Locked in flexibility? DGS-Kongress Unsichere Zeiten in Jena I

Kongresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie erfahren gewöhnlich ein mittelprächtiges Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit. Sie werden von vielen Politikern – nicht allen- mit der Tonlage „versteht eh Mensch, was Ihr da macht, und zu was soll das nütze sein?!“ kommentiert, und am Ende des Tages stellt man fest, dass der Kongress nur mit einer geringen Zahl von Artikeln in der überregionalen Presse vertreten ist:  Diesmal hat die Gesellschaft aus der Presse über sich erfahren dürfen, dass Soziologen vor Rebellionspotenzial warnen oder ihr umgekehrt einiges Rebellionspotenzial zutrauen, Ungleichheit neu vermessen werden muss und Gier nicht alles ist [Netzzeitung, Welt; Tagesspiegel; Printausgabe NZZ 10.10.08, S. 26].

Während die Tagung eröffnet wurde, habe ich den Fernseher eingeschaltet und Kursstürze in Frankfurt und New York angeschaut. Katastrophales Krisenmanagement der deutschen Bundesregierung, so der Tenor. Dienstag morgen haben sie Kursstürze aus New York und Tokyo vermeldet. Dienstag Abend verkündeten die Nachrichten, dass mit Island der erste europäische Nationalstaat am Rand der Zahlungsunfähigkeit steht. Mittwoch früh verpasste die britische Regierung ihren Geschäftsbanken eine Liquiditätsspritze, während die Kommentatoren von CNN das internationale Bankensystem verabschiedeten. Donnerstag morgen führten die Kommentatoren bei CNN eine erregte Diskussion, wie es denn möglich sei, dass man jetzt eine solche Krise erlebe, wo man doch alle Lektionen aus der Finanzkrise am Standort Tokyo in den 1990er Jahren umgesetzt habe. Irgendein Sender präsentierte ein verzweifeltes Ehepaar, das seine gesamten Ersparnisse bei Lehmann Brothers angelegt hatte. Geplatzt alle Träume von einer gesicherten Zukunft. Aber nur ein Extremfall, betonte der Sender. Donnerstag Abend fand Rivva eine Meldung, wonach der Bundesrat in Reaktion auf die Klagewelle zu Hartz IV kommenden Freitag eine Gesetzesvorlage der großen Koalition plant, der die Rechtsberatung für Bezieher von Hartz IV erschwert und die den Rechtsweg erheblich verteuern soll [Welt]. Hätten die Menschen keinen Deutungsbedarf, bräuchte man keine Soziologie. Doch der Kongress „Unsichere Zeiten“ war von allen DGS-Kongressen, die ich bisher mitbekommen habe, der aktuellste und zudem einer der besten.

Plenum Korruption

Die Tagung „Unsichere Zeiten“ hat mich zunächst ins Plenum I über Korruption der DGS-Sektion politische Soziologie geführt. Dort diskutierte Wolfgang Hetzer (Brüssel) Korruption aus einer juristischen Perspektive als „Corporate Culpability“. Er stellte die Frage nach der Schuld und Moralfähigkeit von Unternehmen wie z.B. in der Siemens-Affäre. Aus einer Perspektive der Korruptionsbekämpfung stellt sich ihm pragmatisch die Frage nach der Zurechenbarkeit von Schuld und den Möglichkeiten, Organisationen für ihr Korruptionshandeln verantwortlich zu halten: Ist Korruption etwa ein Strafrechtsphänomen? Ein Fall fürs Dienstrecht? Ein Organisationsphänomen? Ist den  Personen nicht bewusst, dass sie Teil der Korruption ihrer Organisation sind? Noch bis vor wenigen Jahren galt Korruption als Kavaliersdelikt, erst seit Mitte der 1990er Jahre wird Korruption öffentlich angeprangert, und erst in den letzten Jahren hat Korruption – etwa Bestechungshandeln – Eingang ins Strafgesetzbuch gefunden.

