Monatsarchiv: März 2009

Barcamp Ruhr 2

Schön war’s, das Barcamp Ruhr 2 mit dem Themenfokus „Sicherheit“ im Unperfekthaus in Essen. Das Barcamp Ruhr hatte eine ganze Reihe guter Sessions und bot viel Raum für Diskussion und das persönliche Gespräch. Zwar fand ich, dass das Thema „Sicherheit“ für meine Begriffe und Bedürfnisse etwas kurz kam – da hatte ich auf mehr Sessions der Experten aus den Informationswissenschaften, den Rechtswissenschaften und anderen Disziplinen zum Themenfeld Sicherheit gehofft. Beispielhaft für einen guten Vortrag und mit lebhafter Diskussion aus dem Bereich Sicherheit möchte ich Felix Gröbert erwähnen. Techniken wie Gesichtserkennung und ex post Verknüpfung von Daten aus verschiedenen Social Media Quellen wie Twitter und Flickr ermöglichen leichter als bisher die Erstellung komplexer Persönlichkeitsbilder aus User generated Content, mit Folgen für die Betroffenen bei unbedacht online gestellten Inhalten oder Inhalten, die Dritte ohne Erlaubnis der Betroffenen über sie ins Netz stellen könnten – sie ermöglichen sehr komplexe Bilder der Online-Aktivitäten eines Akteure und können sich deshalb als folgenreich für die Betroffenen und ihre Privatsphäre herausstellen. Die De-facto-nicht-Mehr-Entfernbarkeit unwünschter Inhalte aus dem Netz aufgrund möglicher Spiegelung durch die Vielzahl Netznutzer kam häufig zur Sprache. Jedenfalls wünsche ich mir mehr Austausch mit Sicherheitsexperten aus technischen, informationswissenschaftlichen und rechtlichen Disziplinen bei künftigen Events. Zugleich waren mehr Teilnehmer aus den sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereichen und dem Kulturbereich dort als ich es bisher von Barcamps kannte, und das war toll. Die Startconference will Kulturschaffende, besonders aus dem Hochkulturbereich für den Aufbau von Online-Identitäten und eine professionelle Nutzung der Social Media gewinnen gewinnen, das Projekt Ruhrgebiet für lau von Claudia Pirc hatte ich zuvor schon mal gestriffen. Neu war für mich das Projekt Seeinglastsupper, eine Interpretation von Leonardo Da Vincis Abendmahl in Flash aufbereitet und faszinierend erklärt von Jochen Schröder. Und bei keiner anderen Konferenz, keinem anderen Workshop oder Barcamp zuvor hat es es so wunderbare Musik gegeben: Eine Kombo der Duisburger Symphoniker, die Philharmonixx, haben der versammelten Barcampgemeinde am Samstag auf das Feinste eingeheizt – hier meine Bildschnipsel als Slideshow und der Mitschnitt des Duisburger Philharmoniker Teams 🙂 – toll.

Wir haben auf dem Barcamp Ruhr zwei Sessions zur Thematik des Vertrauens online durchgeführt und dabei hervorgehoben, dass wir über Vertrauen unter der Bedingung von Unsicherheit sprechen, und dass das Internet nicht ein vom übrigen Sozialleben getrenntes „Second Life“ sondern vielmehr integraler Bestandteil der sozialen Wirklichkeit ist. In der Diskussion haben die Teilnehmer eine Reihe kritischer Fälle aus der Praxis des Online-Lebens angesprochen, die mich darin bestärken,  die Thesen der obigen Präsentation sowie in einem Aufsatz, den Guido Möllering und ich miteinander in diesem Themenbereich schreiben, nachdrücklich zu vertreten. Daher möchte ich auch hier nochmal den Diskussionsteilnehmern für ihre Fragen und Kommentare danken.

Events: Re:publica, Barcamp Ruhr & Politcamp

Future of Social Media

Future of Social Media

(gefunden bei Sprechblase)

Während das rheinische Wetter zwischen regnerisch und schauerlich wechselt, steigt meine Vorfreude auf die anstehenden Events, so z.B. das Barcamp Ruhr (28./29.03.09, Essen), die re:publica (01.-03.04.09, Berlin) und das Politcamp (02./03.05.09, Berlin).

