Monatsarchiv: Oktober 2008

DGS08 Ad-hoc-Gruppe 34: Macht und Unsicherheit im neuen Netz

DGS-Kongresse bieten stets eine solche Fülle an Themen und Veranstaltungen, dass es praktisch unmöglich ist, mehr als ein Thema vernünftig zu verfolgen, so auch „Unsichere Zeiten„: Allein die Sektion Wirtschaftssoziologie war mit drei Veranstaltungen dabei. Dazu kamen die Sektionen Industriesoziologie und politische Soziologie, die ebensoviel Aufmerksamkeit verdient hätten, und die Netzwerkforschung, die sich jetzt als Arbeitsgruppe gegründet hat.

Sehr informativ fand ich die Veranstaltung „Was heißt heute Mediengesellschaft?“. Sie hat gezeigt, wie sehr Medien alle Lebensbereiche durchdringen und wie wir Medien in unserem Arbeits- und Alltagshandeln Medien einsetzen. Christiane Funken (Berlin) berichtete aus ihren empirischen Studien, wie die charakteristische Verwendung von Mails Onlinemedien durch massenhafte Verwendung einerseits und die für Organisationen charakteristischen Verwendungsweisen andererseits zu einer gravierenden ökonomischen, zeitlichen und kognitiven Belastung für Organisationen geworden ist. Jeder Mitarbeiter hortet Tausende von E-Mails und verbringt mehrere Stunden pro Tag mit der Abfassung von E-Mails. Wie Funken auf Nachfrage bestätigte, ist die E-Mail-Flut nicht allein den Spam-Massen geschuldet, die ein Spam-Filter aus dem Verkehr zieht. Vielmehr ist die in Organisationen verbreitete Nutzungsweise entscheidend. Mitarbeiter senden massenhaft E-Mails, um Kollegenkreise über ihre Aktivitäten zu informieren, in Leistungsevaluationen gut abzuschneiden und sich selbst möglichst gut gegen mögliche Schuldzuweisungen für Ereignisse des organisationalen Versagens abzusichern (mit CC, BCC). Michael Jäckel (Trier) diskutierte die Frage nach einer möglichen Mediatisierung oder Emanzipation des Publikums anhand der Aufhebung der eindeutigen Trennung von Sender und Empfänger mit Internet und Social Media. Die „Selbstorganisation“ des Internet definiert die Zukunft der Mediennutzung und des Publikums weit über die rein technischen Aspekte hinaus. Leider verpasst habe ich die Ad-hoc-Gruppe „Onlinedating – neue Wege der Partnerwahl„. Nicht zuletzt aufgrund der vergleichsweise niedrigen Markteintrittsbarrieren ist eine unüberschaubare Anzahl von Plattformen entstanden, auf denen in Deutschland Schätzungen zufolge ca, 6,5 Millionen Menschen nach losen Kontakten, Freundschaften, unverbindlichen sexuellen Abenteuern, festen Partnerschaften und Ehepartnern suchen. Aber Jan Schmidt berichtet ausführlich über die Ad-hoc-Gruppe Onlinedating und präsentiert seinen Vortrag über die Praktiken des Identitäts- und Beziehungsmanagements auf Social Networking Plattformen.

In der Ad-hoc-Gruppe „Macht und Unsicherheit im neuen Netz?“ haben wir „Social Software“, „Web 2.0“ und die dazugehörigen Verwendungsgemeinschaften in den Kontext des Kongressthemas Unsicherheit gestellt. Wir haben diskutiert, wer im neuen Netz den Ton angibt, wie das geschieht, mit welchen Unsicherheiten die Menschen dabei konfrontiert sind. Homo Sociologicus hat auch schon ausführlich zur Ad-hoc Gruppe berichtet, in der wir das neue Netz im Licht der unsicheren Zeiten sehr ernsthaft diskutiert haben.  Unser Publikum war klein, aber oho: Selten findet sonst man ein Forum, wo man nicht entweder Grundzüge der Soziologie oder Anwendungen des neuen Netz erklären muss, und folglich die Diskussionen ein gutes Niveau.

Zuerst hat Benedikt Köhler die neuen Formen des Wissensmanagements mithilfe von Bookmarks (Lesezeichen) und tags (Schlagworten) erläutert und seine Potenziale im Verhältnis zur herkömmlichen kategorialen Wissensorganisation etwa in Bibliotheken diskutiert. Benedikt hat soziotechnische Entwicklung von klassischen Kategoriensystemen hin zu Tagging-(Un-)ordnungen beschrieben. Vor dem Hintergrund der Theorie Reflexiver Modernisierung deutet Benedikt die WWWissensordnungen als zweitmoderne
Wissensordnungen. Wie die Diskussion ergab, stellen die von Prodnutzern geschaffenen Wissensordnungen im neuen Netz Unsicherheiten in erheblichem Ausmaß dar: Sie fordern Professionen heraus, es stellt sich die Frage nach der inhaltlichen Qualität aufgefundener Information, aber auch Macht- und Eigentumsfragen.

