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How trust and influence work together: Nobel Peace Prize ‚A Call to Action‘

The Nobel peace price for US President Barack Obama has been debated much on the web in recent days. I would like to put aside all the discussion on whether or not Obama deserves the price or whether it comes to early etc. and offer another interpretation. The idea that came to me was that Peace Nobel Price for Obama right now is a nice example of how trust and influence are interrelated. Trust is conditional on actors, expectations, vulnerability, uncertainty, agency and embeddedness; trust is relevant only in social relations that can be specified, e.g. the relationship of a President and his electorate or, more general, the president and the public. Trust is not just about sympathy and affection, even though trust and affection may be involved when trust is buil.  Influence is something more general. Influence is not confined to a specific social relationship. Influence can be compared to money, insofar as influence circulates within social systems, just like money does. A person who has much influence needs to make less efforts to achieve a consensus for his or her causes. People will listen to an influential actor much more than they will listen to others. Influence can be earned and spent, borrowed and lent, the amount of influence circulating in a social system can grow or decline. Influence can undergo inflational and deflational developments. At a time of inflation, much more efforts needs to be made to achieve consensus for a specific cause in t1 than in t0. At a time of deflational devlopment of influence, much less efforts need to be made to achieve consensus for a specific cause in t1 than in t0. Institutions acts as banks for influence. In this neoparsonian interpretation, the Nobel commitee acts as bank for influence based on trust, that is, based on positive expectations. The Nobel commitee lends influence to actors and instiutions and thus enables them to create consensus for important causes. Influential actors and institutions, again, can mobilize influence as a resource for various causes, or lend it to other actors and institutions. So, my hunch is that Obama came into office as US. President based on trust of his electorate, but now, with the Nobel peace price, the Nobel commitee has lent influence to Barack Obama (beyond the influence that comes with the office of US President), so he got additional trust from the Nobel commitee. The additional influence thus created will help Obama to get momentum for the causes that he cares about most. On the other hand, influence is something more general than trust. Contrary to trust, influence is not confined to a specific relationship. The Nobel peace price is no guarantee for Obama’s future political success just like a financial credit is no guarantee that an entrepreneur will eventually succeed with his business endeavors. But with the additional influence, Obama should have an easier time to pursue peace on the international level no matter whether he is successful with the domestic issues and how the electorate judges his presidency at a specific point in time. A tremendous development.

Animated film „History of the Internet“

While reading and writing a review about a German book on „Web 2.0“ and simultaneously surfing the object of interest, I stumbled across this little animated film about the historic roots of the internet. The film is the diploma of Melih Bilgil. It uses only Icons and gives a short, dense presentation of the technological roots and early history of the internet. (Via Netzpolitik).

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Herbst

woran man erkennt dass herbst ist

woran man erkennt dass herbst ist

Man kommt nicht drumherum, es wird Herbst. Morgen fahre ich nach Berlin und besuche das Symposium „Relational Sociology: Transatlantic Impulses for the Social Sciences„. Am 01. und 02. Oktober findet am MPIfG Köln der Institutstag zum Thema „Sozialwissenschaft als Reformtheorie: Vergangenheit oder Zukunft?“ statt, den ich ebenfalls besuche, und am 06. Oktober startet der neue Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in Jena zum Thema „Unsichere Zeiten„.

Extra-leichtes Heizöl, Laptops und Mädchenröcke. Plädoyer für aussagekräftigere Sozialstatistiken am Beispiel Preise

