubigen wählen Handlungsstrategien, bei denen die Absicherung gegen Zahlungsansprüche, Schuldzuweisungen etc. und die Abwälzung von Unsicherheiten auf andere im Mittelpunkt stehen, und sie halten ihre prophylaktische Skepsis für klug. Weiterlesen

Das waren noch Zeiten

Damals, als wir noch nix hatten, haben wir 100-Kilo-Seiten in mühevoller Handarbeit zusammengeschraubt.

Und doch nimmt sich manch ein Ergebnis nicht ganz unansehnlich aus.

via Lummaland; Stylespion.

DGS08 Ad-hoc-Gruppe 34: Macht und Unsicherheit im neuen Netz

DGS-Kongresse bieten stets eine solche Fülle an Themen und Veranstaltungen, dass es praktisch unmöglich ist, mehr als ein Thema vernünftig zu verfolgen, so auch „Unsichere Zeiten„: Allein die Sektion Wirtschaftssoziologie war mit drei Veranstaltungen dabei. Dazu kamen die Sektionen Industriesoziologie und politische Soziologie, die ebensoviel Aufmerksamkeit verdient hätten, und die Netzwerkforschung, die sich jetzt als Arbeitsgruppe gegründet hat.

Sehr informativ fand ich die Veranstaltung „Was heißt heute Mediengesellschaft?“. Sie hat gezeigt, wie sehr Medien alle Lebensbereiche durchdringen und wie wir Medien in unserem Arbeits- und Alltagshandeln Medien einsetzen. Christiane Funken (Berlin) berichtete aus ihren empirischen Studien, wie die charakteristische Verwendung von Mails Onlinemedien durch massenhafte Verwendung einerseits und die für Organisationen charakteristischen Verwendungsweisen andererseits zu einer gravierenden ökonomischen, zeitlichen und kognitiven Belastung für Organisationen geworden ist. Jeder Mitarbeiter hortet Tausende von E-Mails und verbringt mehrere Stunden pro Tag mit der Abfassung von E-Mails. Wie Funken auf Nachfrage bestätigte, ist die E-Mail-Flut nicht allein den Spam-Massen geschuldet, die ein Spam-Filter aus dem Verkehr zieht. Vielmehr ist die in Organisationen verbreitete Nutzungsweise entscheidend. Mitarbeiter senden massenhaft E-Mails, um Kollegenkreise über ihre Aktivitäten zu informieren, in Leistungsevaluationen gut abzuschneiden und sich selbst möglichst gut gegen mögliche Schuldzuweisungen für Ereignisse des organisationalen Versagens abzusichern (mit CC, BCC). Michael Jäckel (Trier) diskutierte die Frage nach einer möglichen Mediatisierung oder Emanzipation des Publikums anhand der Aufhebung der eindeutigen Trennung von Sender und Empfänger mit Internet und Social Media. Die „Selbstorganisation“ des Internet definiert die Zukunft der Mediennutzung und des Publikums weit über die rein technischen Aspekte hinaus. Leider verpasst habe ich die Ad-hoc-Gruppe „Onlinedating – neue Wege der Partnerwahl„. Nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise niedrigen Markteintrittsbarrieren ist eine unüberschaubare Anzahl von Plattformen entstanden, auf denen in Deutschland Schätzungen zufolge ca, 6,5 Millionen Menschen nach losen Kontakten, Freundschaften, unverbindlichen sexuellen Abenteuern, festen Partnerschaften und Ehepartnern suchen. Aber Jan Schmidt berichtet ausführlich über die Ad-hoc-Gruppe Onlinedating und präsentiert seinen Vortrag über die Praktiken des Identitäts- und Beziehungsmanagements auf Social Networking Plattformen.

