Monatsarchiv: Juli 2009

On deception. Or why it makes sense to keep trusting

Harrington - "Deception"

The book „Deception“ (Stanford, Stanford University Press, 2009), edited by Brooke Harrington (MPIfG, economic sociology) offers a wide variety of perspectives on deception. The contributors have put together their views from various disciplines, e.g. „Dealing with deception in biology“ (C. T. Bergstrom), „Paltering“ (F. Schauer and R. Zeckhauser), „Thoughts, Feelings and Deception“ (M. T. Frank), „Why most people parse palters, fibs, lies, whoppers and other deceptions poorly“ (M. O’Sullivan), „Digital Doctoring: Can we trust photographs?“ (H. Farid), „Digital Deception: The Practice of Lying in the digital age“ (J. T. Hancock), „Cognitive Hacking: Detecting Deception on the Web“ (P. Thomson), „Leaps and Lapses of Faith“ (G. Möllering), „Crocodile Tears, or Method acting in Everyday life“ (T. Lutz), „Deception and Trust in Health Crises“ (F. Rowan), „Responding to deception: The case of fraud in financial markets“ (Brooke Harrington) and, finally, „The pleasures of lying“ (K. Fields). One the one hand, the book “Deception” broadens the theory of action since it offers fresh insight into one important aspects of human action, it shows complexity of action theory, though it is readable for a broad public, and the insights are applicable to many contexts of contemporary society. On the other hand, the book also deserves some critical commentary.

First, what is deception? For instance, recently I took my parrot to the veterinarian, because it looked very sick, and I hardly believed my eyes when I arrived at the appointment: Within a 30 minute drive, my bird’s appearance had changed to pure livelihood. When I asked the doctor about the reason for the tremendous change in the bird’s appearance, he explained that parrots ‚just do that‘ because they will make any effort to appear strong to predators. But can deception in animals be compared to deception in humans? What does it take to deceive? Can people be deceived by technology? Can they be deceived by institutions or even by the state? Can deception ‚just happen‘, that is, does it make sense to speak of deception without an act of deception? Can deception occur when there is no deceiver? I would prefer to confine a definition of deception to humans and to specific contexts. Wikipedia offers this definition of deception:

an act of convincing another to believe information that is not true, or not the whole truth as in certain types half-truths, involving concepts such as propaganda, distraction and/or concealment

.

And Wikipedia defines fraud as

an intentional deception made for personal gain or to damage another individual.

Editor Brooke Harrington refuses to give a definition of deception and prefers to introduce a distinction between deception and lying:

„Unlike lying, which involves intent to promulgate a falsehood, a deception can take place without either intent or awareness on the part of a deceiver.“ (p. 3).

Harrington suggests that deception ‚just happens‘ and does not require a deceiver, an intent to deceive or awareness on the part of the deceiver. I was surprised by this approach to deception. So, I will give a short summary of a few chosen contributions and then add a few critical comments.

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Deutschland, Deine Armutsindustrie

Wir haben in Deutschland ca. 3,8 Millionen Arbeitslose und eine hohe versteckte Arbeitslosigkeit, d.h. Menschen, die – vermutlich aus wahltaktischen Erwägungen der Regierungsparteien – in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit nicht als Arbeitssuchende aufgeführt werden müssen, weil man sie in aus Steuermitteln finanzierter Kurzarbeit oder in staatlich subventionierten Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen „untergebracht“ hat. Wie diese Menschen in der Sozialgesetzgebung nach HartzIV tatsächlich „beschäftigt“ werden, wie die ARGEN ihnen Beine machen, damit sie sich auch auf demütigende, sinnfreie Tätigkeiten und Jobs ohne jede Perspektive  einlassen und wie Unternehmen von der Not der Betroffenen profitieren, hat der WDR vergangene Woche in einer erschütternden Reportage gezeigt. Leseempfehlung dazu: Claudia KlingerSanta Prekaria.

Analytisch klarer dazu schreibt  Wolfgang Streeck (2009): „Re-forming Capitalism„. Darin untersucht Streeck, wie die Institutionen der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland – branchenbezogener Flächentarif, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, Sozialpolitik, Öffentliche Finanzen und die abnehmende Verflechtung der „Deutschland AG“ – seit den 1970er Jahren abgeschwächt und ausgehöhlt werde, wie sich der koordinierte Kapitalismus deutscher Prägung immer weiter in Richtung des liberalen Modells angelsächsischer Prägung verändert und inwiefern die deutsche Variante dieser Angleichung an das angeslsächsische Modell des liberalen Kapitalismus als pathologisch bezeichnet werden kann. In einem ebenfalls sehr lesenswerten Aufsatz „Reigning in Flexibility“ erläutert Streeck, wie „Markt“ (hier als Extremform des Marktwettbewerbs als soziales Ordnungsprinzip) und „Flexibilität „dazu eingesetzt werden, dass die Mensche mit immer mehr Knappheit umgehen müssen und welche sozialen Folgen das hat: z.B. sinkende Geburtenraten, weil junge Erwachsene genug mit der Unsicherheit zu tun haben, die andere auf sie abwälzen und unter den gegebenen Verhältnissen keine Ambitionen entwickeln, eine eigene Familie zu gründen. Traurige Ironie an der deutschen Variante des Strukturwandels im Kapitalismus ist, dass liberale Grundprinzipien wie „Marktwettbewerb“, „Flexibilität“ usw. für die Menschen größere Handlungsspielräume und erweiterte Möglichkeitshorizonte bedeuten müssten, in der deutschen Sozialstaatsgesetzgebung nach HartzIV den Menschen jedoch das Korsett der „Aktivierungspolitik“ der Bundesagentur für Arbeit aufgezwungen wird, die sich weder an Freiheit  interessiert zeigt, noch Anreize gibt oder Ressourcen bereitstellt, mit denen der Betroffene eine neue, bessere Situation für sich selbst erschaffen kann und stattdessen auf Aktivierung durch Androhung von Leistungsentzug setzt. Die Videos zeigen Erscheinungsformen, Widersprüche und soziale Folgen des von Streeck beschriebenen Wandels des Kapitalismus bezogen auf die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Deutschlands.

