Monatsarchiv: Januar 2009

“Web 2.0 – eine empirische Bestandsaufnahme” – eine Buchbesprechung

Web 2.0 - Buchcover

Web 2.0 - Buchcover

Das Social Web bzw. “Web 2.0” erfreut sich wachsender Beliebtheit bei Nutzern und Investoren. Weblogs, Wikiwebs, RSS, Social Networking Sites, Foto- und Videoplattformen, Multiuser Online Spiele, Microblogging und andere Dienste gestatten Internetnutzern die Publikation ihrer Inhalte für ein zumindest theoretisch globales Publikum. Mit Weblogs ist es Internetnutzern auch ohne Programmierkenntnisse möglich, Inhalte als Text, Foto, Audio, Video oder gar Livestream zu publizieren, zu editieren und global zu verbreiten. Kinderleicht ist es, ein persönliches Profil auf einer der beliebten Social Networking Sites anzulegen, Interessen mitzuteilen und ein Netzwerk von Freunden, Bekannten, Kollegen und entfernten Kontakten online abzubilden. Ebenso einfach ist die kollaborative Wissensorganisation im Internet mithilfe von Bookmarking Dienste wie z.B. Del.ico.us, Mr Wong, Digg oder Reddit, die es gestattet, Internetobjekte mit Lesezeichen zu versehen, Schlagworte zuzuordnen und einander Linkempfehlungen zu unterbreiten. Wachsender Beliebtheit erfreut sich das Microblogging wie z.B. mit Diensten wie Twitter oder Identica, in dem aktive Internetnutzer Seelenzustände und Aktivitäten online mitteilen. Der beinahe altmodische Dienst Kurznachrichten auf das Mobiltelefon ermöglicht die permanente Verbindung von Internet und Nutzer. Und Dienste wie Friendfeed gestatten es, eine Vielfalt verschiedener Dienste zusammenzuschnüren, selbstproduzierte Inhalte in verschiedenen Formaten in einem persönlichen Nachrichtenstrom zu organisieren und gleichzeitig auf die Nachrichtenströme anderer Nutzer zuzugreifen. Niemand kommt an der steigenden Popularität “Web 2.0” vorbei: Die Zahl aktiv geführter Weblogs kann nur grob geschätzt werden, bewegt sich jedoch im dreistelligen Millionenbereich. Die Social Networking Plattform Facebook hatte im Jahr 2008 mehr als 64 Millionen Benutzer, “kleinere” Social Networking Plattformen wie StudiVZ und Xing bringen es auf 10 Millionen bzw. 5 Millionen Benutzer. Umstritten ist jedoch die Relevanz des Social Web: Für die einen repräsentiert das Social Web die Zukunft der Medien und Nachrichten schlechthin. Andere beurteilen die neuen Formate und Dienste als wenig relevant, weil nur eine Minderheit der neuen Online-Publikationen mit Print-, Rundfunk- und Fernsehen vergleichbare Zugriffszahlen erzielt und weil Schwächen und Mängel vieler Beiträge beklagt werden. Wir befinden uns also mitten in der Diskussion um die mediale und soziale Relevanz des Social Web bzw. “Web 2.0”. Dies ist auch die Kernfrage des 2008 von Paul Alpar und Steffen Blaschke bei Vieweg herausgegebenen Sammelbandes “Web 2.0 – eine empirische Bestandsaufnahme”.[Zur Buchseite bei Vieweg+Teubner]

Diesem Konzept folgend haben Alpar/Blaschkevorrangig quantitativ empirische Beiträge zu einem breiten Themenspektrum kommunikationswissenschaftlicher Forschung über das Internet zusammen gefügt, die – jeder für sich – sehr informativ geschrieben, gut ausgearbeitet und sehr aktuell gehalten sind. Die Beiträge des Sammelbandes sind in vier Gruppen untergliedert: Weblogs, Wikis, soziale Netzwerke und Social News. Einige Beispiele: “Die Bedeutung privater Weblogs für das Issue Management in Unternehmen”, “Wer bloggt was? Eine Analyse der Top 100-Blogs mit Hilfe von Cluster-Verfahren”, “Geschlechterunterschiede in der deutschsprachigen Blogophäre” “Viele Autoren, gute Autoren? Eine Untersuchung ausgezeichneter Artikel in der Wikipedia”, “Auswahl und Kenngrößen innerbetrieblicher Wikiarbeit”, “Wikis in Organisationen: Von Kommunikation zu Kollaboration”, “Nutzertypen junger Erwachsener in sozialen Online-Netzwerken in Deutschland”, “Web 2.0 as a platform for User Co-Creation” “Web 2.0 als innovative Basis” und “Social News, die neue Form der Nachrichtenvermittlung?” Weiterlesen

Animated film „History of the Internet“

While reading and writing a review about a German book on „Web 2.0“ and simultaneously surfing the object of interest, I stumbled across this little animated film about the historic roots of the internet. The film is the diploma of Melih Bilgil. It uses only Icons and gives a short, dense presentation of the technological roots and early history of the internet. (Via Netzpolitik).