Gegen die Nahelegung des Nichtwissens der Akteure korrupten Handelns in Organisationen, somit auch gegen Annahme der Schuldunfähigkeit korporativer Akteure bzw. juristischer Personen wandte sich Peter Graeff (München) ebenfalls am Beispiel der Siemens-Affäre. Graeff stellte heraus, dass Korruption stets ein Handeln im Geheimen beinhaltet, verbunden mit einer auf Reziprozität beruhenden Norm zur Geheimhaltung und Interessenlagen der beteiligten Akteure. Wer als Wistle-Blower Korruptionsnetzwerke auffliegen lässt, geht als Sieger aus dem Korruptionsspiel hervor. Folglich kann den Akteuren auch innerhalb einer Organisation ein Wissen über ihre Beteiligung an verbotenem Handeln unterstellt werden.  Korruption setzt Akteursnetzwerke voraus, die eine Gelegenheitstruktur für korruptes Handeln bieten.  Nicht jedes Mitglied eines Unternehmens bekommt überhaupt Gelegenheit, korrupt zu werden, denn nur langjährige Mitglieder bekommen Zugang zu korruptiven Akteursnetzwerken. Graeff zufolge ist Korruptionshandeln in Unternehmen klar abgegrenzt von den übrigen Routinen in Organisationen, da sie auf Interessenverwirrung bei den beteiligten Akteuren sowie auf eigenen Normen und Vertrauensbeziehungen (Geheimhaltung) beruhen und durch spezielle Netzwerkstrukturen (Kleingruppen) gekennzeichnet sind. „Korruptionsnormen“ sitzen auf dem Code of Conduct und Regeln für Compliance der Unternehmen auf und führen die Antikorruptionsstrategien ad absurdum.

Susanne Karstedt (Keele) deutet die Kulturaspekte der Korruption aus einer kriminologischen Perspektive. Argentinien etwa weist das weltweit höchste Niveau der moralischen Verurteilung von Korruption auf, ist aber bei ihrer Verbreitung ebenfalls im Spitzenfeld. Unterteilt man Kriminalitätstatbestände in ‚blue collar crime‘ und ‚white collar crime‘, so vermag nur die Kriminalität der einfachen Leute eine moralische Panik auszulösen. Nur in Ausnahmefällen, etwa bei der Verfolgung jüdischer Geschäftsleute im Nationalsozialismus, löst auch ‚white collar crime‘, eine moralische Panik aus. Korruption ist aber ein Paradebeispiel für die Kriminalität der Mittelschichten und sozialen Aufsteiger, also ‚White collar crime‘.  Auf Grundlage einer Datenanalyse mit einem international vergleichendem Sample aus 60 Nationen hob Karstedt hervor, dass Korruption sich besonders unter Bedingungen bestimmter institutioneller Strukturen und Wertmuster entfaltet: Transformationen, informelle soziale Strukturen und informell gehaltene Institutionen sind Nährböden für Korruption. Darüber hinaus beinhaltet Korruptionshandeln in Organisationen Routinen eigener Art, die Bestandteil der Organisationsstruktur und -kultur sind.

Einige Beiträge aus der Sektion Wirtschaftssoziologie

Jürgen Kädtler (Göttingen) deutete in seinem Vortrag Finanzmarktrationalität als eine bedingte Rationalität jenseits des realwirtschaftlichen Handelns, bei der nach gangbaren Handlungsalternativen anstelle von optimalen Lösungen gesucht werde. Finanzmärkte, sagt Kädtler, sind eine institutionalisierte Öffentlichkeit. Zum einen ermöglichen Finanzmärkte Verregelung, Produktstandardisierung,  Informationsnormierung und Investitionen in die Realökonomie. Zum anderen ermöglichen Finanzmärkte Konsolidierung von Leitbildern, Rationalitätskonzepten und Erfolgsmaßstäben als Ausdruck einer spezifischen öffentlichen Meinung: Wertorientierung ist ihre ökonomische Leitidee, Eigenkapitalverzinsung sei ihr harter Kern, die generalisierende Semantik Bedingung für den generalisierten Geltungsanspruch, tragfähige Balancen sind Kern von Unternehmensstrategien, Krisen bieten Anlässe für Neuarrangements, Situationsdeutung werde als Aushandlung betrieben. Finanzmarktrationalität diene als Machtressource. Finanzmarktökonomie sei die ökonomische Leitdisziplin.  Finanzmarktrationalität bewege sich zwischen Risiko und tatsächlicher Unsicherheit. Dies führe zum Dilemma, dass kennziffernbezogene Markt- und Produktstrategien nur begrenzt lukrativ seien. Innovation, behauptete Kädtler, beruhe nicht auf Produktinnovation, sondern auf Finanzmarktkommunikation, denn Unternehmen der Pharma-Branche wie z.B. Bayer haben nur wenige  Produktinnovationen aus eigener Kraft vorzuweisen und verlassen sich auf Finanzmarkttransaktionen. Dazu drei Punkte: Erstens finde ich die Unterscheidung von Finanzmarkt als virtueller Ökonomie und Realwirtschaft absurd, weil Werte, die ein Unternehmen in seine Buchhaltung schreibt, echte Geldtransaktionen ermöglichen und in einer Finanzmarktkrise wie zur Zeit ungeheure Geldmengen echt vernichtet werden. Was sind zweitens Finanzmarktkommunikationen anderes als Transfers von Geld bzw. Wert? Drittens sind bei der Beurteilung der Innovationsfähigkeit wie bei Bayer auch Größenverhältnisse und Positionierung im Vergleich zu den jeweils größten Anbietern zu berücksichtigen; mit der Neusortierung der Geschäftsaktivitäten und Zukäufen von Unternehmen und Unternehmensteilen anderer Unternehmen hat sich Bayer zum eigenen Vorteil im Marktfeld Pharma vorteilhaft positioniert. Drittens hätte Kädtler die Schriften von Michael Power über „Organized Uncertainty“ (2007) ins Verhältnis zur Finanzmarktrationalität setzen können.