Irritierend, wie zufrieden sich die große Koalition ein Jahr vor der Bundestagswahl 2009 präsentiert, obgleich die Wirtschaft bereits schrumpft, die Erwerbslosigkeit nach wie vor hoch ist, viele Erwerbstätige in in zeitlich befristeten und gering vergüteten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten und sich die Schere der Einkommen und Vermögen weiter öffnet (dies mal abgesehen davon, dass CDU und SPD um die Wette an Mitgliedschaft einbüßen). Ver.di berichtete im September 2007, dass 2,5 Millionen Deutsche mit Armutslöhnen, 440 000  sozialversicherte Vollzeitbeschäftigte sogar auf Hartz IV angewiesen sind. 18 Prozent aller Erwerbstätigen sind Mini-Jobber, weitere 600.000 Beschäftigten arbeiten als Ein-Euro-Jobber. Auch die Zahl der Leiharbeiter habe sich mit 650.000 gegenüber 2003 verdoppelt. Erst heute wurde eine soziologische Studie bekannt, derzufolge die Realeinkommen von Geringverdienern in den vergangenen Jahren um fast 14 Prozent gesunken sind. Betroffen sei ein Viertel der Arbeitnehmer, sagte Gerhard Bosch vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Dagegen habe das oberste Viertel der Beschäftigten zwischen 1995 und 2006 ein reales Lohnplus von 3,5 Prozent verbucht [ZEIT, FR; WSI 08/2008]. Kürzlich hatte ich darüber geschrieben, dass ausgehend von der US-Immobilienkrise die Rezession aus den Vereinigten Staaten rasch zu uns nach Deutschland herüber schwappt und sich unter den Bedingungen des Finanzmarktkapitalismus drastischer auswirkt als in der „Deutschland AG“ bis Mitte der 1990er Jahre. Kaum zwei Tage nach dem Beitrag mehrten sich Presse- und Analystenstimmen, die auch in Deutschland von einer Rezession schrieben. Unter den Bedingungen der einsetzenden Rezession dürfte sich die Lage noch ein gutes Stück weiter zuspitzen.

verbraucherpreisindex

verbraucherpreisindex

Im Zusammenhang mit der angeknündigten neuen Energie-Preisrunde möchte ich mich mal der Inflation zuwenden. Zwar wird kaum jemand meinem subjektiven Eindruck der ‚gefühlten‘ Preissteigerung widersprechen, doch wirklich erschreckt bin ich erst, als der individuelle Inflationsrechner bei Destatis für mich knapp die doppelte der durchschnittlichen Inflation auswies. Allerdings bleibt der jährliche Gesamtpreisindex für den Einzelnen eine abstrakte Statistik mit geringem Nutzen. Aufschlussreicher wird die Statistik bereits, wenn man sich die Aufschlüsselung nach Produkten anschaut: Zitronen, extra leichtes Heizöl, Gas, Mehl, Pflanzenöl und Nudeln haben sich drastisch verteuert, Mädchenröcke, Personalcomputer und Musikdownloads sind günstiger geworden. Superbenzin und Dieselsprit unterliegen einer starken Inflation. Bei  Bierpreisen in der Gastronomie bleibt die Preissteigerung hingegen moderat [Preismonitor Destatis].

Anders als der persönliche Inflationsrechner von Detstatis suggeriert, ist jedoch die individuelle Betroffenheit von den Preissteigerungen nicht Schicksal oder Dummheit, sondern Ergebnis biographischer Faktoren und sozialer Lagen. Damit kommen soziale Faktoren ins Spiel, welche der Einzelne kurzfristig durch Kaufs- oder Verkaufsentscheidungen nur sehr bedingt ändern kann. Der persönliche Preisindex von Destatis spiegelt – so mein Verdacht – eher die soziale Lage als begüteter oder eben weniger begüterter Konsument wieder, und eine über- oder unterdurchschnittliche Preissteigerung ergibt sich nach dem Destatis-Index als Konsequenz aus der sozioökonomischen Lage. Da arme und von Armut bedrohte Menschen einen Großteil ihres Einkommens für Wohnung, Grundversorgung und Nahrungsmittel aufwenden müssen und die Teuerung in diesen Bereichen während der vergangenen 12 Monate besonders drastisch ausfiel, ist diese Gruppierung überdurchschnittlich von der Inflation betroffen [siehe auch Spiegel]. Besonders hart sind diejenigen von den aktuellen Preissteigerungen betroffen, bei denen Armut bzw. sozialer Abstieg mit spezifischen sozialen Problemlagen zusammen treffen, die Unsicherheit schaffen: Arbeitslosigkeit, Trennung eines Elternpaares, ein Pflegefall, Überschuldung oder eine Kombination solcher Problemfaktoren. Das Institut für Finanzdienstleistungen weist 3,5 Millionen Haushalte mit Überschuldung auf und macht deutlich, dass 80 Prozent der Überschuldeten arm sind [IFF-Studie 2008; Dörre APUZ 2008].

