Neues aus der Bildungsanstalt: 11 Herausforderungen an die deutsche Universität II

In Teil 1 dieses Megabeitrags habe ich fünf Herausforderungen an die deutsche Universität diskutiert. In diesem zweiten Teil folgen 6 weitere Herausforderungen, drei davon sind von der deutschen Universität bisher weitgehend ignorierte Herausforderungen aus dem Internet. Hier geht’s weiter:

(6) Das akademische Feld und die Rolle der Professoren

Begreift man – wie Pierre Bourdieu in „Homo Academicus“ (1992) und Richard Münch in „Die akademische Elite“ (2007) – Wissenschaft als akademisches Feld, so kommt man auch um den marktlichen Charakter des Feldes nicht herum. Dann Feld ist eine Arena, in der mit ungleichen Tauschchancen ausgestattete Akteure um knappe Ressourcen und Tauschchancen konkurrieren, wie sie bei Max Weber in “Wirtschaft und Gesellschaft” (1920/1980: 382-385), Neil Fligtein in “The Architecture of Markets” (2001) und zuletzt bei Jens Beckert in “How Do Markets Change? On the Interrelations of Institutions, Networks and Cognition in the Evolution of Markets” charakterisiert wird (2008). Damit wird der Fokus explizit auf Akteure, Macht und Ungleichheit ihrer Tauschchancen gerichtet.

Akteure in dominierender Position sind Bundeswissenschaftsministerium, Kultusministerkonferenz, Wissenschaftsrat, Deutsche Forschungsgemeinschaft, finanzierende Stiftungen, Gutachter, Anbieter von Rankings, Organe der Universitäten und Institute, professionelle Vereinigungen, Akkreditierungsagenturen und selbstverständlich Professoren, Nachwuchswissenschaftler hingegen befinden sich in einer herausfordernder Position (vgl. Fligstein 2001). Ungleiche Akteure im akademischen Feld konkurrieren um knappe Ressourcen und Teilhabechancen wie z.B. Forschungsmittel, Lehrstühle, Professuren, Stellen, Publikationen, Auszeichnungen, Konferenzteilnahmen, Vorträge und – mit deutlich geringerem Stellenwert – Lehrveranstaltungen. Das Votum der Professoren als Akteuren in dominierender Position ist mitentscheidend für Spielregeln und Erfolgsbedingungen im akademischen Feld. Ihre Entscheidungen und Interessen sind also mitbestimmend dafür, welche Strukturbedingungen, Ressourcen und Chancen der wissenschaftliche Nachwuchs vorfindet, welche Erzeugnisse als wissenschaftliche Arbeit Anerkennung finden und welche nicht.

Martin Huber stellt fest, dass Richard Münch lediglich die Programme der Exzellenzkonstruktion, d.h. das Regime der Drittmittel und Kennziffern in absoluten Zahlen, sowie das Verhältnis von Drittmittelinput und Publikationsoutput – nicht jedoch die Zahlenherrschaft als solche – kritisiert (Huber 2008: 286). Bleibt hinzuzufügen, Professoren, die in Gutachterausschüssen, wissenschaftlichen Beiräten mitwirken oder NPM durch neue Prüfungs- und Studien-, Promotions- und Habilitationsordnungen implementieren, selbst das Exzellenzregime repräsentieren. Sie sind Konsekrationsinstanzen für Studierende, Promovierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Dieses Bild kontrastiert mit der z.B. in Münchs “Die akademische Elite”(2007) und in Interviews gepflegten Darstellung eines äußeren, dinghaften, zwingenden und Strukturwandels des Wissenschaftswesens mit dem Charakter einer unabänderlichen sozialen Tatsache. So erweckt z.B. im Interview mit DIE ZEIT (2007) und Telepolis (2007) den Eindruck, als ob Professoren am wissenschaftlichen Strukturwandel unbeteiligt seien. Dabei sind sie – nicht der einzelne Professor, gleichwohl wohl jedoch alle im Zusammenwirken – für die Verhältnisse verantwortlich, welche Nachwuchswissenschaftler erben, z.B. für das Ausbleiben der Ausschreibungen der Junior-Professur, die Stellenprofile des Lehrprofessors und der Lehrkraft für besondere Aufgaben, die geringe Vergütung von Lehraufträgen und zeitlich befristete Arbeitsverträge. Da stellt sich die Frage, weshalb Münch an der Implementierung von NPM bereitwillig beteiligt, statt sich aktiv zu widersetzen und dem von ihm selbst miterzeugten „akademischen Nachwuchs“ eine wissenschaftliche Revolution verordnet. Das hätte der Nachwuchs wohl eher von den Professoren erwartet.