In der Ad-hoc-Gruppe „Macht und Unsicherheit im neuen Netz?“ haben wir „Social Software“, „Web 2.0“ und die dazugehörigen Verwendungsgemeinschaften in den Kontext des Kongressthemas Unsicherheit gestellt. Wir haben diskutiert, wer im neuen Netz den Ton angibt, wie das geschieht, mit welchen Unsicherheiten die Menschen dabei konfrontiert sind. Homo Sociologicus hat auch schon ausführlich zur Ad-hoc Gruppe berichtet, in der wir das neue Netz im Licht der unsicheren Zeiten sehr ernsthaft diskutiert haben.  Unser Publikum war klein, aber oho: Selten findet sonst man ein Forum, wo man nicht entweder Grundzüge der Soziologie oder Anwendungen des neuen Netz erklären muss, und folglich die Diskussionen ein gutes Niveau.

Zuerst hat Benedikt Köhler die neuen Formen des Wissensmanagements mithilfe von Bookmarks (Lesezeichen) und tags (Schlagworten) erläutert und seine Potenziale im Verhältnis zur herkömmlichen kategorialen Wissensorganisation etwa in Bibliotheken diskutiert. Benedikt hat soziotechnische Entwicklung von klassischen Kategoriensystemen hin zu Tagging-(Un-)ordnungen beschrieben. Vor dem Hintergrund der Theorie Reflexiver Modernisierung deutet Benedikt die WWWissensordnungen als zweitmoderne
Wissensordnungen. Wie die Diskussion ergab, stellen die von Prodnutzern geschaffenen Wissensordnungen im neuen Netz Unsicherheiten in erheblichem Ausmaß dar: Sie fordern Professionen heraus, es stellt sich die Frage nach der inhaltlichen Qualität aufgefundener Information, aber auch Macht- und Eigentumsfragen.

Danach ist Lars Alberth die Frage nach der Hegemonie und der Repräsentation im Internet aufgeworfen. Lars ist dieser Frage am Beispiel der deutschsprachigen Blogosphäre gefolgt. Wer repräsentiert die Blogosphäre,  wie geschieht das, welche Rolle spielen Rankinglisten wie die A-List? Anhand der Analyse mehrer Diskussionen in Weblogs und auch von Printtexten zu Zustand, Status und Möglichkeiten der Blogosphäre hat Lars Alberth die Kämpfe um ihre hegemoniale Deutung analysiert. Dazu hat Lars die Diskussion zwischen Bloggern und Wissenschaftlern im ZKM vom Herbst 2005, die Projekte eines „linken Neoliberalismus“ (Mercedes Bunz) jenseits der Erwerbsbiographie (Lobo/Friebe) und die Debatte um das „Fakebloggen“ bzw. virale Marketing zum Parfüm „In2U“ von Calvin Klein aufgegriffen. Lars hat dem Blogmilieu kritisch auf die Tastaturen geschaut und Widersprüche zwischen dem Anpruch der Autonomie und Authentizität einerseits und der Einbettung des Internet und des Bloggermilieus in kapitalistische Strukturen andererseits – die sich manche Protagonisten der Szene ungern einzugestehen scheinen – aufgezeigt.

Kai-Uwe Hellmann hat sich das Mitmachweb 2.0 und der Produktion von „User generated content“ vorgenommen. Während sich die Bloggerszene kritisch distanziert zu privatwirtschaftlich geführten Unternehmen positioniert, sehen sich Unternehmen im neuen Netz mit Macht und Unsicherheit aus anderer Quelle konfrontiert: ihren Kunden. Die etablierte Machtasymmetrie erodiert, denn Web 2.0 ermöglicht und begünstigt eine Aktivierung der Eigeninitiative der Konsumenten, wie sie bisher unvorstellbar war.
Dieser Innovationsschub, bezogen auf den Fluchtpunkt Sozialisationseffekte, könnte
erhebliche Folgen für das Verhältnis von Unternehmen und Kunden haben. Unternehmen sehen sich unter wachsendem Erwartungsdruck, sich ihren Kunden gegenüber responsiv und transparent zu zeigen. Kunden erwarten von ihnen Kritikfähigkeit und symmetrische Aushandlungsprozesse und eine Bereitschaft zum Dialog, die sich mit den hohen Ansprüchen an Autonomie und Authenzität wird messen lassen müssen. Kai-Uwe antizipiert eine Unternehmenskulturrevolution 2.0, die keineswegs vor den Haupteingängen der Unternehmen Halt machen muss. Sie könnte unternehmensinterne Entscheidungsprozesse grundlegend renovieren und den Kontakt zwischen Kunden und Mitarbeitern grundlegend verändern.