Ich würde mir einen sozialwissenschaftlich informierten persönlichen Preisindex wünschen, der soziale Ungleichheit besonders berücksichtigt. Der sollte nicht individuelle Konsumentscheidungen zugrunde legen und lediglich Produktgruppen gewichten, sondern zunächst in Form einer Online-Umfrage Basisdaten über die soziale und wirtschaftliche Lage des Verbrauchers abfragen, Warenkörbe separat nach Konsummustern der Unter-, Mittel- und Oberschicht zusammenstellen und auf Grundlage der Kombination von sozialer Lage des Verbrauchers und ‚typischen‘ Unter-, Mittel- und Oberschicht-Warenkörben eine individuelle Inflation berechnen. Analog würde ich mir auch sozialwissenschaftlich informierte Gesamtpreisindizes wünschen, welche die Inflation ausgehend von sozialer Schichtung untersuchen, Preissteigerungen für Ober-, Mittel- und Unterschichthaushalte separat ausweisen und nach demographischen Basisdaten gewichten. Bei diesem Zugang würde also der Mensch in seiner sozialen Lage in den Mittelpunkt der Inflationsberechnung gestellt.

Selbstverständlich würden mit dieser Form der Statistik allein weder Armut noch Preissteigerungen bekämpft, doch ließe sich klarer zeigen, dass arme und von Armut bedrohte Menschen typischen Strukturmustern und Zeitabläufen folgend von Inflation betroffen sind, und dass Inflation bei bestimmten Gruppen eher ins wirtschaftliche Aus führt als bei anderen. Preisindizes, die soziale Lagen berücksichtigen, würden transparent machen, dass Inflation die klassischen Problemlagen verschärft, die ohnehin eine Armutsgefährdung bedeuten, und zwar bei den für Unterschichthaushalte wichtigen Produkten wie Nahrungsmittel und Energie in besonders drastischer Weise. Die so geschaffene Transparenz könnte eine geeignete Argumentationsgrundlage für die politische Steuerung liefern, um Preissteigerungen in kritischen Produktgruppen in Kenntnis der Strukturmuster und Verläufen steuernd entgegenzuwirken, um Anreize für die private Vorsorge für die Bürger zu schaffen bzw. zu verbessern und um von Armut bedrohte oder betroffene Bürger besser zu beraten. Andererseits könnten z.B. sozialhilfeabhängige Haushalte vor dem Hintergrund ihrer Daten nachdrücklich argumentieren, wie viel drastischer als im Durchschnittshaushalt sich die enormen Preissteigerungen bei Basisgütern wie Lebensmitteln und Energie in ihrer Haushaltskasse niederschlagen, und sie könnten aufzeigen, an welcher Stelle sie mit den gegebenen Sozialhilfesätzen an Grenzen ihrer Einsparmöglichkeiten kommen.

Neues aus der Bildungsanstalt: 11 Herausforderungen an die deutsche Universität

200 Jahre nach Alexander von Humboldt steht die deutsche Universität für Aufklärung, Theorie, Erkenntnis, Beobachtung und Experiment, systematische Reflexion, rationalen Diskurs und eine wundervolle Vielfalt unterschiedlicher Disziplinen. Die Universität (ich verwende den Begriff bewusst breit für das Wissenschaftswesen) ist eine altehrwürdige Institution, doch zugleich ruhen auf ihr die Hoffnungen der heutigen Wissensgesellschaft. Sie soll Wissensvermehrung, Märkte für Wissensgüter und hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte hervorbringen und sich in eine kapitalistische Wirtschaft einfügen. Generationen von Akademikern sind ihrer Alma Mater mit Stolz und Dankbarkeit verbunden. Leider erweckt das Erscheinungsbild der deutschen Universität gegenwärtig Zweifel an ihrer Zukunftsfähigkeit.

