CFP Republica zum Thema „Shifting culture! Shifting what?“

Die diesjährige re:publica vom 01.-03. April in Berlin hat das Thema „Shift happens“. [Programm]

Hier dazu ein CfP von Lars Alberth und mir für die Session „Shifting Culture! Shifting What? Das Netz zwischen Stabilität und Umwälzung, soziale und kulturelle Folgen des Wandels„.

Text:

Im dritten Jahr ihres Bestehens will sich die re-publica 2009 den „gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen“ widmen, die für das Netz bestimmend sind und vom Internet auf Gesellschaft und Kultur generell ausgehen. Die re-publica begreift sich dabei als Medium und Ort der Reflexion dieses Wandels: als Medium, weil Veranstalter wie auch Besucher diesen Wandel vorantreiben und repräsentieren – hinsichtlich ihrer politischen, technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen, als Ort der Reflexion, weil sie beansprucht, diesen Wandel mit ihren technologischen, und kulturellen Mitteln selbst beschreiben und analysieren zu können.
Zunächst ist jedoch unklar, ob sich dieser Wandel in seiner Haupttendenz bereits vollzogen hat oder ob sich die Netzkultur derzeit diesem Wandel ausgesetzt sieht – mit allen Unsicherheiten, Risiken und Unverständlichkeiten. An welchem Punkt dieses Wandels ist die Netzkultur aktuell zu verorten – Netzkultur verstanden als eine Eigenqualität des Sozialen, die sich als mittels des Computers vermittelte Kommunikation in Deutungsmustern und Ritualen, Identitäten und Organisationen, Kommunikationsstilen und -techniken analysieren lässt?

Auch die Qualität des Wandels bedarf der näheren Bestimmung: Gesellschaftliche Bereiche können auf unterschiedliche Weise vom Wandel erfasst werden. Ein veränderter Umgang mit Informationen hat Folgen nicht nur für die alltäglichen Lebensstrukturen, Selbstpräsentationen und ökonomische Produktion. Umgekehrt können Anpassungsstrategien auch scheitern oder sind in der Folge dem Druck ausgesetzt, sich unter veränderten Umweltbedingungen stets neu zu justieren. Technologische Innovationen, neue Medien der Vernetzung oder veränderte Konsummuster können auch zu neuen Integrationsmustern führen, denen nicht alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen entsprechen. Sicherlich sind nicht alle gleichermaßen von der gesamten Bandbreite an Wandlungsaspekten betroffen, etwa von Veränderungen politischer Partizipation oder in der Rechtskultur. Gleichzeitig müssen auch Instanzen geschaffen werden, die diesem Wandel eine Zeitperspektive und den Akteuren auch Handlungssicherheit geben. Wenn sich die Netzkultur wandelt, so muss sie also auch über fungible Invarianten verfügen, die den Betroffenen mittel- und langfristige Perspektiven zu ermöglichen.
Schließlich sind auch Erkenntnisse über die Darstellungen und Darstellbarkeit des kulturellen Wandels zusammenzutragen. Dabei kommen bestimmte Techniken der Abbildung und Beschreibung zum Einsatz, die vermutlich eng mit den Determinanten des kulturellen Wandels verwoben sind. Verändert sich Kultur, so verändern sich auch die Parameter ihrer Interpretierbarkeit und ihrer technischen Präsentation. Die Referenzen, Mythen und Ikonen des Wandels sind dann notwendigerweise andere. Relevante Bilder müssen erst noch erfunden werden, um das woher und wohin des Wandels anzuzeigen.
Das Thema der Re-Publica 09 „shift happens“ verlangt also nach einer genaueren Bestimmung des „shift“. Wir wollen dieser Frage unter der Bezugnahme auf die kulturelle Dimension des Netzes verfolgen? Was verändert sich genau? Von welchem kulturellen Zustand des Netzes in der Vergangenheit wird ausgegangen und welcher Zustand wird im hier und jetzt beschrieben?

1. Begreift man das „Social Web“ oder „Web 2.0“ als soziale Bewegung, was sind dann ihre charakteristischen Strukturmerkmale? (z.B. Open Source, Open Access, Creative Commons, Bloggiquette etc.) → Welche sozialen Gruppen bzw. Milieus prägen die soziale
Bewegung? Was Hauptthemen und politische Zielsetzungen der sozialen Bewegung? Welche charakteristischen Interaktionsformen und Normen haben sich ausgebildet? Welches sind die typischen Organisations- und Koordinationsformen der sozialen Bewegung „Web 2.0“, sofern man davon sprechen kann, und wie sind diese mit der Internettechnologie verknüpft?

2. Begreift man das „Social Web“ oder „Web 2.0“ als eine Kultur, durch welche Wissensgehalte und Wertcommitments ist dann die Netzkultur inhaltlich gekennzeichnet? → Von welchen Wertcommitments und Wissensgehalten der Kultur, die gesamtgesellschaftlich etabliert ist, grenzt sich die Netzkultur ab? Wodurch erfolgt diese Abgrenzung?

3. Begreift man das „Social Web“ oder „Web 2.0“ als ein soziales Netzwerk, welche Akteure befinden sich im Zentrum, welche befinden sich in der Peripherie? Welche Faktoren sind maßgeblich für die soziale Positionierung im sozialen Netzwerk des „Web 2.0“? Wie erfolgt die Vernetzung im technischen und sozialen Sinne? M.a.W. Was genau sind die Mechanismen sozialer Inklusion bzw. Exklusion?

4. Schließlich thematisiert die re:publica 09 dezidiert die Konsequenzen der digitalen Gesellschaft. Mit dem Motto „Shift happens“ wird durch das neue Netz induzierter sozialer und kultureller Wandel der Gesamtgesellschaft angedeutet, doch wie vollzieht sich dieser Wandel? Welche sozialen Gruppen und (korporativen) Akteure sind Gewinner der Entwicklung, und für welche sozialen Gruppen und (korporativen) Akteure wird das „shift happens“ zum „shit happens“?

Da die Zeit für die Durchführung der Session sehr knapp bemessen ist und bereits gute Vorschläge eingegangen sind, bitten wir alle weiteren Autoren mit Ideen, ihren Vorschlag mit Vortragstitel und mit einigen kurzen biografischen Angaben zur Person bei den Organisatoren unmittelbar einreichen. Bitte senden Sie Ihr Abstract an: mail (at) tguenther (punkt) de und an alberth (at) uni (minus) wuppertal (punkt) de.

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