Die Problematik und die Konstitution von Vertrauen beschäftigen mich schon seit einer Weile. Die „Initialzündung“ hatten Diskussion im privaten Bereich und das Buch „Trust – Reason, Routine and Reflexivity“ von Guido Möllering im Jahr 2006 gegeben wo der Fokus eher auf interorganisationalen Geschäftsbeziehungen lag. Aber fragt man Verwandte, Bekannte und Freunde , ob sie dem Internet trauen, bekommt man oft ein plattes „Nein“. Doch das undifferenzierte „Nein“ richtet sich auf das Internet in seiner Gänze und bleibt deshalb widersprüchlich. Auch nutzen dieselben Personen, mir ihr Misstrauen am Internet bekundet haben, selbst aktiv diverse  Onlinemedien und tätigen durchaus wirtschaftliche Transaktionen online. Die Haltung „ich traue dem Netz nicht“ mag in manchen Kreisen noch als Distinktionsmechanismus für Sektempfängen taugen, aber praxistauglich ist dieser Ansatz  nicht. Denn er lässt ja nur die Wahl, entweder ’naiv‘ alles mögliche mitzumachen und spontan alles Mögliche zu entäußern oder eben ganz auf soziale Beteiligung im Netz zu verzichten. Damit schließt man sich selbst von allen Vorzügen der Beteiligung an einem immer wichtigeren Bereich des sozialen Lebens aus. Aber das nicht-enden-wollende Gegeneinander zwischen der Medienberichterstattung und der Selbstverständlichkeit der Medienbenutzung der Szene bzw. der jüngeren Generation hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken, weshalb Vertrauen im Internet überhaupt problematisch und wie Vertrauen online konstituiert wird. Die nachfolgende Präsentation enthält paar kleine Überarbeitungen gegenüber der Vortragsversion und ist recht streng wissenschaftlich gehalten.

Anthropological introduction to YouTube

Mike Wesh and his digital anthropology working group at Kansas State University have taken the dense description to a new level. We learn about numa luma, the impact of first movers, participatory observation, the context collapse, re-cognition, mediated self-awareness and self-reflection, gaming the system, the shift of identity with a webcam and the consequences of collaborative social production.

Kreativität Kreidler-Style

Der Komponist Johannes Kreidler hat ein Musikstück komponiert, in dem er nach eigenen Angaben 70200 Fremdzitate – Zitate anderer Musikstücke – verarbeitet hat. Die Länge des Musikstücks beträgt 33 Sekunden. Als Urheber möchte Kreidler sein Stück bei der GEMA ordnungsgemäß anmelden. Die formal korrekte Werkanmeldung erfordert die Angabe fremder Werkanteile, sowie gegebenenfalls die Lizenz des fremden Urhebers. Um sein Stück ordnungsgemäß anzumelden, muss Kreidler also für jedes der 70200 verwendeten Musikstücke in seinem eigenen Werk ein Formular ausfüllen. Die entstehenden 70200 Formulare möchte der Komponist am 12. September 2008 bei der GEMA in Berlin abgeben.