Update: Aus den ursprünglichen 10 Herausforderungen für die deutsche Universität sind 11 geworden. Hier sind die ersten 5 Herausforderungen zu lesen, 6 weitere folgen in Teil 2. Ich freue mich auf Meinungen und Anregungen und möchte meinerseits die Frage voranstellen, welche Herausforderungen über diese Liste hinaus ich vielleicht vergessen habe.

(1) Das Reform-Desaster der Wissenschaftspolitik

Viele Professoren echauffieren sich über das Reformdesaster der Wissenschaftspolitik aus Brüssel und Berlin: Exzellenzinitiative und Bologna-Prozess [siehe Soziologie 2008, Hefte 1, 2, 3; Nida-Rümelin 2006; 2008]. Die Exzellenzinitiative des Bundes beinhaltet, dass einzelne Universitäten in einem standardisierten Verfahren der Bemessung und Bewertung von Forschungsleistung als herausragende Forschungsstandorte identifiziert und mit zusätzlichen Finanzmitteln als Forschungsstandort gefördert werden. In der offiziellen Darstellung bleibt meist ausgespart, dass den nicht als exzellent identifizierten Universitäten wenig mehr übrig bleibt als sich auf die Lehre zu konzentrieren [BMBF; Wissenschaftsrat; DFG].
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Weltweite Welten – Internet-Figurationen aus wissenssoziologischer Perspektive

Am Beginn meiner Weblog-Aktivitäten hatte ich gelegentlich Diskussionen mit lieben Menschen in meiner vertrauten Umgebung oder auch mit Bekannten, die das Internet zunächst etwas abfällig als banal, trivial, redundant charakterisierten. Dann kommt man ins Gespräch und nach einigen differenzierteren Äußerungen – manchmal auch, wenn etwas Zeit verging – fiel mir erstaunlicher Wandel auf. Dieselben Sprecher äußerten, das Internet stelle aufgrund seiner Komplexität eine Überforderung dar. Ein erfreulicher Wandel, denn die Sprecher zeigten bei näherem Hinsehen Bereitschaft, das Internet in seiner ungeheurlichen Größe, Komplexität und Dynamik ernst zu nehmen, und ich denke, die Bereitschaft wird noch weiter steigen. Eine ähnliche Entwicklung ist auch in der Soziologie beobachtbar. Auch hier folgte auf anfängliche abfällige Bemerkungen über Qualitätsdefizite, Mangel an Professionalismus und dergleichen eine Entdeckung des Internet als sozial bedeutsamer Forschungsgegenstand, dem mit einzelnen speziellen Soziologien nur bedingt beizukommen ist. Gewiss lief diese Entwicklung parallel zu Wachstum, technischer Entwicklung und neuen Nutzungsformen des Internet selbst, aber auch der dynamischen Entwicklung der interdisziplinären Online-Forschung. Mittlerweile liegen viele spannende Forschungsbeiträge aus den Perspektiven der Technik-, Medien- und Kommunikations- und Wissenssoziologie vor, und es müsste auch Forschung aus Wirtschafts-, Organisations-, Arbeitssoziologie und vielen anderen Teildisziplinen geben (da ist aber m.W. viel in Arbeit :-)).

