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Kauf ich mir die Welt. Christoph Deutschmann über Kapitalismus und Religion

Wenn wir über Geld sprechen, kommt die Rede fast unweigerlich auf Angebot, Nachfrage und Preise. Das ist keinesfalls so selbstverständlich wie man vermutet, denn die historischen Ursprünge des Geldes werden im sakralen Bereich und im Kultus vermutet. Dort fungierte Geld als Opfergeld. Auch kennt man Geld als Schmuck- und Hortgeld, das auf einen gehobenen Status hindeutetet. Erst später bekam Geld die Funktion des Tauschmittels und Referenzobjekts zur Wertbestimmung anderer Güter, und Geld nahm neue, abstraktere Formen an: Münzgeld, Papiergeld, Buchgeld, Kontoguthaben, Bank- , Kreditkarte und andere Wertkarten (z.B. Payback, Comfort-Karten mit Punktekonten). Geld erwies sich als praktisch, weil der Transport wertvoller Güter aufwendig und riskant war. Geld lässt sich in kleinste Einheiten teilen, stellt ein funktionales Äquivalent zum repräsentierten Gut bzw. Vermögen dar, und Geld erlaubt das Messen, Zählen und Rechnen mit Gütern und Vermögen.

Mythen, Erzählungen und Sprichwörter rund ums Geld gab es zu allen Zeiten: „Allmächtig ist doch das Geld“, sagte der deutsche Dichter Friedrich Schiller (1759 – 1805). „Banknoten sind die Fahrkarten auf der Bahn des Lebens.“, schrieb die humoristischen Zeitschrift „Fliegende Blätter“ um 1844. Das Sprichwort„Non Olet“ (lateinisch für: Geld stinkt nicht), stammt von Vespasian. Als Vespasian von seinem Sohn Titus wegen einer auf Bedürfnisanstalten erhobenen Steuer getadelt wurde, hielt ihm Vespesian das aus der Steuer erhobene Geld unter die Nase und fragte ihn, ob es röche. Und als Titus verneinte, antwortete Vespasian: „Und dennoch ist es aus Harn“ (Haupt, Günther, Geflügelte Worte, Haude und Spennersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1942, S. 470). In der Gegenwart wird Geld in Print, Rundfunk, Fernsehen, aber auch in der Twittergemeinde thematisiert, z.B. die Virtualität oder Echtheit des Geldes, Reichtum und Status, kommunale Beiträge zur Konjunkturbelebung, die Verteilungslogik des Konjunkturpaket II, unkonventionelle Sparmaßnahmen sowie die Wertvernichtung im Zeichen der Finanzmarktkrise. Könnte das Reden über Geld je spannender sein als in der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise?

Sagt sich auch Christoph Deutschmann (Tübingen/MPIfG) und hält eine Vortragsreihe „Soziologie kapitalistischer Dynamik“ am MPIfG in Köln. Im ersten Vortrag „Kapitalismus und Religion“ kritisierte Deutschmann konventionelle Erklärungsansätze des wirtschaftlichen Wachstums aus der ökonomischen Theorie wie z.B. Schumpeters „Evolutionary Economics“, der Wachstumsmodelle, Kapitalismustheorien (Wallerstein, Bourdieu, Lipset), aber auch Modernisierungstheorien (Weber, Parsons, Luhmann) und Theorien der zweiten Moderne (Giddens, Lash, Beck). Die Modernisierungstheorien kritisiert Deutschmann für das fehlende Element der Innovation, das alles andere sei als ein rational durchkalkuliertes Projekt und mit „Tollkühnheit“ durchaus besser beschrieben sei. Ebenfalls kritisierte Deutschmann die „funktionale Schlagseite“ und das Fehlen der Zusammenhänge von Mikro- und Makroebene an den modernisierungstheoretischen Erklärungsansätzen. Aber gibt es genuin soziologische Theorie des Geldes? Deutschmann selbst wählt dafür einen Zugang, der an die Interpretation der ökonomischen Theorie als säkularisierte Theologie durch Robert B. Nelson anknüpft. Beinhaltet Geld inhärent religiöse Sinnformen? Ist Geld eine säkulare Religion, die individuelle Erlösung im Diesseits verspricht?! Und ist in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise auch der ökonomische Glaube in der Krise? Sind Steuer-, Wirtschaftsprüfer und Consultants eine „Priesterschaft“ ohne Erfolg? Weiterlesen