Irene Troy/Raimund Werle haben sich dem Faktor Wissen als Produktionsfaktor und Ware zugewandt aus ihrem laufenden Projekt über den Patentmarkt im Kontext der Markt- und Wissensgesellschaft berichtet. Ein Markt für Patente unterstellt Eigentumscharakter von Wissen. Nur wenn Wissen angeeignet werden kann, kann man damit Handel treiben. Wissen ist aber auch (mindestens latent) außerdem ein öffentliches Gut. Mögliche Folgen sind das Aufkommen einer Free Rider Problematik, Unterproduktion neuen Wissens,  Marktversagen, Ausschließbarkeit, Verkauf, Nutzungslizenzen. Voraussetzung für den Markttausch von Wissensgütern sind Patente. Keinesfalls jedoch ist jedes erfolgreich patentierte Wissen auch Garant für für erfolgreiche Veräußerung. Patente sind also notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Einer OECD-Studie zufolge entstehen 50 Prozent der Einnahmen aus Patenten bei miteinander verknüpften Einnahmen, 13 Prozent aus „Auslizenzierungen“ (erfolgreichen Veräußerungen), 36 Prozent der Werte werden „sleeping patents“ zugeordnet (bleiben im Tresor liegen). Das Handelsvolumen mit Patenten bleibt also recht gering, denn längst nicht jeder Transfer von Patenten ist eine Markttransaktion. Troy und Werle begreifen Märkte als institutionelle Felder . Koordinationsprobleme werden durch dreierlei Form der Einbettung bewältigt: Netzwerke, Institutionen und Kognitionen (Kultur). Der Markt für Patente ist durch diverse Unsicherheiten gekennzeichnet: den Innovationsprozess, unvollständige Bewertung, geringe Übertragbarkeit des mit Patenten verknüpften Wissens. Auch wenn die Patentierung eines Wissensgehalts gelingt, bleiben die Probleme bei der Kommodifizierung des Wissens tatsächlich bestehen.

Sehr spannend auch der Vortrag von Kai-Uwe Hellmann über die Möglichkeiten, Märkte als soziale Bewegungen zu begreifen. Fligsteins „The Architecture of Markets“ (2001) enthält eine kurze Passage, die soziale Bewegungen für entstehende Märkte und für Marktkrisen gelten lässt, nicht jedoch für existierende Märkte. Allerdings bedürfen auch bestehende Märkte einer kontinuierlichen Aktivierung der Marktteilnehmer. Das Programm der Wirtschaftssoziologie kann also durch Erkenntnisse aus der Bewegungsforschung erweitert und vertieft werden: Schlagworte sind die Unwahrscheinlichkeit des Bewegungserfolgs, Zeitlichkeit, wechselseitige Beobachtung von Kollektiven, manifeste und latente Funktionen, kulturelle und politische Hegemonie. Würde man Märkte als soziale Bewegungen begreifen, rückten die Aspekte einer mobilisierbaren Anhängerschaft, die engagierte Bewegungsorganisation und das Framing in den Vordergrund.