Mit dieser Protestaktion „Productplacements“ möchte Johannes Kreidler auf Schwächen und Mängel des geltenden Urheberrechts aufmerksam machen, bei dem unberücksichtigt bleibt, dass eine kreative Leistung – gleich ob in Musik, Kunst, Wissenschaft und Bildung oder Wirtschaft (z.B. Entwicklung neuartiger Produkte und Verfahrenstechniken) – das Speichern, Kopieren, Verbreiten und Remixen vorhandener Werke voraussetzt. Ganz besonders betrifft das Urheberrecht auch die Bereiche von Kultur, Wissenschaft und Bildung, wo es Kreativität der Musiker, Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler und akademischer Lehrer einschränkt, ihr kreatives Tun sogar zum kriminellen Vergehen macht, wenn es Kopien involviert. Dabei entsteht aus der kreativen Rekombinationen vorhandener Musikstücke, Bilder, Videos, Texte und anderer Medien etwas originär Neues! Hier der Trailer zu Kreidlers Protestaktion „Product Placements„:

[via, via, English version]

Kreidlers Protestaktion fügt sich in einen einen breiteren Kontext ähnlicher Ideen und Werke ein, die im Zeitgeist liegen. Der britische Künstler Idris Khan beispielsweise verwendet in seinen Fotografien und Videos digitale Überblendungen gefundener Bilder, Texte oder Partituren. D.h. Idris Khan bildet in einem seiner eigenen Werke jeweils hunderte Werke anderer Künstler, Komponisten oder Musiker ab. Die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW hat dazu im Frühjahr 2008 eine Ausstellung präsentiert [Bericht auch bei fokussiert].

Die Tatsache allein, dass es ähnliche Werkkonzepte und Aktionen gibt, tut Kreidlers Aktion, wie ich finde, keinen Abbruch. Das Neue liegt in der Luft und kann von verschiedenen Künstlern, Musikern, Schriftstellern, Wissenschaftlern und anderen Kreativen an verschiedenen Orten gleichzeitig entdeckt und mit ihren Mitteln artikuliert werden. Das geltende Urheberrecht folgt jedoch der Idee des Genies, das in Einsamkeit und Freiheit ein Werk hervorbringt. Dass Kreativität aber auch anders funktioniert, haben Kreidler und Khan mit ihren Werken und Aktionen wunderschön zum Ausdruck gebracht. Chapeau!

P.S. Zum Genießen ein Video mit dem Titel „Music for the first Moonlanding“  mit einer Tonspur von Johannes Kreidler:

Internet issue of STI Studies

German print media like Süddeutsche Zeitung and most recently Spiegel [1,2] have accumulated quite a history for characterizing bloggers and Social Media as incompetent, socially irrelevant, unpolitical, self-satisfied, self-referential or even lacking a clear identity, as if digital life would simply vanish as a consequence of their writing. In the face of declining sales numbers, German established media reactions have become increasingly scornful with regard to bloggers in that they teach their increasingly elderly readership to be afraid of bad things that come with the internet – makes for ideal preconditions for a warm relationship.

Amongst deserving more public recognition are Open Access research journals since they abest ccount for the internet as the emergent knowlege world I blogged about earlier. Though growth of OA research journals has been significant, OA still has yet to compete with the non OA journal limited to subscribers and libraries willing and able to pay. The USA is expectedly in a leading position with 773 OA journals, followed by Brazil with 333 journals, United Kingdom with 310, Spain with 203, Germany with 138 and Japan with 107 journals (full list here). With only 67 of the registered 3530 journals, sociology is far from the most active disciplines. Three hopefuls for an emerging online sociology world are Forum Qualitative Sozialforschung (German, English & Spanish), Econsoc Newsletter (English) and STI-Studies.

Let me recommend the current issue of STI, „the first internationally oriented, reviewed online journal for the German speaking STI community“ that devotes two of four articles to internet related topics. All four articles are fascinating literature for today, and STI even invites readers to engage in a open dialogue because it introduces a comments form on their website. My hope is that open access journals like this one will spread much further and enable scientists, teachers, students, journalists and a broader public to search for peer reviewed scientific information online.

