Sollten wir im Internet von Unsicherheit anstelle von Sicherheit sprechen?

Spätestens seit Ulrich Becks Zeitdiagnose über die Risikogesellschaft (Frankfurt/Main, Suhrkamp 1986) hat Sicherheit einen sehr hohen Stellenwert. Ende der 1980er Jahre stand die Gesellschaft unter dem Eindruck von ökologischen Katastophen – Stichwort Tschernobyl. Es entstand eine Vielzahl von Untersuchungen, die sich mit Risiko, Sicherheit, Katastrophen und der Logik des Misslingens befasste. Ein Denken in den Kategorien des Risikos haben wir uns längst zu eigen gemacht. Zugleich sind wir im Alltag mit mit vielen vielen Unsicherheiten konfrontiert, d.h. wir müssen mit der Möglichkeit leben, belogen, belogen, beklaut, verleumdet oder auf andere Weise geschädigt zu werden. Wir sind bestrebt, uns vor Betrug, Schädigung, Diebstahl, Verleumdung und vielen anderen Dingen zu schützen, die für uns Katastrophen bedeuten.

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich das Risikomanagement als eine zunächst auf Finanzmärkten, dann in Wirtschaftsorganisationen verbreitete Praxis des organisationalen Rechnens und Entscheidungsgrundlage entstanden. Im Mittelpunkt steht der Value at Risk, der ökonomische Wert, der im Fall einer Katastrophe verschwinden könnte. Wie im Modell von Frank Knight wird in der Praxis des Risikomanagement grob gesagt Unsicherheit in Risiko transformiert, in dem man Ereignisse definiert, die eine (wirtschaftliche) Katastrophe bedeuten, das Ausmaß der Katastrophe in Geldeinheiten bestimmt, dem Ereignis eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet, und dann auf Grundlage dieser Vorgaben Berechnungen durchführt, um Risiken zu bestimmen. Ein Unternehmen, das mit vielen Risiken belastet ist, hat auf relevanten Märkten geringere Tauschchancen als ein Unternehmen, das mit weniger Risiken belastet ist. Organisationen tendieren zunehmend zu einem risikoaversen Verhalten; sie versuchen, Risiken zu bestimmen und zu vermeiden (Power, Michael, Organized Uncertainty, 2007).

Im Alltag tendieren wir schon in dieselbe Richtung, wenn wir unser Verhalten anpassen: Wir schließen zahlreiche Versicherungen gegen eine Vielzahl möglicher Schadensfälle ab, wir eignen uns im Alltag ein risikoaverses Verhalten an. Bevor wir uns auf etwas Neues einlassen, checken wir lieber mehrfach und tendieren zu einem vorsichtigen, abwartenden, eher misstrauischen Verhalten. Mit unserer Angst können Versicherungen sehr gute Geschäfte machen, Parteien wählen Sicherheit als Wahlkampfthema, und das Thema Sicherheit ist Geschäftsgrundlage für etliche Wirtschaftsbranchen und viele Berufsgruppen. Damit entstehen zwei große Probleme: 1. Auch bei noch so elaborierter Kalkulation -unter Zuhilfenahme immer komplizierterer Formeln, unter Berücksichtigung von mehr Variablen – die Unsicherheit eines möglichen Scheiterns verschwindet nicht. 2. Wenn die Bereitschaft in der Bevölkerung zurückgeht, etwas Neues zu wagen (einen Unternehmen zu gründen, ein Geschäft abzuschließen, eine Finanztransaktion durchzuführen), werden wir langfristig immer weniger davon sehen. Wir meiden das Risiko umso stärker, je mehr wir wissen, dass wir bestraft werden, wenn wir uns vorwagen einlassen und damit scheitern.

Ich würde mich über Reaktionen auf diese Frage freuen: Sollten wir – in der Gesellschaft, im Wirtschaftsverkehr und im Internet – nicht besser von „Unsicherheit“ anstelle von „Sicherheit“ und „Risiko“ sprechen?

These dazu: Sicherheit ist eine Illusion. Tatsächlich leben, arbeiten, wirtschaften wir, online und offline, unter den Bedingungen von Unsicherheit (vgl. in Bezug auf das Wirtschaftsleben z.B. Beckert, Grenzen des Marktes, Frankfurt/Main: Campus 1997). Wir wissen im Alltag nicht, aus welchen Ecken die Katastrophen auf uns zurollen. Würden wir uns so damit beschäftigen wie das Risikomanagement vorsieht und wie es ein Mensch tun würde, der bestrebt ist, sich ökonomisch rational im Sinne des Modells des Homo Oeconomicus zu verhalten, müssten wir alle Quellen von Unsicherheit identifizieren, ihren Schadensumfang und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmen (bzw. das zumindest versuchen). Damit würden wir damit Berechnungen anstellen und unsere Entscheidungen darauf basieren (im Sinne einer ‚perfekten Anpassung‘) – wir wären nicht mehr handlungsfähig. 1. Selbst wenn wir unser komplettes Zeitbudget und unsere gesamten kognitiven Fähigkeiten für das Auffinden möglicher Quellen von Unsicherheit aufwenden würden, gäbe es immer noch unentdeckte Katastrophen (vor allem jenseits des erlernten Berufs). 2. Zudem würde die Unsicherheit durch all diesen Aufwand nicht verschwinden. 3. Wir würden handlungsunfähig, weil unsere Ressourcen gebunden wären und wir uns auf nichts Neues mehr einlassen könnten. Konsequenz: Auch unter den Bedingungen von Unsicherheit müssen wir entweder Vertrauen entwickeln oder auf bestimmte Vorzüge des Internet, die das Leben angenehmer und bequemer machen können, verzichten. Wir brauchen eine Diskussion über das gute, vertrauenswürdige Internet, obgleich wir genau wissen, dass auch Personen, Gruppen und Organisationen im Netz unterwegs sind, die es auf die Schädigung anderer absgesehen haben. Sicherheitsexperten erbringen punktuell – in Bezug auf jeweils einen bestimmten Typ von Unsicherheit –  viele sehr wertvolle Beiträge und werden deshalb dringend gebraucht – nur eben nicht allein, sondern im Zusammenwirken mit uns allen.