Saskia Freye untersucht die deutsche Wirtschaftselite im Wandel. Die strategische Neuorientierung in deutschen Aktiengesellschaften im Zuge der Entflechtung der „Deutschland AG“ bedeutet eine gesteigerte Orientierung der Unternehmen am Finanzmarktgeschehen; dies wirkt sich auch auf die Rekrutierung von Führungskräften an der Spitze der Aktiengesellschaften und auf die Karriereverläufe im Mittelstand aus. Die besten Aussichten, in die Chefetagen deutscher Unternehmen vorzudringen, haben Naturwissenschaftler und Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler, einen Rückgang gibt es bei Juristen. Im Hinblick auf Karriereverläufe bestätigt Freye die Positionen von Höpner, Münch/Guenther und Beyer: Die Häufigkeit einer Hauskarriere nimmt ab, Wechsel nehmen zu (Zeitraum 1960-2005). Deutsche Vorstandsvorsitzende sind bei Amtsantritt überdurchschnittlich alt, doch immerhin ist das Durschschnitts im Zeitraum von 53,2 auf 50,7 Jahre gesunken. Allerdings hatten viele Vorstandsvorsitzende bereits zuvor einige Jahre Verantwortung in anderen Vorständen getragen und verfügten deshalb bereits über Erfahrung in Finanzangelegenheiten. Seit 1980 ist die Verbleibsdauer an der Unternehmensspitze deutlich zurück gegangen von 11,3 auf 8,4 Jahre. Viele der Vorsitzenden scheiden vor Ende ihrer zweiten Amtszeit aus dem Beruf. Die Veränderungen deuten auf eine Vermarktlichung in der Rekrutierung der Topmanager hin. Karrieren werden immer besser vergleichbar, die Fluktuation an der Unternehmensspitze steigt.

Plenum Uncertain Exchanges

Kaum ein Plenum hätte im Licht der Finanzkrise aktueller sein können als das über Unsicherheit auf Märkten, der bewirkt hat, dass Banken einander nicht mehr trauen und einander kein Geld mehr leihen und Anleger ins Gold flüchten, auch wenn erneut ein ‚Bailout‘ von bis zu € 500 Milliarden allein in Deutschland für neues Vertrauen und intensivierte Marktaktivität sorgen soll. Unsicherheit bezeichnet die dunkle Seite des Kapitalismus: das Unvorhersagbare, das nicht Kalkulierbare, das Unbekannte. Dieses Plenum war m.E. das Highlight der Tagung insgesamt, bestehend aus drei Vorträgen, die jeder für sich genommen bereits die Anreise wert gewesen wären.

Zuerst diskutierte Christoph Deutschmann (Tübingen/Köln) die Bedeutung des Geldes im Kapitalismus. Ist Geld nichts weiter als ein Schmiermittel für die ökonomische Maschine? Welche Rolle spielt Geld tatsächlich? Deutschmann hat gängige Geldkonzepte für ihre Heterogenität und ihren statischen Charakter kritisiert, um im Anschluss ein eigenes Geldkonzept zu präsentieren. Georg Simmel hat heraus gestellt, dass Geld Strukturbedingung für Individualisierung ist. Joseph Schumpeter hat auf Bedeutung des individuellen Unternehmers für wirtschaftliche Entwicklung hingewiesen. Polanyi hat die Unterscheidung von „embeddedness“ und kapitalistischen Marktwirtschaften eingeführt, und Deutschmann selbst betont besonders den Faktor der freien Arbeit im Nexus des Geldes. Freie Arbeit hat kreatives Potenzial, und die Arbeitskräfte sind freie Eigentümer ihrer Arbeitskraft. Bei der sozialen Konstitution des Geldes steht auf der einen Seite der Bedarf der kontinuierlichen Kapitalakkumulation, auf der anderen Seite die Schaffung von Krediten. Die Institutionalisierung von Kapital und Arbeit bildet den Makro-Kontext der Dynamik des Kapitalismus. Schumpeters Unternehmer ist die Zentralfigur des Innovationsprozesses im Mikro-Kontext. Den Meso-Kontext bildet die Kommunikation der Innovation und die Transformation von Wissensstrukturen. Für erfolgreiche Innovationen unterscheidet Deutschmann idealtypisch vier Phasen: (1) die Schaffung eines neuen Pfades, (2) Pfadkonsolidierung (3) Institutionalisierung, (4) Lock-in. Innovation bedeutet „mindful deviation“, also die intentionale Abweichung von etablierten Routinen, bei der ein Ereignis, eine Erfindung, eine neue Bedeutung bekommt, in Verbindung mit der Fähigkeit, andere Akteure zum Kooperieren und Investieren zu motivieren. Geld ist also mehr als nur eine rein quantitative Größe in einer Buchhaltung. Es bedeutet den sozialen Imperativ zu Wachstum auf der einen und Kapital auf der anderen Seite und unternehmerischen Wettbewerb an der Schnittstelle. Kapitalisiertes Geld kann also auch als Metapher für menschliche Kreativität gedeutet werden.

