„Strukturwandel zu Metropolen?“ Erste Regionalkonferenz der DGS

Dortmund DASA

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Die erste Regionalkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) fand in Dortmund und Bochum zum Thema „Strukturwandel zu Metropolen?“ statt. Vier Hochschulen, die Ruhr-Uni Bochum, die TU Dortmund, die Uni Duisburg-Essen und die FernUni Hagen haben die Konferenz gemeinsam im Namen der DGS ausgerichtet. Sie haben ein neues Konferenzformat geschaffen, das etwas kleiner ist als die DGS-Konferenzen und sich an alle in Deutschland wie in anderen Ländern tätigen Soziologinnen und Soziologen. Besonders für Studierende ist die Regionalkonferenz ein ideales Format, weil sie übersichtlicher, fokussierter und praxisnäher ist als die großen DGS-Konferenzen, die auch immer für einen Besuch empfohlen sind.

Das Thema ist die Metropole bzw. Metropolregion. Etwa die Hälfte der Menschheit lebt in Städten. Metropolen sind Knotenpunkte wirtschaftlicher Wertschöpfung mit dem schnellen Rhythmus ihrer eigenen Produktions-Kultur. Sie sind aber auch Verdichtungen der Produktion von Wissen und Kultur sowie Orte unterschiedlicher Lebensformen. Sie sind  Seismografen für gesellschaftliche Entwicklungen, die sich dort zuallererst zeigen und die sich erst später andeswo durchsetzen. Im Zuge der Globalisierung haben sich viele dieser Prozesse beschleunigt. Unterschiede zwischen räumlich weit entfernten Metropolen scheinen zu verschwinden, und aus vormals klar identifizierbaren und abgrenzbaren Städten entstehen großräumige Metropolregionen wie die des Ruhrgebiets. Das Ruhrgebiet – Europas Kulturhauptstadt 2010 – ist eine Region mit 53 teils zusammengewachsenen Städten. Die wichtigsten Zentren entstanden bereits im Mittelalter. Das Ruhrgebiet erreichte seine heutige Ausdehnung und Struktur mit der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert. Heute hat die Metropolregion Ruhr ca. 5 Millionen Einwohner von insgesamt 18 Millionen Einwohnern in NRW, und die Bewohner können stolz darauf sein, den Strukturwandel von der durch Bergbau und Schwerindustrie dominierten Region bis in die 1960er Jahre hin zu einer postindustriellen Region mit Wissenschaft und Hochkultur einigermaßen erfolgreich bewältigt zu haben. Die Bewohner des Ruhrgebiets, bekannt für ihre offene, freundliche Art und Bodenständigkeit, haben mindestens ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Region. Oliver Scheidt (Ruhr 2010 GmbH) rezitierte einen älteren Verwandten, dem beim Betreten einer Brücke mit dem für das Ruhrgebiet typischen Blick auf eine Schnellstraße entfuhr: „Schön ist es nicht. Aber meins. Und woanders ist auch Scheiße.“ Beim Strukturwandel des Ruhrgebiets liegen Licht und Schatten dicht beieinander: Die Metropolregion Ruhr hat einerseits vielversprechende neue Wirtschaftsfelder, Bildung und Wissenschaft und eine lebendige Kulturszene, andererseits aber auch ökologische und demografische Herausforderungen; zudem erstreckt sich im Ruhrgebiet ein Armutsbogen, der einen Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Armut, schwierigen Familienverhältnissen, bildungsfernen Haushalten und Chancenlosigkeit der Kinder beschreibt. Eine sozialwissenschaftliche Beforschung des Ruhrgebiets auch im Austausch mit Experten aus Politik, Wirtschaft und Praxis ist also dringend erforderlich.

Die Plenumsveranstaltungen und Panels der Regionalkonferenz Ruhr war so verschiedenen Themen gewidmet wie Europäisierung und Regionalisierung, Verhandelter Strukturwandel, soziale Ungleichheit, Naturverständnis und Metropolentwicklung, demografischer Wandel (alternde Gesellschaft), Eventkultur, Kultur- und Kreativwirtschaft, Fußballmetropole Ruhrgebiet, Ökonomisierung des Zeitungsjournalismus, Hochschulreform, Metropolen als Innovationsregionen. Noch in der Eröffnungsveranstaltung hat Stadtsoziologe Hartmut Häußermann Zweifel aufkommen lassen, ob man das Ruhrgebiet als „Metropolregion“ oder gar als „Metropole“ bezeichnen kann. Historische Metropolen wie das alte Babylon und das antike Rom konnten ökonomisch, politischen, funktional und institutionell eine zentrale Stellung beanspruchen. Von ihnen ging eine Strahlkraft für das gesamte Umland aus. Metropolen sind einerseits Orte von besonderer Dynamik, andererseits aber auch Orte des sozialen Abstiegs und der sozialen Ausgrenzung. Da Häußermann selbst bei der Bundeshauptstadt Berlin aufgrund der durch den 2. Weltkrieg und den Mauerbau fehlenden historischen Kontinuität den Metropolenstatus bezweifelt, steht wohl auch der Metropolenstatus des Ruhrgebiets infrage.

