Tagesarchiv: Oktober 4, 2009

„Strukturwandel zu Metropolen?“ Erste Regionalkonferenz der DGS

Dortmund DASA

Dortmund DASA

Die erste Regionalkonferenz der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) fand in Dortmund und Bochum zum Thema „Strukturwandel zu Metropolen?“ statt. Vier Hochschulen, die Ruhr-Uni Bochum, die TU Dortmund, die Uni Duisburg-Essen und die FernUni Hagen haben die Konferenz gemeinsam im Namen der DGS ausgerichtet. Sie haben ein neues Konferenzformat geschaffen, das etwas kleiner ist als die DGS-Konferenzen und sich an alle in Deutschland wie in anderen Ländern tätigen Soziologinnen und Soziologen. Besonders für Studierende ist die Regionalkonferenz ein ideales Format, weil sie übersichtlicher, fokussierter und praxisnäher ist als die großen DGS-Konferenzen, die auch immer für einen Besuch empfohlen sind.

Das Thema ist die Metropole bzw. Metropolregion. Etwa die Hälfte der Menschheit lebt in Städten. Metropolen sind Knotenpunkte wirtschaftlicher Wertschöpfung mit dem schnellen Rhythmus ihrer eigenen Produktions-Kultur. Sie sind aber auch Verdichtungen der Produktion von Wissen und Kultur sowie Orte unterschiedlicher Lebensformen. Sie sind  Seismografen für gesellschaftliche Entwicklungen, die sich dort zuallererst zeigen und die sich erst später andeswo durchsetzen. Im Zuge der Globalisierung haben sich viele dieser Prozesse beschleunigt. Unterschiede zwischen räumlich weit entfernten Metropolen scheinen zu verschwinden, und aus vormals klar identifizierbaren und abgrenzbaren Städten entstehen großräumige Metropolregionen wie die des Ruhrgebiets. Das Ruhrgebiet – Europas Kulturhauptstadt 2010 – ist eine Region mit 53 teils zusammengewachsenen Städten. Die wichtigsten Zentren entstanden bereits im Mittelalter. Das Ruhrgebiet erreichte seine heutige Ausdehnung und Struktur mit der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert. Heute hat die Metropolregion Ruhr ca. 5 Millionen Einwohner von insgesamt 18 Millionen Einwohnern in NRW, und die Bewohner können stolz darauf sein, den Strukturwandel von der durch Bergbau und Schwerindustrie dominierten Region bis in die 1960er Jahre hin zu einer postindustriellen Region mit Wissenschaft und Hochkultur einigermaßen erfolgreich bewältigt zu haben. Die Bewohner des Ruhrgebiets, bekannt für ihre offene, freundliche Art und Bodenständigkeit, haben mindestens ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Region. Oliver Scheidt (Ruhr 2010 GmbH) rezitierte einen älteren Verwandten, dem beim Betreten einer Brücke mit dem für das Ruhrgebiet typischen Blick auf eine Schnellstraße entfuhr: „Schön ist es nicht. Aber meins. Und woanders ist auch Scheiße.“ Beim Strukturwandel des Ruhrgebiets liegen Licht und Schatten dicht beieinander: Die Metropolregion Ruhr hat einerseits vielversprechende neue Wirtschaftsfelder, Bildung und Wissenschaft und eine lebendige Kulturszene, andererseits aber auch ökologische und demografische Herausforderungen; zudem erstreckt sich im Ruhrgebiet ein Armutsbogen, der einen Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Armut, schwierigen Familienverhältnissen, bildungsfernen Haushalten und Chancenlosigkeit der Kinder beschreibt. Eine sozialwissenschaftliche Beforschung des Ruhrgebiets auch im Austausch mit Experten aus Politik, Wirtschaft und Praxis ist also dringend erforderlich.

Die Plenumsveranstaltungen und Panels der Regionalkonferenz Ruhr war so verschiedenen Themen gewidmet wie Europäisierung und Regionalisierung, Verhandelter Strukturwandel, soziale Ungleichheit, Naturverständnis und Metropolentwicklung, demografischer Wandel (alternde Gesellschaft), Eventkultur, Kultur- und Kreativwirtschaft, Fußballmetropole Ruhrgebiet, Ökonomisierung des Zeitungsjournalismus, Hochschulreform, Metropolen als Innovationsregionen. Noch in der Eröffnungsveranstaltung hat Stadtsoziologe Hartmut Häußermann Zweifel aufkommen lassen, ob man das Ruhrgebiet als „Metropolregion“ oder gar als „Metropole“ bezeichnen kann. Historische Metropolen wie das alte Babylon und das antike Rom konnten ökonomisch, politischen, funktional und institutionell eine zentrale Stellung beanspruchen. Von ihnen ging eine Strahlkraft für das gesamte Umland aus. Metropolen sind einerseits Orte von besonderer Dynamik, andererseits aber auch Orte des sozialen Abstiegs und der sozialen Ausgrenzung. Da Häußermann selbst bei der Bundeshauptstadt Berlin aufgrund der durch den 2. Weltkrieg und den Mauerbau fehlenden historischen Kontinuität den Metropolenstatus bezweifelt, steht wohl auch der Metropolenstatus des Ruhrgebiets infrage. Weiterlesen