Danach ist Lars Alberth die Frage nach der Hegemonie und der Repräsentation im Internet aufgeworfen. Lars ist dieser Frage am Beispiel der deutschsprachigen Blogosphäre gefolgt. Wer repräsentiert die Blogosphäre,  wie geschieht das, welche Rolle spielen Rankinglisten wie die A-List? Anhand der Analyse mehrer Diskussionen in Weblogs und auch von Printtexten zu Zustand, Status und Möglichkeiten der Blogosphäre hat Lars Alberth die Kämpfe um ihre hegemoniale Deutung analysiert. Dazu hat Lars die Diskussion zwischen Bloggern und Wissenschaftlern im ZKM vom Herbst 2005, die Projekte eines „linken Neoliberalismus“ (Mercedes Bunz) jenseits der Erwerbsbiographie (Lobo/Friebe) und die Debatte um das „Fakebloggen“ bzw. virale Marketing zum Parfüm „In2U“ von Calvin Klein aufgegriffen. Lars hat dem Blogmilieu kritisch auf die Tastaturen geschaut und Widersprüche zwischen dem Anpruch der Autonomie und Authentizität einerseits und der Einbettung des Internet und des Bloggermilieus in kapitalistische Strukturen andererseits – die sich manche Protagonisten der Szene ungern einzugestehen scheinen – aufgezeigt.

Kai-Uwe Hellmann hat sich das Mitmachweb 2.0 und der Produktion von „User generated content“ vorgenommen. Während sich die Bloggerszene kritisch distanziert zu privatwirtschaftlich geführten Unternehmen positioniert, sehen sich Unternehmen im neuen Netz mit Macht und Unsicherheit aus anderer Quelle konfrontiert: ihren Kunden. Die etablierte Machtasymmetrie erodiert, denn Web 2.0 ermöglicht und begünstigt eine Aktivierung der Eigeninitiative der Konsumenten, wie sie bisher unvorstellbar war.
Dieser Innovationsschub, bezogen auf den Fluchtpunkt Sozialisationseffekte, könnte
erhebliche Folgen für das Verhältnis von Unternehmen und Kunden haben. Unternehmen sehen sich unter wachsendem Erwartungsdruck, sich ihren Kunden gegenüber responsiv und transparent zu zeigen. Kunden erwarten von ihnen Kritikfähigkeit und symmetrische Aushandlungsprozesse und eine Bereitschaft zum Dialog, die sich mit den hohen Ansprüchen an Autonomie und Authenzität wird messen lassen müssen. Kai-Uwe antizipiert eine Unternehmenskulturrevolution 2.0, die keineswegs vor den Haupteingängen der Unternehmen Halt machen muss. Sie könnte unternehmensinterne Entscheidungsprozesse grundlegend renovieren und den Kontakt zwischen Kunden und Mitarbeitern grundlegend verändern.

Die Problematik und die Konstitution von Vertrauen beschäftigen mich schon seit einer Weile. Die „Initialzündung“ hatten Diskussion im privaten Bereich und das Buch „Trust – Reason, Routine and Reflexivity“ von Guido Möllering im Jahr 2006 gegeben wo der Fokus eher auf interorganisationalen Geschäftsbeziehungen lag. Aber fragt man Verwandte, Bekannte und Freunde , ob sie dem Internet trauen, bekommt man oft ein plattes „Nein“. Doch das undifferenzierte „Nein“ richtet sich auf das Internet in seiner Gänze und bleibt deshalb widersprüchlich. Auch nutzen dieselben Personen, mir ihr Misstrauen am Internet bekundet haben, selbst aktiv diverse  Onlinemedien und tätigen durchaus wirtschaftliche Transaktionen online. Die Haltung „ich traue dem Netz nicht“ mag in manchen Kreisen noch als Distinktionsmechanismus für Sektempfängen taugen, aber praxistauglich ist dieser Ansatz  nicht. Denn er lässt ja nur die Wahl, entweder ’naiv‘ alles mögliche mitzumachen und spontan alles Mögliche zu entäußern oder eben ganz auf soziale Beteiligung im Netz zu verzichten. Damit schließt man sich selbst von allen Vorzügen der Beteiligung an einem immer wichtigeren Bereich des sozialen Lebens aus. Aber das nicht-enden-wollende Gegeneinander zwischen der Medienberichterstattung und der Selbstverständlichkeit der Medienbenutzung der Szene bzw. der jüngeren Generation hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken, weshalb Vertrauen im Internet überhaupt problematisch und wie Vertrauen online konstituiert wird. Die nachfolgende Präsentation enthält paar kleine Überarbeitungen gegenüber der Vortragsversion und ist recht streng wissenschaftlich gehalten.