Anschauungsmaterial dazu liefert unter anderem dieses kleine Video. Darin demonstriert Ruben Unteregger (Blog) wie man über das Internet einen arglosen Bankkunden beraubt – gut, die Software ist jetzt verbreitet, der Quellcode sogar öffentlich einsehbar – Geschäftsbanken dürften ihre Schlüsse für das Onlinegeschäft gezogen haben – aber schauen wir doch da mal vorbei: Da wird aus einem Basisprogramm und einer Schadroutine (bösartigen Code, welcher im Hintergrund ohne Wissen der Opferperson ausgeführt wird) ein  Trojaner zu erzeugt, der sich auf dem Computer des Opfers einnistet und einem Fremden ermöglicht, den Bankkunden auszurauben:

p.s. Da ich die Frage vor dem Hintergrund des Interesses zum Problem des Vertrauen im Netz stelle, und weil derzeit sehr hitzig über Ordnungsregeln für das Internet diskutiert wird, wäre ich für Einschätzungen und Meinungen sehr dankbar.

Update: 30.08. Das Video ist aus dem Internet entfernt worden.

4 Antworten zu “Sollten wir im Internet von Unsicherheit anstelle von Sicherheit sprechen?

  1. „Sicherheit ist eine Illusion.“
    Richtig, aus den von Dir genannten Gründen. Aber da wird’s doch erst interessant. Warum ist es einzelnen gesellschaftlichen Institutionen (wie von Dir beschrieben z.B. Versicherungsinstituten aber auch der Politik)dennoch möglich, eine Sicherheit aufrechtzuerhalten, die es so gar nicht gibt?

    Vielleicht, weil sie uns von eben der Risikokalkulation, die wir eigentlich ständig durchführen müssten, entlastet. Da findet also eine klassische und umfassende Unsicherheitsabsorption statt, die es ermöglicht, riskante Dinge zu tun, die sonst nie jemand tun würde, bspw. mit anderen in Handel treten (Sicherheit durch Recht, das der Staat garantiert) oder ein Kraftwerk bauen (Versicherung gegen ökonomisches Risiko).

    Natürlich funktioniert das auch, weil es überwiegend funktioniert, weil sich also im sozialen Verkehr herumgesprochen hat, dass z.B. eine Haftpflichtversicherung an und für sich eine ziemlich gute, wenn auch spießige Sache ist.Da spielt also Vertrauen eine Rolle, das naturgemäß sehr schnell gebrochen werden kann. Umso mehr ist also den Sicherheit gewährenden Institutionen daran gelegen, es gar nicht erst dazu kommen zu lassen.

    Sollten wir also, wie Du fragst, in der Gesellschaft, im Wirtschaftsverkehr und im Internet nicht besser von Unsicherheit anstelle von Sicherheit und Risiko sprechen?

    Nö, warum? Erstens gibt es ja Sicherheit. Und zweitens: Wie sollte eine Gesellschaft funktionieren, die sich ständig der ihr drohenden Ungewissheit vergewissert? Da käme ja alles zum erlahmen. Unsicherheit als Begriff ist schlichtweg nicht anschlussfähig (zumal er ja eine bloße Negation ist).

    Schönen Abend!

  2. Interessante Antwort, vielen Dank. Über weitere Antworten & Anregungen würde ich mich freuen.

  3. Pingback: Criminologia | Verlinkenswertes (KW 34/09)

  4. Grundsätzlich sträube ich mich, das Internet als etwas anzusehen – als ein „Ding“ – das ausserhalb unserer Welt existiert. Die Tatsache, dass es „neu“ ist und viele die Techniken nicht verstehen, weil sie zB. aus einer anderen Generation stammen, macht es weder zu einem Wunder- noch einem Teufelsding.
    Das Internet heute ist nichts anders als zB. das Postsystem vor vielleicht 200 Jahren. Es ist von Menschen gemacht und damit fehlerbehaftet – nicht perfekt. Es gleicht uns – im Guten wie im Bösen. Die Frage nach Sicherheit oder Unsicherheit, Risiko oder Wert lässt sich in gleicher Form beantworten.
    So wie vor 200 Jahren, ein Brief verloren gehen oder gestohlen werden konnte, der Inhalt möglicherweise manipuliert kann man auch elektronische Informationen sehen.
    War oder ist das Briefeversenden ein Risiko, Unsicherheit, Sicherheit ? Diese Frage erübrigt sich aus meiner Sicht. Herr Unteregger hätte auch demonstrieren können, wie er einen Postboten einen Brief entwendet.

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