Berichte über wachsende Armutsrisiken und wachsende Ungleichheiten der Einkommens- und Vermögensverteilung müssen in einer Gesellschaft, deren Parteien um Wähler aus der „Mitte“ bzw. den Mittelschichten konkurrieren, Irritationen auslösen. Dass nicht nur eine Schicht von „working poor“ von der Phase des letzten wirtschaftlichen Aufschwungs nicht profitiert hat, einige Minderheiten hingegen überproportionale Wohlstandsgewinne für sich verbuchen konnten, wird von politischen Akteuren in Forderungen nach mehr „sozialer Gerechtigkeit“ oder auch „Verantwortung“ übersetzt. Doch die mit der Hartz-Gesetzgebung verfolgte Politik des „aktivierenden Sozialstaats“, der neben positiver Aktivierung (Anreize zu Erwerbsbeteiligung und vermehrten Bemühungen) negative Aktivierung (Leistungsentzug) vorsieht, muss sich als Mitverursacher dieser Entwicklung adressiert sehen. In den Blick geraten die Organisationen der Wirtschaft mit ihren Personal- und Arbeitspolitiken, die Erscheinungsformen und sozialen Folgen wachsender sozialer Ungleichheit und auch die Befindlichkeiten der Menschen, z.B. die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg. Mit den Abstiegsängsten der Menschen hat sich Holger Lengfeld auf Grundlage eines Vergleichs verschiedener empirischer Untersuchung und eigener Analysen des sozioökonomischen Panels (SOEP) befasst. Tatsächlich franst die Mittelschicht etwa seit dem Jahr 2000 an ihren Ändern aus. Die Mittelschicht umfasst gerade mal 52% der Einkommensverteilung, und dem Aufstieg einiger Minderheiten steht der Abstieg größerer Bevölkerungsgruppen auf das Niveau einer Unterschicht gegenüber. Das allgemeine Bild deutet auf eine zunehmende Verunsicherung die eigene Lebenslage und den Wohlstand in der Zukunft betreffend quer durch die Bevölkerung hin, doch die Abstiegsängste sind in den sozialen Schichten unterschiedlich stark ausgeprägt. Manche Studien sehen die Abstiegsängste in den unteren Schichten am stärksten ausgeprägt, andere Studien weisen die Mittelschichten als die größten Pessimisten aus. Tatsächlich haben die Sozialwissenschaften unterschiedliche Operationalisierungen, wer überhaupt zur Mittelschicht gehört. Lengfeld wählt eine Operationalisierung nach Berufsklassen, aufgrund derer er Personen den Schichten der Unterschicht, der gehobenen Schicht oder eben der unteren, mittleren und oberen Mittelschicht zuordnet, und er kommt zu dem Befund, dass die Ängste vor dem sozialen Abstieg in der mittleren Mittelschicht überproportional angestiegen sind. Gründe für die Abstiegsängste der „mittleren Mitte“ können (1) Vertragsbefristung, (2) Brancheneffekte und (3) Kompositionseffekte sein (z.B. Erwerb eines Eigenheims + Krankheitsfall im Haushalt) sein. Die Abstiegsängste in der mittleren Mitte sind am stärksten ausgeprägt bei Berufsklassen, die gehobene Routinetätigkeiten verrichten, und es ist eine Konzentration der Abstiegsängste in der Kredit- und Versicherungsbranche, Gesundheitsbranche, Bildung und Erziehung sind stärker betroffen als andere. Während die Unterschicht generell durch stark ausgeprägte Abstiegsängste, die obere Mittelschicht generell durch sehr geringe Abstiegsängste gekennzeichnet ist, verzeichnet die mittlere Mitte einen überproportionalen Zuwachs an Abstiegsängsten. Die Ursachen für diesen überproportionalen Anstieg der Abstiegsängste der mittleren Mittelschicht lassen sich nicht mit erwerbsstrukturellen Entwicklungen erklären. Die Ursachen sind bisher nicht eindeutig geklärt. Verschiedene Erklärungsmöglichkeiten, die Holger Lengfeld in Erwägung zieht, sind Generationeneffekte oder auch die Erwartung an permanenten sozialen Aufstieg, der zu der Erfahrung führt, den (eigenen) Aufstiegserwartungen nicht gerecht werden zu können. Lengfeld schloss den Vortrag mit der Anmerkung, dass die Datenreihe im ersten Halbjahr 2008 endet, also zu einem Zeitpunkt unmittelbar bevor die Finanzmarktkrise wirklich zutage getreten ist. Seine Untersuchung erscheint aktuell in der Zeitschrift für SoziologieDie Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg. Eine Längsschnittanalyse 1984-2007“  ( auch Arbeitspapier HASG 7, 2009). Ursula Holtgrewe hat sich in ihrem Vortrag mit der Verteilung von flexibler Arbeit entlang der Wertschöpfungskette auseinander gesetzt und speziell die Grenzen der Flexibilisierung von Erwerbsarbeit an den Schnittstellen zwischen kooperierenden Unternehmen in den verschiedenen Stufen und Phasen der Wertschöpfungskette diskutiert. Mehr Information zu ihrem laufenden Forschungsprojekt über Arbeitsorganisation und Restrukturierung in der Wissensgesellschaft findet sich unter www.worksproject.be.