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Locked in flexibility? DGS-Kongress Unsichere Zeiten in Jena I

Kongresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie erfahren gewöhnlich ein mittelprächtiges Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit. Sie werden von vielen Politikern – nicht allen- mit der Tonlage „versteht eh Mensch, was Ihr da macht, und zu was soll das nütze sein?!“ kommentiert, und am Ende des Tages stellt man fest, dass der Kongress nur mit einer geringen Zahl von Artikeln in der überregionalen Presse vertreten ist:  Diesmal hat die Gesellschaft aus der Presse über sich erfahren dürfen, dass Soziologen vor Rebellionspotenzial warnen oder ihr umgekehrt einiges Rebellionspotenzial zutrauen, Ungleichheit neu vermessen werden muss und Gier nicht alles ist [Netzzeitung, Welt; Tagesspiegel; Printausgabe NZZ 10.10.08, S. 26].

Während die Tagung eröffnet wurde, habe ich den Fernseher eingeschaltet und Kursstürze in Frankfurt und New York angeschaut. Katastrophales Krisenmanagement der deutschen Bundesregierung, so der Tenor. Dienstag morgen haben sie Kursstürze aus New York und Tokyo vermeldet. Dienstag Abend verkündeten die Nachrichten, dass mit Island der erste europäische Nationalstaat am Rand der Zahlungsunfähigkeit steht. Mittwoch früh verpasste die britische Regierung ihren Geschäftsbanken eine Liquiditätsspritze, während die Kommentatoren von CNN das internationale Bankensystem verabschiedeten. Donnerstag morgen führten die Kommentatoren bei CNN eine erregte Diskussion, wie es denn möglich sei, dass man jetzt eine solche Krise erlebe, wo man doch alle Lektionen aus der Finanzkrise am Standort Tokyo in den 1990er Jahren umgesetzt habe. Irgendein Sender präsentierte ein verzweifeltes Ehepaar, das seine gesamten Ersparnisse bei Lehmann Brothers angelegt hatte. Geplatzt alle Träume von einer gesicherten Zukunft. Aber nur ein Extremfall, betonte der Sender. Donnerstag Abend fand Rivva eine Meldung, wonach der Bundesrat in Reaktion auf die Klagewelle zu Hartz IV kommenden Freitag eine Gesetzesvorlage der großen Koalition plant, der die Rechtsberatung für Bezieher von Hartz IV erschwert und die den Rechtsweg erheblich verteuern soll [Welt]. Hätten die Menschen keinen Deutungsbedarf, bräuchte man keine Soziologie. Doch der Kongress „Unsichere Zeiten“ war von allen DGS-Kongressen, die ich bisher mitbekommen habe, der aktuellste und zudem einer der besten.

Plenum Korruption

Die Tagung „Unsichere Zeiten“ hat mich zunächst ins Plenum I über Korruption der DGS-Sektion politische Soziologie geführt. Dort diskutierte Wolfgang Hetzer (Brüssel) Korruption aus einer juristischen Perspektive als „Corporate Culpability“. Er stellte die Frage nach der Schuld und Moralfähigkeit von Unternehmen wie z.B. in der Siemens-Affäre. Aus einer Perspektive der Korruptionsbekämpfung stellt sich ihm pragmatisch die Frage nach der Zurechenbarkeit von Schuld und den Möglichkeiten, Organisationen für ihr Korruptionshandeln verantwortlich zu halten: Ist Korruption etwa ein Strafrechtsphänomen? Ein Fall fürs Dienstrecht? Ein Organisationsphänomen? Ist den  Personen nicht bewusst, dass sie Teil der Korruption ihrer Organisation sind? Noch bis vor wenigen Jahren galt Korruption als Kavaliersdelikt, erst seit Mitte der 1990er Jahre wird Korruption öffentlich angeprangert, und erst in den letzten Jahren hat Korruption – etwa Bestechungshandeln – Eingang ins Strafgesetzbuch gefunden.

Gegen die Nahelegung des Nichtwissens der Akteure korrupten Handelns in Organisationen, somit auch gegen Annahme der Schuldunfähigkeit korporativer Akteure bzw. juristischer Personen wandte sich Peter Graeff (München) ebenfalls am Beispiel der Siemens-Affäre. Weiterlesen

Institutstag MPIfG – ein nicht-rankingtauglicher Eintrag und drei Fragen zum Wissenschaftsbloggen

Am 1. und 2. Oktober 2008 hielt das MPIfG Köln erstmals seinen Institutstag ab, eine Veranstaltung für Mitarbeiter, Ehemalige, Freunde und Förderer, die Raum für Reflexion bietet. Die Direktoren stellen ihre laufende Arbeit der Diskussion und Kritik durch Kommentatoren, und das Institut reflektiert seine Marschrichtung. Da es sich um eine Veranstaltung in einem geschützten Raum handelt, berichte ich hier v.a. mit Bezug auf bereits veröffentlichte Schriften. Zum Schluss beantworte ich drei Fragen, die mir in Reaktion von Forschern auf sozlog häufiger begegnet sind: 1.Was ist blogbar? 2. Ist Bloggen zum Schaden in Rankingbewertungen? 3. Ist Wissenschafts-PR noch zeitgemäß? Weiterlesen