The first of four articles by Frank Kleemann, G. Günter Voss and Kerstin Rieder introduces a work and business perspective of Web 2.0. In „Un(der)paid Innovators: The commercial Utilization of consumer work through crowdsourcing„. Web 2.0 technology has enabled companies to outsource time consuming work activities to the paying customer or – more broadly – consumer and is evidence of a shift in relations between firms and their customers. We are witnessing the emergence of a new consumer type: the „working consumer“. In the conventional role, consumers used to be the passive „kings“ to be waited upon. Recently, consumers have become more like co-workers who take over specific parts of a production process, whereby both the process and the result remain under the control of a commercial enterprise or provider. The article seeks to develop a more precise definition of crowdsourcing and to differentiate crowdsourcing from peripheral related phenomina such as the open source movement. In its conclusion, the article develops the argument that the consumer works as unpaid employee or innovator and discusses potential consequences of crowdsourcing from a work and industrial sociology perspective [pdf] [comment].

In his article „Nanotechnology – an empty signifier à venier? A delineation of a techno-socio-economical innovation strategy“ Joscha Wullweber gives a critical account of the Nano-hype. Nanotechnology is perceived as a key technology of the 21st century. As a result, nano plays an important role in government policies devoted to technology. Nanotechnology is supposedly appealing for many actors, since it is expected to both produce entirely new materials and revolutionize production processes in various industries. Approaching the ‘nano-hype’ from a discourse-theoretical perspective, Wullweber aims to show that nanotechnology is an empty signifier rather than a developed technology. This empty signifier provides the basis for an encompassing socio-economic project that is kept together only by the signifier itself. This “innovation project” creates a link between nanotechnology and the future of the industrialised states. It aims, above others, at their reconstruction along competitive criteria as ‘competition states’. The author discusses nanotechnology policies within a discursive field of political and economic interests and strategies and highlights the importance of hegemonic struggles for the construction of a nanotech market and nanotech as a political reality [pdf] [comment].

Jörg Potthast turns to air safety in his article „Ethnography of a paper strip: the Production of air safety“ and asks, how come, that nowadays, where so many things are organized in computer systems and online, air traffic control relies on „flight strips“, that is, papersheets. One answer is „paper has helped to shape work practices, and work practices have been designed the use of paper.“ (Harper & Sellen 1995, in Potthast 2008). Potthast finds this explanation unsatisfactory and aims to identify the social practices in the air traffic control centers that account for air safety, knowing about the risks and huge consequences of potential organizational failure in air traffic. In his ethnographic fieldwork, the author proceeds makes seven stops (1) at the Eurocontrol Experimental Centre at Brétigny south of Paris, (2) in the political arena of European skies, (3) in the professional practice of the air traffic controller who recapitulates critical incidents over and over, (4) at the technical support, (5) in the control room where all operations must proceed free of conflict or even aggression, (6) the seminar room, where the worlds of control people and technical people overlap and (7) the sudden end of a collaborative R & D project in the aftermath of 9/11. Based on his ethnographic fieldwork and interviews in two air traffic control centers, Pottast shows that the paper strip was not abandoned but leaves open the question how different sets of social practices are interrelated and how different conceptions of air safety are brought together in practice. [pdf] [comment]

Finally, Niels Taubert examines decision making and decision implementation processes in free/ open source software production in his article „Balancing Requirements of decision making and action: decision making and Implementation in Free/Open Source Software Projects„. Referring to Nils Brunsson, the author sets out with antagonistic requirements of (rational) decision-making and action: On the one hand, rationality of decision-making implies extensive evaluation of alternatives and arguments that can lead to an uncertainty as to which of the alternative will be chosen. On the other hand, a good basis for collective action is established when uncertainty is reduced and consistent expectations exist as to what kind of action will be performed. Corroborating on an empirical analysis of a decision-making process and interviews conducted with FOSS developers, the author identifies three mechanisms of bringing a controversial discussion to an end: (1) rational consensus, ending a decision making process by virtue of an argument leading to a well-funded decision (2) seeking a compromise which takes into account previously discussed suggestionsm, or  (3) moving from collective decision making to individual action – a last conceivable solution to not let a project fail alltogether.  Taubert’s paper concludes with an evaluation to what extent each of these mechanisms serves the requirements for rational decision-making and action. [pdf] [comment].

What OA journals do you wish to recommend for me?