Der von Prof. Herbert Willems an der Universität Gießen herausgegebene Sammelband „Weltweite Welten – Internet-Figurationen aus wissenssoziologischer Perspektive“ ist nun beim VS-Verlag erschienen. Der Band ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich Soziologen dem Internet aus den Perspektiven vieler spezieller Soziologien widmen – Die Beiträge nehmen die Realitäten des Social Web aus der Perspektive der Wissenssoziologie auf’s Korn. Die Verbreitung des Internet bringt einen bedeutsamen Wandel der Handlungs- und Erfahrungsbedingungen, aber auch der subjektiven Wirklichkeit und Identität mit sich. Damit ändern sich auch Diskurse und soziale Beziehungen, Erlebnis-, Deutungs- und Handlungsmuster, Habitus, Stile, Kapitalformen, Handlungsskripten, Emotionen, Routinen, Phänomene und Phänomenklassen, wie sie die Kultur- und Wissenssoziologie untersucht.

Auf einer Mikroebene wissenssoziologischer Analyse stehen Beiträge, welche Praxis ausgehend von lebensweltlich verankterten Wissensformen untersuchen und Glaubwürdigkeit anders herstellen als unter den Bedingungen einer Face-to-Face-Interaktion oder herkömmlicher Medien wie Print, Rundfunk und Fernsehen. Dazu gehören beispielsweise Praktiken der Selbst-Darstellung, des Tauschs und Verkaufs, der Wissensorganisation, der erotischen Kontaktanbahnung und des Spiels im Netz. Es liegt auf der Hand, dass elementare lebensweltliche und massenmediale Handlungskontexte, Sinnstrukturen und Handlungsskripte unter den Bedingungen des Internet neue Formen und Inhalte annehmen, ohne dass das ‚Alte‘ einfach verschwindet. Eher auf einer Makroebene wissenssoziologischer Analyse sind Beiträge angesiedelt, die der veränderten Rolle gewidmet sind, die das Internet in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern oder Subsystemen spielt oder gespielt hat – z.B. Vermarktlichung oder Demokratisierung. Als Gemeinsamkeit aller Beiträge hebt der Herbert Willems eine gleiche Polung hervor, denn alle Autoren des Bandes denken – jeweils in Bezug auf Wissen – in Kategorien der Beziehung, der Relationalität und der ‚vernetzten‘ Praxis.

Bisher habe ich in die Beiträge der anderen Autoren nur ein wenig hineingeschnuppert, doch was ich gelesen habe lässt auf eine Feuerwerk der Geistesblitze hoffen:

Ernst von Kardorff gibt mit „Virtuelle Netzwerke – neue Formen der Kommunikation und Vergesellschaftung?“ eine breite Einführung in das Thema der computervermittelten Kommunikation im globalen Cyberspace und die sozial-kulturellen Vernetzungsoptionen. So erweisen sich die viel diskutierten Identitätsdarstellungen und -konstruktionen im Internet als Antwort auf formale Grundbedingungen menschlicher Kommunikation und normative Anforderungen einer Inszenierungsgesellschaft. Viel Diskussionsstoff dürfte Kardorffs Zusammenstellung der durch das Internet erzeugten methodischen Herausforderungen an die empirische Sozialforschung stellen.

„Willkommen in der Wirklichkeit!“, begrüßt Tillmann Sutter die Leser und trifft mit seiner medien- und techniksoziologischen Betrachtung meine Frequenz. Sutter stellt heraus, dass die hoch gesteckten Erwartungen an Interaktivität der Internetkommunikation in den vergangenen Jahren einer gewissen Normalität gewichen sind. Interaktivität charakterisiert eine neue Form des Mediums Internet, das anders als Print, Rundfunk und Fernsehen vielfältige Rückmelde- und Gestaltungsmöglichkeiten für die Nutzer eröffnet. Auffällig bei diesen Rückmelde- und Gestaltungsmöglichkeiten ist die enge Orientierung an der Face-to-Face-Kommunikation im Alltag. Damit stellt sich die Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Internetkommunikation und der „natürlichen“ Face-to-Face-Kommunikation zwischen Menschen. Sutter hebt die Anthromorphisierung der Internettechnologie und Dezentralisierung der Social Media hervor: der PC als Interaktionspartner, die Netzkommunikation als Raum der Gemeinschaftsbildung, die Welt als vernetztes „Global Village“ , die Einbettung der Online-Kommunikation in soziale Netzwerke der Offline-Welt. Der Mythos der „Künstlichen Kommunikation“ weicht anthropomorphen Deutungsmustern.

