Und täglich grüßt das Sommerloch – wider die Street View Hysterie

Ursula von der Leyen tut es, Ilse Aigner, Thomas Oppermann, Hans-Christian Ströbele, Bodo Ramelow und Guido Westerwelle. Auch vier Rentner aus Düsseldorf lassen es sich nicht nehmen. Sie le­gen Widerspruch gegen Googles Geodienst Street View ein, lassen also ihr Eigenheim ver­pixeln. Das ist ihr gutes Recht. Aber dann: Dieselben vier Düsseldorfer Rentner lassen sich dafür für die Rheinische Post vor ihren Häusern ablichten, also vor genau den Häusern, die sie im Internet unkenntlich gemacht haben wollen, fällt Daniel Fiene auf. Mit ihrem Wunsch, gegen Google vorzugehen, sind die vier Düsseldorfer Rentner keinesfalls allein. Über Zehntausend machen von ihrem Widerspruchsrecht Gebrauch, wollen ihre Häuser, Wohnungen, Fahrzeuge, Gesichter verpixelt haben (Golem, Beckblog). Da grüßt das Sommerloch mit einer ganz schön aufgeheizten Diskussion: Google überrumpelt urlaubende Ministerinnen, Politiker lassen ihre Privathäuser pixeln, Schwarz-Gelb vergoogelt sich, BILD klärt Missverständnisse über Google auf, die sie am Tag zuvor selbst verbreitet hat. Das Vögelchen des Sommerlochs schießt aber Rainer Wendt ab. Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft hat den Plan gefasst, mit Google Street View auf virtuelle Streifenfahrt zu gehen (Bitterlemmer).

Street View ist ein Zusatzdienst zum 2005 gestarteten Geodienst Google Maps, mit dem man Karten- und Straßenansichten kombiniert betrachten kann, und einem Routenplaner, mit dem man sich auch ohne Navigationssytem gut zurechtfindet. Seit 2008 hat Google mit seinen Fahrzeugen Straßenzüge und Häuser in Deutschland erfasst. Dabei hat Google 360-Grad-Panorama-Bilder erzeugt, die mit speziell ausgerüsteten Autos und Fahrrädern aufgenommen werden. Diese Spezialfahrzeuge haben auf dem Dach neun Kameras montiert: acht Kameras für den 360-Grad-Blick, eine nach oben gerichtete Kamera. Darüber hinaus sind die Fahrzeuge mit Lasermessgeräten zur dreidimensionalen Vermessung ausgestattet. Außerdem hat Google mit seinen Fahrzeugen auch Daten über Funknetze gesammelt. Diese Daten umfassen den Netzwerknamen, die Verschlüsselungsstärke und WLAN-Daten, nicht jedoch Videos oder Livestreams. Neben diesen Verkehrsdaten wurden, soweit die Netzwerke nicht verschlüsselt waren, auch die übermittelten Daten mitgeschnitten, wie Google später zugab (Wikipedia). Ab Ende 2010 bietet Google Street View für 20 deutsche Städte an, darunter Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Wuppertal, Essen, Bochum, Dortmund, Frankfurt, Hannover, Leipzig, München, Nürnberg (tagesschau). Viele Städte aus vergangenen, geplanten und erträumten Reisen habe ich mit Street View schon angeschaut: Las Ramblas (Barcelona), Picadilly Place (London), Place de la Republique (Paris), Petersdom (Rom), meine Lieblingsorte von einem Aufenthalt vor gefühlten 5 Jahren in Richmond/VA (USA) – Wohnhaus, Nachbarschaftspool, High School. Die Columbia University, New York. Capitol Hill, Washington/USA, Nathan Road,  Hongkong (China), und deutlich ärmer Kapstadt, Westkap (Südafrika). Mit Street View kann ich mir hervorragend einen ersten Eindruck von einer Stadt und der sozialen Umgebung machen, die sie bildet.

Bei Erfassung dieser Fotos und Daten aus dem öffentlichen Raum beruft sich Google auf ein sehr altes Recht aus dem Jahr 1867: die Panoramafreiheit, eine Schranke des Urheberrechts. Dieses Recht und seine Bedeutung für Street View werden schön erklärt von Benedikt Köhler, Michael Praetorius und Anatol Locker in der Münchner Isarrunde:

Selbstverständlich hat Googles Erfassung und Vermessung der Städte, Orte und Straßennetze eine marktliche Bewandtnis: Plane ich einen Aufenthalt in einer fremden Stadt, kann ich mir eine Unterkunft in einer angenehmen Gegend wählen, Routen planen, sodass ich keine der Sehenswürdigkeiten verpasse, kann die kürzesten oder die schönsten Wege wählen, die Unterkunft nach der Nähe zum Arbeitslatz, nach Restaurantdichte und das Zimmer nach Himmelsrichtung. Plane ich, ein Haus zu kaufen, kann ich dank Maps und Street View eine Vorauswahl der Objekte treffen. Bin ich Immobilienmakler oder Banker, überprüfe ich anhand von Google Street View, ob die Bewertung realistisch ist. Für Immobilienmärkte und Märkte, die mit der Finanzierung des Immobilienhandels zu tun haben, ist Street View relevant, und für den Tourismus. Street View ist aber auch von öffentlichem Nutzen. Google Maps mit Street View eignet sich hervorragend auch für sozialwissenschaftliche und – in Zukunft – historische Forschung. Und auch für den Schulunterricht in Geografie, Geschichte und Sozialwissenschaften. Google Maps mit Street View wird die Landkarte der Zukunft werden. Der Geodienst wird unsere Vorstellung vom geografischen Raum neu definieren und wird deshalb mit tödlicher Sicherheit den Weg ins Klassenzimmer finden (und sei es auf den mobilen Endgeräten der Schüler). Wissenschaftliche Aufbereitungen von Maps & Street View mit Sozialdaten (Aggregatdaten, die ohnehin als Open Data bereit gehalten werden) und historischen Daten, die für den Schulunterricht geeignet sind, könnten eine sehr gute Ergänzung des Lehrmaterials für den Schulunterricht werden und sollten deshalb auch angeboten werden.

Klar gibt es Dinge an Google zu kritisieren. Ein Stichwort dazu lautet Netzneutralität. Der Geodienst Street View gehört aber nicht zu den kritikwürdigen Punkten. Ich freu mich drauf und werde den Dienst gern nutzen. Den Kritikern sei noch entgegengerufen, dass ähnliche Geodienste längst verfügbar sind: etwa das Bilderbuch Köln mit historischen und aktuellen Bildern, und sightwalk.de. Unabhängig von der aufgeregten Debatte rund um Street View brauchen wir ein neues Datenschutzgesetz für das digitale Zeitalter, damit der Einzelne endlich vor Missbrauch und unbefugter Weitergabe seiner persönlichen Daten geschützt ist. Ein gutes Datenschutzgesetz wird auch seriösen Unternehmen helfen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen.

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