Patrick LeGalès (Paris) hat sich einer Frage der politischen Steuerung gewidmet, wie man nämlich Akteure dazu bringen kann, sich in vorhersagbarer Weise zu verhalten. Wie kann man die Gesellschaft auch unter den Bedingungen des Kapitalismus stabiler machen? Die zunächst irritierende Antwort: durch Konfrontation immer mehr Unsicherheit. Um seinem Argument Nachdruck zu verleihen, stützte sich Gallet auf die Wohlfahrtspolitik im Vereinigten Königreich: ein großes Sozialexperiment, um tatsächliche Handlungsorientierungen der Menschen ein Stück weit mehr in die Richtung des Modells des Homo Oeconomicus zu biegen. Müssen die Menschen lernen, dass Wandel das einzig stabile Element in ihrem Leben ist und die Regeln beständig geändert werden, motiviert die Menschen dazu, als rationaler Egoist zu handeln. Das macht sie aus einer Steuerungsperspektive leichter kontrollierbar. Ständig müssen sie unter wechselnden Bedingungen arbeiten, das macht sie aus einer Bürokratie-Perspektive leichter beherrschbar.  Die Beherrschbarmachung vollzieht sich in vier Schritten: (1) Angst – etwa infolge eines Entzugs von Ressourcen, Datenakkumulation, neuen Standards, Messgrößen, organisationalen Verändeungen, Audits – erhöht die Anpassungsbereitschaft der Menschen. (2) Man muss nur den Arbeitsvertrag (Zugangsrechte, formale Verfahren) nachteilig verändern: Man implementiert neue Standards und Zielgrößen, Verfahren und man führt das Mikromanagment ein (Leistung für jede Person, für jeden Tag beurteilen). (3) Dies kombiniert man mit einem System von Belohnungen und Bestrafungen, Autonomie und Wiederholung. (4) Die (neue) bürokratische Herrschaft wird komplettiert durch Rankinglisten, institutionaliserten Wettbewerb, Leistungsvergleich und Rationalisierung mithilfe aggregierter Indikatoren. So lässt sich Sozialpolitik ins stahlharte Gehäuse der Hörigkeit mit Parametern, öffentlichen Ausschreibungen, streng limitierten Budgets und knappen Ressourcen pressen. Man gewährt den Menschen mehr Autonomie, entzieht ihnen aber zugleich Kontrolle (etwa durch Entzug von Ressourcen). So kann die britische Sozialpolitik als Exempel dafür gelten, wie Unsicherheit gezielt als Herrschaftsinstrument eingesetzt werden kann. Ein imposanter Vortrag. Da konnte man eigentlich keine Steigerung mehr erwarten.