Generalisierung und Personalisierung (im Sinne des persönlichen Gebrauchs) der Kommunikation sind Merkmale der Abkopplung der Komunikationsform von sozialer Interaktion. Die hauptsächliche Funktion der traditionellen Massenmedien besteht in der Generalisierung der Kommunikation, d.h. alle haben Zugang zu den gleichen Texten bzw. Medienangeboten. Das Neue der Netzwerkkommunikation durchbricht diese Generalisierung, d.h. an die Stelle der generalisierten treten die individuellen und veränderbaren Texte. (…) Personalisierung wird zum Merkmal der Interaktivität neuer Kommunikationsformen, die eine individuelle Gestaltbarkeit der Texte erlauben. S. 68.

„Virtualität, Identität und Gemeinschaft – Reisende im Netz“ ist eines inspirierenden Beitrags von Christina Schachtner, die Menschen, die viel im Internet unterwegs sind mit der Frage nach der subjektiven Bedeutung von Virtualität konfrontiert hat und handschriftliche Zeichnungen der Interviewpartner eingebunden hat. Der Apokalypse des Zerfall des Sozialen und der Demontage des Subjekts setzt Schachter den Aufbruch in die unendlichen Weiten des Internet, neue dynamische Lebensformen entgegen. Bei Robert Musil findet sich eine Idee, die vom Format von Persönlichkeiten ausgeht, die Neues hervorbringen. Der Möglichkeitsmensch sei es, der den neuen Möglichkeiten ihren Sinn gebe und sie so zum Leben erwecke. Das Netz knüpfe also an die die Möglichkeit eines glücklichen Lebens als Wechselspiel von Aufbruch und Ankommen an.

In „Vom Brockhaus zum World Wide Wiki“ greift Hans Geser am Beispiel von Wikipedia versus Brockhaus und Enzyklopedia Britannica die asymmetrische Konkurrenz zwischen Open Source Netzwerken und Unternehmen bei der Wissensproduktion auf. Während bei der herkömmlichen Enzyklopädie der Autor als unverwechselbarer Genius im Zentrum steht und professionelle Herausgeber eine Gate-Keeping Funktion zur Sicherung der Qualität ausüben, wird die Wiki-Technologie bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia als Instrument der kollektiven kooperativen Schriftproduktion eingesetzt. Geser unterscheidet zwei Modi der Textproduktion: Programme, die diskursive interpersonelle Kommunikationsprogramme unterstützen, und Programme, die synthetische Kommunikationsprozesse unterstützen, wie sie für die Erarbeitung von konvergenten Positionen der Wahrheits- und Entscheidungsfindung erforderlich sind. Wikipedia verbindet beide Arten von Programmen miteinander. Vergleicht man ein Wiki mit einer Betonwand, bekommt jeder Teilnehmer ein Farbspray an die Hand, um Neues hinzuzufügen, andererseits aber auch ein Entfernungsmittel für vergangene Farbauftragungen. Das enzyklopädische Projekt Wikipedia mit seinen eigentümlichen innovativen Potenzialen, Grenzen und Risiken der wikibasierten Wissensproduktion hat seit dem Start 2001 einen raketenhaften Aufstieg und unhaufhaltsamen Siegeszug erlebt. Zugleich stellt die Wikipedia neue Herausforderungen an eine empirische wissenssoziologische Erforschung des Internet.