Der Zeitungsjournalismus des Ruhrgebiets befindet sich unter dem Einfluss des Medienwandels mit dem Internet im Umbruch: sinkende Auflagen, Einbrüche beim Anzeigengeschäft. Die vier zur WAZ-Mediengruppe gehörenden Regionalzeitungen (NRZ, WR, WP und IKZ) behalten ihre Eigenständigkeit, doch die journalistischen Inhalte werden zentral von einem „Content-Desk“ produziert, verbunden mit Personal-Einsparungen. Welche Auswirkungen das tatsächliche oder antizipierte „Exit“ des Publikums auf das Handeln der Journalisten hat, welche neuen Erscheinungsformen das Publikum hat und wie Journalisten und Publikum interagieren, war ebenfalls Thema eines eigenen Panels. Susanne Fengler beispielsweise hat diskutiert, ob der Journalist unter den Bedingungen der Ökonomisierung agiert wie ein Homo Ökonomicus. Journalisten seien traditionell altruistisch im Sinne des Gemeinwohls tätig, und folgt nicht seinen Eigeninteressen; davon abgegrenzt arbeiten Medienmanager, Public Relations Fachleute als Profitmaximierer. Recherchekompetenz und ausgewogene Berichterstattung werden eher den öffentlich-rechtlichen als den privatwirtschaftlich geführten Medien zugeschrieben, Scheckbuch-Journalismus gilt als Tabu. Fengler hingegen legt der Betrachtung journalistischer Tätigkeit Begriffe und Konzepte der Ökonomie zugrunde und analysiert journalistische Praxis in den Kategorien von Eigennutz, Ressourcen, Tausch. Journalisten generieren ein Aufmerksamkeitseinkommen, hinzu kommt der Aspekt der Macht, beides hat eine Nutzenfunktion, beides bedeutet eine Gratifikation. Allerdings müsste Fengler noch differenzieren, ob Journalisten in einem marktlichen Setting arbeiten (z.B. abhängig sind von Verkaufszahlen, Zuschauerquoten oder Zugriffszahlen, oder indirekt von Einkommen aus Werbeeinnahmen) oder ob sie unter einem nichtmarktlichen Setting arbeiten. In ihrem Vortrag „Are you on the scene? Medienmacher und Mediennutzer auf der Suche nach Information“ haben Michael Jäckel und Bernd Kessler bei der Überlegung angesetzt, dass das Veröffentlichungsmonopol der Journalisten an den Rändern ausfranst, ihre Gatekeepingfunktion entfällt, sich zugleich jedoch neue Möglichkeiten der Informationsbeschaffung auftun. Ist das Internet der Freund oder der Feind des Journalisten? Einerseits leiden viele Printmedien unter Einbrüchen der Werbeeinnahmen, andererseits ist allgemein bekannt, dass Journalismus ohne Internet nicht mehr möglich ist, vielfältige Informationskanäle im Internet wertvollen Ersatz für teure Nachrichtenagenturen darstellen können: Die Konkurrenzbeobachtung ist komfortabler, benutzerfreundliche Feedback-Kanäle ermöglichen Kommunikation in beide Richtungen. Mit Bezug auf die „Dynamik der Kommunikationsgesellschaft“ von Richard Münch (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1995) heben Jäckel/Kessler heben drei Veränderungen hervor: (1) Die Instrumentalisierung des Journalismus für die Darstellungsbedürfnisse diverser Interessensgruppen, (2) Journalismus als Gatekeeper, Schaltzentrale und Vermittlungsstelle der Ströme öffentlicher Kommunikation, und (3) Journalismus als Notenbank bei der Kontrolle der Kommunikationsströme. Nur weist Münchs Kommunikationsgesellschaft, sondern Axel Bruns auf den Prodnutzer hin, der in ein- und demselben Handeln Inhalte produziert, rezipiert, verändert und verbreitet, und sich darin eine neue Qualität des Austauschs zwischen Journalismus und Publikum zeigt. Die Beobachtung aus der Ferne legt nahe, dass @DerWesten und mit Chefredakteurin Katharina Borchert (@lyssaslounge),  Markus Huendgen (@Videopunk), Thomas Knüwer vom Handelsblatt (@tkuewer), Stefan Niggemeier, Mario Sixtus (@sixtus), Wittkewitz (@pressearbeit) und etliche andere Journalisten nicht nur on the scene sind, wie Jäckel/Kessler sagen, sondern sogar selbst Agenten des Medienwandels sind.