Videos: Teil 1, Teil 2, Teil 3.

Nachtrag 21.07.09: Dokubeitrag ARD aus 2008 – Fallbeispiel Überwachung einer HartzIV-Bezieherin (via PiratHH)

Freiheit statt Angst

10 Tage waren wir ohne Internet, weil eine TDSL-Box vom Tisch gefallen  war und den Netzzugang mit ins Nirvana gerissen hatte.  Erst wenn der Netzzugang weg ist, zeigt sich, welche Bedeutung das Internet längst in allen Alltagsvollzügen gewonnen hat: von ‚mal kurz was nachschauen‘ über ‚habe Fernsehprogramm verlegt‘ bis ‚google mal den xxx‘ bis ‚mach mal diese überweisung‘ geht nix mehr. Hätte jemand die Straße vor der Haustür abgetragen und gleich dazu Busse, Bahnen und den Flugverkehr lahmgelegt, wir hätten uns nicht isolierter gefühlt als in dem Wissen, vom Netz abgeschnitten zu sein.

Umso mehr bin ich empört über die immer weiter reichenden Bestrebungen des Staates,die Freiheitsrechte der Bürger im Internet einzuschränken, immer neue Details ihrer Bürger auszuspähen.  Da drängt sich der Verdacht auf, dass ‚Terrorismusbekämpfung‘, der  ‚Kampf gegen Kinderpornografie‘ oder die vermeintliche Rechtsfreiheit des Internet nur als Ausreden dienten, um erweiterte Möglichkeiten der Überwachung des öffentlichen Lebens und der Bespitzelung der Bürger zu schaffen. Denn erstens ist die Beschränkung der digitalen Freiheitsrechte nur der Einstieg in die Beschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte generell, zweitens es gibt keine Trennung zwischen dem Internet und dem Rest der Welt, und drittens wird mit den immer weiter reichenden Überwachungsmaßnahmen und den daraus entstehenden behördlichen Begehrlichkeiten der Weg in eine Misstrauensgesellschaft geebnet.

Eine Aktion, die ich deshalb sehr gern unterstütze – leider weiß ich noch nicht ob ich vor Ort sein kann – ist die Großdemonstation  “Freiheit statt Angst” am 12. September in Berlin. Ich hoffe, dass Tausende für die Online- und Offline-Bürgerrechte auf die Straße gehen, um gegen Überwachung und Entscheidungen der Großen Koalition wie Vorratsdatenspeicherung und das Zugangserschwerungsgesetz aka Zensurinfrastruktur zu protestieren. Mindestens ich werde eine Flagge hissen und online mitdemonstrieren. Alexander Svensson hat einen schönen Trailer zur Demo produziert, der unter einer CC-by-nc-sa Lizenz steht.

Die Generation Governance und der Kampf um Vertrauen oder Misstrauen im Internet (Teil 2)

Vertrauen, so ein verbreitetes Missverständnis, ist das Mittel der Wahl nur für Leute, denen die notwendige Cleverness für Misstrauen und der Wille zur Macht fehlt. Wer vertraut, muss wohl der naive unbedarfte Typ sein, der sich leichtgläubig auf jedes Geschäft einlässt, auf jeden SPAM-Brief hereinfällt, ungefiltert Informationen über sich im Netz preisgibt und am besten gleich noch den Freunden seine Passwörter mitteilt. Wer hingegen Macht hat, verfügt über Sanktionsmittel (z.B. Sicherheiten/Sanktionsgewalten im Streitfall). Vielfach wird auch von der „gesunden Skepsis“ gesprochen, die den Handelnden vor Ungemach bewahrt. Nur dass im „echten Leben“ jeder Kaufvertrag, jedes Kreditverhältnis, jede Finanzinvestition, jede Karriere, ja sogar jede Familiengründung scheitern kann. Die Governancegläugiben behalten sich vor, zunächst alles und jeden zu überprüfen, mögliche Katastrophen zu identifizieren, den Katastrophen Wahrscheinlichkeiten zuzuordnen, damit mathematische Operationen durchzuführen und schließlich zu Entscheidungen zu kommen, welche auf die Vermeidung von Risiken zielen. Die Governancegläubigen wählen Handlungsstrategien, bei denen die Absicherung gegen Zahlungsansprüche, Schuldzuweisungen etc. und die Abwälzung von Unsicherheiten auf andere im Mittelpunkt stehen, und sie halten ihre prophylaktische Skepsis für klug. Weiterlesen