  • Beim Barcamp Ruhr möchte ich gern etwas über Vertrauen online sagen und mit den anderen Teilnehmern über die Frage diskutieren, weshalb Vertrauen online ein Problem darstellt, wie Vertrauen online konstituiert wird und was wir uns unter einem vertrauenswürdigen Internet vorstellen können.
  • Bei der Re:publica09 haben wir eine Session „Shifting culture! Shifting what?“ zusammen gestellt. Lars Alberth wird vortragen zum Thema “Ein digitales Rom oder Welches Kostüm trägt der kulturelle Wandel im Netz? – Eine kleine Ikonographie der re:publica”. Ich spreche zum Thema “Web 2.0 zwischen sozialer Bewegung und Geschäftsmodell. Konsequenzen der digitalen Gesellschaft”. Und Benedikt Köhler trägt vor zum Thema “Social Media ist wie da sein – The Global Village Revisited”.
  • In der Session „Digitale Identität“ der re:publica09 werde ich über das „Digitale Ich“ sprechen und erläutern, weshalb Online-Identität und Offline-Identität zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind und auf die Besonderheiten von Online-Identität als sozialer Praxis eingehen.
  • Und im Mai 2009 steht eine Veranstaltung an, auf die ich mich vor dem Hintergrund der Ödnis deutscher Parteienpolitik, Parteidisziplin, dem längst überfälligen Bundestagswahlkampf  nach vier Jahren großer Koalition und ihrem Verrat an der Sozialen Marktwirtschaft  besonders freue – das Politcamp.

Natürlich möchte ich auf allen drei Event viele Leute kennen lernen, wieder treffen und viel viel lernen 🙂

Capitalism formerly known as the German Model and its Re-Formation. Part II

Wolfgang Streeck (MPIfG), a scholar of political economy, studies the relations between markets, states and institutions, the dynamics of their development, their interrelatedness and historical changes. His new book “Re-forming capitalism” (Oxford University Press 2009) is devoted to institutional changes in capitalism formerly known as the German Model and its social consequences. An important book, particularly to those who refuse to give up on liberalism. Back to Part I

Why capitalism?

“Why capitalism? If the gradual disorganization and liberalization of “postwar market economy” like Germany is to be explained, as I believe it must, as a secular historical process driven by endogeneous dialectical force, conceptions of “the economy” as a system in, ore on the way to, static equilibrium, however defined, are not really of use. Speaking of capitalism instead has the advantage that it conceptualizes the economy as inherently dynamic – as a historical social formation defined by a specific, characteristic dynamism, and as an evolving social reality in real time. Speaking of capitalism, in other words avoids the fallacies of misplaced abstractness that plague mainstream economics as well as rational choice social science and prevent them from engaging the world as it happens to be. Specifically, the concept of capitalism draws our attention to a core concept of market expansion and accumulation that, it suggests, makes up the substance and defines the identity of what is now the hegemonic and indeed the only form of economic organization in the modern world. Moreover, it also (…) moves into the center of analysis the fundamental issue of the compatibility of expanding markets with the basic requirements of social integration, thereby providing a coherent analytical framework in which to consider the manifold social conflicts associated with the ‘capitalist constant’ (Sewell 2008) of progressive commodification. ” (Streeck 2009, p. 230)

A society that consumes its institutions?

Streeck makes a strong argument insofar as the transformation of political-economic institutions he describes with the terms of ‘disorganization’, ‘flexibilization’ and ‘economization’ is severe in its consequences in terms of solidarity and social justice. Of course, all institutions are in transformation. So are the social economic institutions of capitalism: collective bargaining, intermediary organizations, social policy and the welfare state, and, of course, corporate governance. As Streeck shows convincingly, this process also involves public financing. But as the state extensively goes after its own interests, e.g. in rising incomes tax for the wealthier parts of the population, rising taxes on goods, inventing new fees for just about everything, lowering the standard of welfare, and hiding the true level of unemployment, this does not leave social solidarity in Germany untouched. Streeck puts this in the term “capitalism” meaning a social order rather than about an abstract “economy” meaning a functional subsystem or the market in a model of the word. But both terms leave that open tough competition, power struggle, inequality and unfairness occur. Slowly but continuously, without major disruptions, capitalism formerly known as the German model has been undermined in complex interplay of systemic, institutional and endogeneous change, not just as a result of external factors such as ‘globalization’ and ‘technology’, but rather because institutions were struggling with specific problems of systemic and social integration. The logic of flexibilization and disorganization is driven by characteristic dispositions of actors, the relationship of rule-making and rule-taking. Weiterlesen

Das waren noch Zeiten

Damals, als wir noch nix hatten, haben wir 100-Kilo-Seiten in mühevoller Handarbeit zusammengeschraubt.

Und doch nimmt sich manch ein Ergebnis nicht ganz unansehnlich aus.

via Lummaland; Stylespion.

CFP Republica zum Thema „Shifting culture! Shifting what?“

Die diesjährige re:publica vom 01.-03. April in Berlin hat das Thema „Shift happens“. [Programm]

Hier dazu ein CfP von Lars Alberth und mir für die Session „Shifting Culture! Shifting What? Das Netz zwischen Stabilität und Umwälzung, soziale und kulturelle Folgen des Wandels„.