Wolfgang Streeck (Köln) ist das aber dennoch gelungen, indem er den Kreis geschlossen hat. Er hat diskutiert, wieviel soziale Stabilität eine Gesellschaft braucht, um unter Bedingungen ökonomischer Unsicherheit zu bestehen. Freie Märkte produzieren Preisfluktuation für Waren, Rohstoffe, Arbeit. Freie, selbstregulierende Märkte, bedeuten Preisfluktuationen. Relative Preise sind bestimmend für Lebenschancen und Nachhaltigkeit des Lebens derer, die gehandelte Rohstoffe produzieren oder anders davon abhängig sind. Das gilt speziell für Arbeitsmärkte: Wo relative Preise für Arbeit frei fluktuiereren können, ändern sich Lohnstrukturen ständig, und Arbeitslöhne können sich dramatisch verändern, Kompetenzen können plötzlich ihre Marktfähigkeit verlieren, und Individuen leben unter konstantem Druck, ihr Leben marktfähig zu organisieren und sich an wechselnde ökonomische Verhältnisse anzupassen. Daher betrachtete Polanyi Arbeit als unperfekten „fiktiven“ Rohstoff und Märkte als „satanische Mühlen“, die soziale Beziehungen zerstören können, ohne die Menschen nicht leben und Märkte nicht funktionieren können. Der korporative Kapitalismus der 1950er und 1960er Jahre war die Antwort auf die sozialen Zerstörungen, die selbstregulierende Märkte in den 1920er und 1930er Jahren weltweit angerichtet hatten. Der Fordismus war explizit darauf gerichtet, die Dynamik des Kapitalismus mit sozialer Stabilität zu vereinbaren. Dazu gehörten ein Mindesteinkommen, gleiche Bildungsansprüche, Garantien minimaler Sozial- und Lebensstandards, und soziale Sicherheit für die Fälle  von Erwerbslosigkeit, Krankheit und Alter. In den 1970er Jahren konnten die Sicherheits- und Stabilitätserwartungen nicht länger einhalten, und mehr Flexibilität in Beschäftigung, Qualifizierung, Entlohnung und Arbeitszeit galt als akzeptabel. Damit standen sich Normalbeschäftigung und atypische Beschäftigungsverhältnisse gegenüber. Frauen sind von atypischen Beschäftigungsverhältnissen viel stärker betroffen als Männer: 2007 sind über 25 Prozent der Frauen in atypischer Beschäftigung (gegenüber 17,5 Prozent im Jahr 1997); zugleich ging die durchschnittliche Arbeitszeit der Frauen stark zurück. Doch mit dem Verschwinden der fordistischen Beschäftigungsordnung änderte sich auch die Sozialordnung: weniger Heiraten, mehr Scheidungen, mehr nicht-eheliche Lebensgemeinschaften, mehr Single-Haushalte. Streeck diagnostiziert einen Rückgang in der Bereitschaft, dauerhafte Verbindungen und langfristige soziale Verpflichtugen einzugehen. Besonders drastisch zeigt sich dies im Rückgang der Geburtenrate: 1965 kamen 17,4 Neugeborene auf 1000 Einwohner, 2005 gerade einmal 8,4, also weniger als die Hälfte. Rigide Arbeitsmärkte und ebenfalls rigide Familienstrukturen standen in ein- und demselben institutionellen Kontext: einem sozialen Sicherungssystem, das ganz auf den männlichen Brötchenverdiener setzt. Der Narration der Befreiung der Menschen durch mehr Markt (Chancen, Selbstverwirklichung) steht die Narration von mehr Markt als mehr Zwang gegenüber (Märkte als Herrschafts- und Disziplinierungsinstrument). Mehr Marktdruck und „aktivierende Arbeitsmarktpolitik“ bewirken, dass die Menschen individuell mit immer mehr Unsicherheit klar kommen müssen. Doch in Reaktion darauf sind junge Erwachsene und Familien viel zu beschäftigt mit der Bewältigung von Unsicherheit, um noch in die Zukunft bauen zu können. Sie kompensieren die immer geringer werdende Verlässlichkeit von Erwerbseinkommen und sozialen Beziehungen damit, dass sie immer weniger Kinder bekommen – gegen das gesellschaftliche Interesse für Reproduktion der Bevölkerung zu sorgen. Streeck schließt, dass wenn Familien nicht länger bereit sind, Kinder zu haben, der Staat gefordert ist, um für den Fortbestand seiner Gesellschaft zu sorgen ( Sozialisierung der Verluste analog zum Bankensektor).

3 Antworten zu “Locked in flexibility? DGS-Kongress Unsichere Zeiten in Jena I

  1. Pingback: till we *) . Blog » Zwischenstation (Update)

  2. Mehr Marktdruck und “aktivierende Arbeitsmarktpolitik” bewirken, dass die Menschen individuell mit immer mehr Unsicherheit klar kommen müssen. Doch in Reaktion darauf sind junge Erwachsene und Familien viel zu beschäftigt mit der Bewältigung von Unsicherheit, um noch in die Zukunft bauen zu können. Sie kompensieren die immer geringer werdende Verlässlichkeit von Erwerbseinkommen und sozialen Beziehungen damit, dass sie immer weniger Kinder bekommen – gegen das gesellschaftliche Interesse für Reproduktion der Bevölkerung zu sorgen.

    Und sie tendieren auf der anderen Seite gerade wieder zu konventionelleren Familienmustern, wertorientierter Erziehung etc. Das hatte Sennett um 2000 mal so schön rekonstruiert. Die Frage lautet also: erzeugt Unsicherheit aufgrund einer auf Dauer gestellten Flexibilität nicht nur einfach ein Bedürfnis nach Sicherheit, sondern auch konservative Lebenspolitiken oder -stile?

  3. Pingback: DGS-Kongress 2008 in Jena: Kompletter Presse- und Blogspiegel zum Soziologenkongress « homo sociologicus

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