Die Konkurrenz zwischen Unternehmen um Innovationen wird als eine entscheidende Einflussgröße für den wirtschaftlichen Wandel angesehen. Allerdings sind Verlauf, Ausrichtung und Reichweite technologischer Innovationen von ihrer Finanzierbarkeit und von ihren Rentabilitätsaussichten bestimmt. Seit Mitte der 1990er Jahre, mit Auflösung der „Deutschland AG“, sind die Bedingungen, unter denen Firmen Innovation betreiben, zunehmend durch Akteure und Institutionen der Finanzmärkte bestimmt. Das Stichwort „Finanzmarktkapitalismus“ beschreibt den Umstand, dass die von relativ autonomen Universalbanken geprägte Praxis der Vergabe langfristiger Kredite, das „geduldige Kapital“, wie wir es aus der Zeit des korporativen Kapitalismus kannten, durch einen international orientierten, auf den Regeln des liberalen Kapitalismus angelsächsischen Typs abgelöst worden ist. Dessen Verflechtung kann, wie die aktuelle Finanzkrise zeigt, außerordentliche Instabilitäten erzeugen. Das wirft die Fragen auf, ob die internationalisierten Finanzierungsbeziehungen über Aktienmärkte die Innovationstätigkeit von Unternehmen befördern oder beschränken, z.B. durch neue Rentabilitätszwänge, ob Unternehmen mit Sitz in Deutschland eher die Strategie der Anpassung oder einer gewissen Widerständigkeit wählen, und ob Krisen wie die Finanzmarktkrise seit Herbst 2008 zu veränderten Unternehmensstrategien führen. Paul Windolf hat zunächst anhand des steigenden Anteils von Aktien im Besitz von Fonds zwischen 1960 und 2006 gezeigt, dass das überwältigende Gros der Unternehmen breit gestreutes Aktienkapital hat und Kapitaleigner als machtvolle neue Eigentümer geschaffen, einen Markt für Unternehmenskontrolle entstehen lassen, mit Macht gewünschte Richtungsentscheidungen in Großunternehmen herbeiführen. Der Finanzmarktkapitalismus schafft Strukturbedingungen, die eher radikale Innovation des Vordringens in neue Märkte und Technologien befördern als die inkrementelle Innovation der kontinuierlichen Verbesserung und Variation von Produkt und Verfahrenstechniken, und insgesamt eher kurz- und mittelfristige als langfristige Nutzenkalküle fördert. Zwar gibt es bis heute in Deutschland Fallbeispiele wie die Gebrüder Albrecht, Eigentümer der Super¬marktkette Aldi und auf Top-Positionen der Forbes Weltrangliste, die selbst das Sagen in ihrem Unternehmen behalten, oder die Eigentümerfamilie Quandt von BMW, doch Verzicht auf Aktienkapital setzt Privateigentum für die Finanzierung laufender Geschäfte voraus, und daher ist Finanzmarktkapitalismus das generelle Regime des gegenwärtigen Kapitalismus und der Gang an die Börse im Regelfall ohne Alternative. Jürgen Beyer hat den Finanzmarktkapitalismus anhand der aktuellen Finanzmarktkrise einer kritischen Betrachtung unterzogen. Finanzmärkte galten zunächst als eine Triebkraft der Innovation – mit neuen Finanzmarktprodukten wie Subprime-Hypotheken, die keinerlei Bonitätsprüfung für einen Vertragsabschluss voraussetzen und amerikanischen Verbrauchern regelrecht angedient wurden und ein exzessives Wachstum der Finanzmärkte ermöglichten [Mehr Information mit ausführlichen Dokusendungen beim Sender CSNBC]. Für Jürgen Kädtler ist das Paradox innovativer Unternehmen in der Ungewissheit zu suchen, und in den Strategien, die Unternehmen zur Bewältigung dieser Unsicherheit suchen: (1) spezifische Kompetenzen für verschiedene Anwältungsfelder auszubilden, (2) langfristige Vertrauensbeziehungen intern und extern, (3) Kombination von innovativen und sicheren Geschäften. Finanzmarktorientierte Unternehmensführung bedeutet Kädtler zufolge Instabilität und Diskontinuität von Unternehmensprofil und Strukturen, kennziffernbezogene Restrukturierung anstelle von anlassbezogener Restrukturierung des Unternehmens als Permanenz, Beschäftigte als nachgelagerter Funktionsbereich. Damit, so Kädtler, stehen objektive und subjektive Bedingungen für Vertrauensbeziehungen und kollektives Lernen zur Disposition. In dieser Session kam der Verdacht auf, dass bei den Sprechern ausschließlich inkrementelle Innovation die Chance auf Anerkennung „echte Innovation“ bekommt und finanzmarktliche Strukturbedingungen generell der Innovation, wie wir sie kennen, im Weg sind. Man fragt sich Innovationsleistungen etwa im Bereich von Open Source Software in die Diskussion um Innovation einzuordnen sind, die ohne nennenswerte Kapitalzufuhr auskommen, die nicht-marktlich und kollaborativ produziert und für Jedermann bereit gestellt werden, ob wir nicht einen breiteren Begriff von Innovation brauchen.