Text:

Im dritten Jahr ihres Bestehens will sich die re-publica 2009 den „gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen“ widmen, die für das Netz bestimmend sind und vom Internet auf Gesellschaft und Kultur generell ausgehen. Die re-publica begreift sich dabei als Medium und Ort der Reflexion dieses Wandels: als Medium, weil Veranstalter wie auch Besucher diesen Wandel vorantreiben und repräsentieren – hinsichtlich ihrer politischen, technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen, als Ort der Reflexion, weil sie beansprucht, diesen Wandel mit ihren technologischen, und kulturellen Mitteln selbst beschreiben und analysieren zu können.
Zunächst ist jedoch unklar, ob sich dieser Wandel in seiner Haupttendenz bereits vollzogen hat oder ob sich die Netzkultur derzeit diesem Wandel ausgesetzt sieht – mit allen Unsicherheiten, Risiken und Unverständlichkeiten. An welchem Punkt dieses Wandels ist die Netzkultur aktuell zu verorten – Netzkultur verstanden als eine Eigenqualität des Sozialen, die sich als mittels des Computers vermittelte Kommunikation in Deutungsmustern und Ritualen, Identitäten und Organisationen, Kommunikationsstilen und -techniken analysieren lässt?

Auch die Qualität des Wandels bedarf der näheren Bestimmung: Gesellschaftliche Bereiche können auf unterschiedliche Weise vom Wandel erfasst werden. Ein veränderter Umgang mit Informationen hat Folgen nicht nur für die alltäglichen Lebensstrukturen, Selbstpräsentationen und ökonomische Produktion. Umgekehrt können Anpassungsstrategien auch scheitern oder sind in der Folge dem Druck ausgesetzt, sich unter veränderten Umweltbedingungen stets neu zu justieren. Technologische Innovationen, neue Medien der Vernetzung oder veränderte Konsummuster können auch zu neuen Integrationsmustern führen, denen nicht alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen entsprechen. Sicherlich sind nicht alle gleichermaßen von der gesamten Bandbreite an Wandlungsaspekten betroffen, etwa von Veränderungen politischer Partizipation oder in der Rechtskultur. Gleichzeitig müssen auch Instanzen geschaffen werden, die diesem Wandel eine Zeitperspektive und den Akteuren auch Handlungssicherheit geben. Wenn sich die Netzkultur wandelt, so muss sie also auch über fungible Invarianten verfügen, die den Betroffenen mittel- und langfristige Perspektiven zu ermöglichen.
Schließlich sind auch Erkenntnisse über die Darstellungen und Darstellbarkeit des kulturellen Wandels zusammenzutragen. Dabei kommen bestimmte Techniken der Abbildung und Beschreibung zum Einsatz, die vermutlich eng mit den Determinanten des kulturellen Wandels verwoben sind. Verändert sich Kultur, so verändern sich auch die Parameter ihrer Interpretierbarkeit und ihrer technischen Präsentation. Die Referenzen, Mythen und Ikonen des Wandels sind dann notwendigerweise andere. Relevante Bilder müssen erst noch erfunden werden, um das woher und wohin des Wandels anzuzeigen.
Das Thema der Re-Publica 09 „shift happens“ verlangt also nach einer genaueren Bestimmung des „shift“. Wir wollen dieser Frage unter der Bezugnahme auf die kulturelle Dimension des Netzes verfolgen? Was verändert sich genau? Von welchem kulturellen Zustand des Netzes in der Vergangenheit wird ausgegangen und welcher Zustand wird im hier und jetzt beschrieben? Weiterlesen

Capitalism formerly known as the German Model and its Re-Formation. Part 1

Re-Forming Capitalism

Re-Forming Capitalism

Thinking about Germany, what are the first people or things that come to your mind? Friedrich Schiller? Heinrich Heine? Oktoberfest? Abwrackprämie? Coordinated capitalism? Hm, Schiller’s spirit of freedom is unequalled, but Heinrich Heine chose to leave the country, and German capitalism is no longer what it used to be. In the distinction of the ‘Varieties of Capitalism’ introduced by Peter Hall and David Soskice (2001), the German model has been discussed as a paradigmatic example of a coordinated market economy in Europe, Japan as a paradigmatic example for a coordinated economy in Asia. ‘Varieties of Capitalism’ (Hall/Soskice) holds that liberal economies and coordinated economies both have their characteristic set of institutions playing together in such a manner that liberal economies offer ideal structural conditions for radical innovation within companies and their interorganizational networks, and coordinated market economies offer ideal structural conditions for incremental innovation.

Wolfgang Streeck in his new book “Re-Forming Capitalism” – a must read – offers a dynamic version of political economy and shows the German economy has undergone such tremendous change in the areas of wage structure and wage-setting, business organizations and trade unions, social policy, public finance and corporate governance in recent decades, that the term no longer applies. It must be rather discussed about the general political and institutional of capitalism than the idea of varieties of capitalism suggests. The keywords of structural change Streeck identifies are ‘flexibilization’ and ‘liberalization’ rather than ‘globalization’ that forces a shift in the relationship between market, state and civil society. (Streeck 2009: 25). In this and the next blog post, I’ll discuss the transformation of the German model based on Streecks‘ inspiring new book, some old material from my dissertation and a bit of illustrative material I found online. Weiterlesen