Die Beiträge „Formationen und Transformationen der Selbstinszenierung“ von Herbert Willems und Sebastian Pranz und „Professionalisierungs- und Inszenierungstendenzen in der beruflichen Netzwerkkommunikation“ von Michaela Goll beleuchten Aspekte der Selbstthematisierung, Selbstdarstellung, Selbstinszenierung und Identität. Willems/Pranz richten ihr Augenmerk auf Institutionen der Selbstinszenierung wie z.B. Beichte, Psychoanalyse, Gruppentherapie, Selbsterfahrungsgruppe im Vergleich zum Internet-Chat. Mit dem Inernet hat sich ein qualitativ neuer Raum und ein neues Ensemble der Möglichkeiten, Modi und Stilen der Selbstthematisierung entwickelt, bei dem das Individuum zum eigenen Image-Generator wird und bewusst und gezielt seine persönliche Identität, Sozialbeziehungen und Reputation „managt“, sich dabei bis zu einem gewissen Grad auch selbst neu erfindet. Michaela Goll diskutiert die Professionalisierungs- und Inszenierungsstrategien in der beruflichen Netzwerkkommunikation. Eine Professionalisierung zeigt sich (1) im gezielten Umgang mit den durch die Kommunikation erzeugten Wissensinhalten, (2) in der funktionalen Integration verschiedener Medien, (3) in vielfältigen Formen der Inszenierung von Online-Aktivitäten, (4) in einer an die Strukturbedingungen der Netzwelt angepassten Pflege der Arbeitsbeziehungen bzw. ritualisierten Beziehungsarbeiten. Spannend ist die Gegenüberstellung dieser Beiträge auch deshalb, weil sich mit den sozialen Praktiken der Selbstthematisierung und Inszenierung im Internet die Eindeutigkeit der Trennung zwischen Beruf & Erwerbsarbeit einerseits und privater Sphäre andererseits nur noch sehr bedingt aufrechterhalten lässt.

Noch gar nicht angesprochen sind mit diesem kurzen Abriss Beiträge, die sich mit dem komplexen Verhältnis von Realperson und Agent bzw. Spielfigur, mit Online-Spielen als sozialen bzw. technisch konstruierten Räumen befassen. Jan und ich haben gemeinsam unseren Beitrag die soziale Praxis der Prodnutzung von Content, Code und Metadaten als Wissenstypen im Internet verfasst und beim Schreiben intensiv dazu debattiert – hat großen Spaß gemacht. Ich finde wirklich faszinierend, wie sich mit Weblogs, Wikiwebs, der Verschlagwortung und Beschreibung mit tags neuartige Formen der Wissensoganisation etablieren, die sich aus aus älteren Betriebssystemen bekannten Schema hierarchisch gestaffelten Ordnern lösen und eine neue, lebensweltlich fundierte Praxis individueller und kollektiver Wissensorganisation etabliert, die individuelle und kollektive Wissensvorräte vorteilhaft miteinander kombinieren; interessanterweise setzt sich diese Form Wissensorganisation auch bei Objekten durch, die gar nicht im Internet liegen, wie z.B. bei Librarything für Bücher und Qype für Orte.

Hier die komplette Zitation des Aufsatzes von Jan Schmidt und mir:

Guenther, Tina/Schmidt, Jan (2008): Wissenstypen im „Web 2.0“ – eine wissenssoziologische Deutung von Prodnutzung im Internet.“ In: Willems, Herbert (Hrsg.): Weltweite Welten. Internet-Figurationen aus wissenssoziologischer Perspektive. Wiesbaden: VS Verlag. 2008. S.167-188. [Preprint]

Unverdiente Wissenschaft oder Antworten auf eine gescheiterte Wissenschaftsreform

Bedauerlich, wenn ein Blogbeitrag erst auf prima Resonanz stößt und dann z.T. verschwindet. Noch bedauerlicher, wenn kurz danach das ganze Weblog verschwindet. Genau dies geschah mit meinem Beitrag „Unverdiente Wissenschaft oder Antworten auf eine gescheiterte Wissenschaftsreform“ . Nach der Veröffentlichugn gingen 18 Kommentare meiner Leser gingen ein, einige Blogs hatten das Thema aufgegriffen, danach verschwand Sozlog komplett infolge eines Bots. Hier jedenfalls ist der Originalbeitrag als pdf: sozlog_unverdiente_wissenschaft08