[Vimeo=“http://vimeo.com/2696386?pg=embed&sec=2696386″%5D

Wahlkampf, bitte!

Wie ließe sich das Jahr 2009 hoffnungsvoller beginnen, als mit einer zuversichtlichen und motivierenden Ansprache der Bundeskanzlerin? Wie schon in vergangenen Jahren setzt Angela Merkel Maßstäbe an Authentizität und politischer Aufrichtigkeit. So ist ihre Neujahrsansprache für viele zum Fixpunkt des alljährlichen Sylvesterrituals geworden. Auch von der globalen Finanzmarktkrise hat Frau Bundeskanzlerin Merkel schon gehört. Jedenfalls geht sie explizit darauf ein:

„Denn die weltweite Krise berührt auch Deutschland. Finanzielle Exzesse ohne soziales Verantwortungsbewusstsein, das Verlieren von Maß und Mitte mancher Banker und Manager – wahrlich nicht aller, aber mancher – das hat die Welt in diese Krise geführt. Die Welt hat über ihre Verhältnisse gelebt. (…) Deshalb steht für mich auch im kommenden Jahr an erster Stelle, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen. Gerade hier ist Deutschland in den vergangenen drei Jahren gut vorangekommen. Es gibt heute mehr Erwerbstätige als je zuvor.“ [Vollständige Rede]

Dass Max Weber seine düstere Vision von Bürokratie als der allumfassendsten, unentrinnbaren und sämtliche Lebensbereiche der Menschen durchdringenden Verwaltungsherrschaft ausgerechnet in Deutschland entworfen hat, wundert nicht wirklich. Man könnte meinen, Weber habe an die Regulierungswut der amtierenden Großen Koalition unter Kanzlerin Merkel und das Regime des New Public Management gedacht. Andere werden ein längeres politisches Gedächtnis haben, aber mir fällt keine andere Regierung ein, die so konsequent den korporativen Kapitalismus zugunsten des globalen Finanzmarktkapitalismus ausgehöhlt, dabei für die wohlhabenderen Schichten die Steuern und Abgaben erhöht, sich gegen die Familien gewendet und zugleich Millionen von Menschen in die Prekarität verwaltet hat.  Die Erwerbstätigkeit in Deutschland sei höher als je zuvor, sagte die Kanzlerin, aber gleichzeitig sind Millionen von Menschen in Niedriglohnbeschäftigng und arm. Zum Thema Familienunterstützung ein Beispiel aus diesem Bereich: Wird ein Bezieher von Sozialhilfe nach SGB II, Mutter bzw. Vater, ist das Elternteil ökonomisch schlechter gestellt, denn das Kindergeld wird als Einkommen auf den Regelsatz angerechnet. Immerhin ist mit dem Kind auch eine Person mit eigenen Bedürfnissen mehr vorhanden. Ein Anreiz zur Familiengründung sähe anders aus.

Da Deutschland eine exportorientierte Volkswirtschaft ist, erreicht die Finanzmarktkrise Deutschland mit einiger zeitlicher Verzögerung, nämlich wenn die internationale Nachfrage nach Vorprodukten (z.B. Chemikalien, Polymerprodukte), Kraftfahrzeuge, Maschinen und Produktionsanlagen und anderen Produkten und Diensten aus Deutschland einbricht, erst dann wird Finanzmarktkrise am Arbeitsmarkt spürbar. Einbrüche bei den Auftragseingängen haben deutsche Unternehmen bereits während des ganzen Herbstes 2008 vermeldet. Hinzu kommt, dass im korporativen Kapitalisms Deutschland anders als in liberalen Ökonomien angloamerikanischer Prägung die Institution des Kündigungsschutzes etabliert ist. Diese Institution ist im Interesse der von Kündigung Betroffenen selbstverständlich wichtig, bedeutet jedoch ebenfalls, dass sich zu einem Stichtag X die Kündigungen in der Arbeitsmarktstatistik niederschlagen, die bereits drei Monate zuvor ausgeprochen wurden. Und weil sich die Kündigungswelle in der Arbeitsmarktstatistik Deutschlands bisher nicht zeigt, sehen die deutsche Kanzlerin und ihr Finanzminister Steinbrück anders als ihre Amtskollegen aus den USA und den europäischen Nachbarländern bisher noch keinen Anlass zum Eingreifen. Sie wischt den von Joseph Stiglitz empfohlenenen Keynianismus beiseite und verabreicht der Bevölkerung mit halbherzigen Konjunkturpaketen Beruhigungspillen. Wie Paul Krugman in Reaktion auf dieses Newsweek-Interview von Peer Steinbrück erklärt, sind die anderen europäischen Regierungen, z.B. die Briten, Fanzosen und Italiener not amused. Aber weshalb reagiert unsere Regierung nicht? Weil sie in der Auseinandersetzung über die anzustrebenden Maßnahmen die Große Koalition aufkündigen und zum Wahlkampf übergehen müsste. Zeit wird’s.