Fazit

Insgesamt ist die erste Regionalkonferenz Ruhr eine gelungene Veranstaltung. Die Keynote der Globalisierungstheoretikerin Saskia Sassen war allein schon ein Highlight, das auch Anreisen aus der Ferne lohnend machte. Die Regionalkonferenz ist ein sehr spannendes Konferenzformat. Es bietet neue Möglichkeiten der Vernetzung zwischen wissenschaftlicher Soziologie Experten und Wirtschaft, Politik, Technologie, Bildung, Kultur und Institutionen in den Regionen, das bei zukünftigen Regionalkonferenzen anderswo in Deutschland noch ausgebaut werden könnte. Genau wie der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der alle zwei Jahre in einer anderen Stadt (Jubiläumskongress 2010 in Frankfurt/Main) stattfindet, ist die Regionalkonferenz der DGS eine hervorragende Möglichkeit für Studierende der Sozialwissenschaften in allen Studiengängen und Studienphasen, um Soziologie über die Grenzen der eigenen Hochschule hinaus in einer gebündelten, verdichteten Form kennen zu lernen und um beruflich relevante Kontakte zu knüpfen. Nicht so gut hat mir gefallen, dass den Teilnehmern kein WLAN angeboten wurde. Internettechnologie sollte verstärkt genutzt werden, um Kongresse, Regionalkonferenzen und auch die Sektionstagungen der DGS aus den Perspektiven sowohl der Organisatoren als auch der Teilenhmer abzubilden, z.B. mithilfe von Weblogs, Social Networking Sites, Twitter, Slideshare, Foto-, Video- und Livestreaming und das gesamte Material gebündelt durch einen einheitlichen #Hashtag gebündelt aufzubereiten. Solange man als Teilnehmer mit Fragen etwa nach der Sichtbarkeit von Metropolregionen aus der Perspektive des Internet Reaktionen von Podiumsteilnehmern über junge Leute erntet, die sich vermeintlich „zuviel mit dem Internet beschäftigen“, die Innovationspotenziale von Internet und Social Media für diverse Wirtschaftsbranchen gering geschätzt, die Veränderungsimpulse für die Gesellschaft eher vernachlässigt werden, werden professionelle Assoziationen wie die DGOF für die Medien und viele am Netz interessierte Nachwuchswissenschaftler interessanter, möglicherweise zum Nachteil der DGS. Allerdings wäre eine Aufteilung von Forschungsgegenständen, Methoden, Erscheinungsbild, Mitgliedschaft etc. zwischen DGOF und DGS eine sehr bedauerliche Entwicklung, denn erstens ist Soziologie ein Bildungsgut, das für Jedermann im Internet kostenlos verfügbar gehalten werden sollte, zweitens lässt sich das soziale Leben online und offline längst schon nicht mehr voneinander trennen, und drittens könnte man soviel voneinander profitieren. Andererseits bewegt sich doch etwas: Die DGS twittert.

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