(7) Nicht-Kompatibilität mit Sozial- und Geisteswissenschaften

Wissenschaftliche Disziplinen stellen unterschiedliche Anforderungen. Beim Chemiestudium verbringt man viel Zeit mit Experimenten im Labor; angehende Designer und Techniker arbeiten an Lösungen bzw. Entwürfen zu vorgegebenen oder selbst gewählten Aufgaben, ein Soziologie- und politikwissenschaftliches Studium ist durch viel Zeit für Lektüre und Diskussion über erste Erhebungen, deren Auswertung, Präsentationen und Seminararbeiten bestimmt. Darüber hinaus stellen die Sozial- und Geisteswissenschaften mit ihren Theorien und empirischen Methoden, dem komplexen Verhältnis der Teilfächer und beruflichen Spezialisierungsmöglichkeiten sehr hohe Ansprüche an die Beratungstätigkeit durch Lehrende. In einem Theorieseminar der Soziologie wird nicht nur erwartet, dass die Teilnehmer einen bestimmten Ansatz reproduzieren können, sondern auch, dass sie ihn anwenden, mit anderen Ansätzen vergleichen, Stärken und Schwächen identifizieren können. Allein das Erlernen wissenschaftlichen Arbeitstechniken beansprucht wertvolle Zeit, die hier einfließt.

Mit BA, MA und Ph.D. werden der Studienablauf und berufliche Sozialisation, sofern man davon noch wird sprechen können, auf einen einheitlichen Ablauf gebracht. Inhaltliche Ansprüche bleiben unberücksichtigt. Der Studienablauf folgt dem politischen Programm, „Überlast“ an Hochschulen abzubauen, indem man die „Durchlaufzeit“ der Studierenden im Bachelor-Studium beschleunigt und mit Eintritt ins Masterstudium eine scharfe Selektion folgen lässt (vgl. Lieb 2008). Im Wintersemester 2007/2008 waren in Deutschland wie in den Jahren zuvor knapp 2 Millionen Studierende immatrikuliert (Destatis). Würde die Anzahl deutlich steigen, müsste man die Zahl der Stellen ausbauen. Doch ein Stellenausbau ist nicht vorgesehen, im Gegenteil. Beim Vergleich deutscher Universitäten zu den als besonders Ivy-League Universitäten in den USA wird das Argument des Betreuungsschlüssels zumeist ausgespart. Dort liegt ein Betreuungsschlüssel von 10 Studierenden je Professor zugrunde. In Deutschland ist nicht ungewöhnlich, dass ein Institut mit 1400 Studierenden nicht mehr als 7 Professoren hat. Daraus folgt, dass 200 Studierende pro Professor studieren. Während an US-amerikanischen Spitzenuniversitäten 100000 US Dollar pro Student und Jahr bereit stehen, hat die Humboldt’sche deutsche mit viel geringeren viel geringeren Beträgen eine hohe Zahl von Absolventen und Nachwuchswissenschaftlern hervorgebracht, deren Qualität international anerkannt war (Nida-Rümelin, APUZ, 2006).

(8) Wissensgesellschaft und der Bildungshunger der anderen

Einer der wichtigsten Zeitdiagnosen zufolge ist unsere Gesellschaft Wissensgesellschaft, also nicht allein Kommunikations-, Informations- oder Mediengesellschaft. Charakteristisch für Wissen ist jedoch, dass es nicht einfach herumliegt wie Information, sondern auf das engste an den Akteur geknüpft ist. Er musses sich sich aktiv erschließen, aneignen und anwenden. In seinem Buch „Wissen und Wirtschaften“ definiert Nico Stehr Wissen als Fähigkeit zum sozialen Handeln, also die Möglichkeit, etwas in Gang zu setzen. Deshalb hat, wer Wissen hat, auch Macht. Wissenschaftliche und technologische Naturerkenntnis ist eine spezielle Art des Handlungsvermögens (Stehr 2001: 62; 65). Als Handlungsvermögen ist das Wissen aber auch Ressource: Wissen ist befähigt zu professioneller Arbeit, ist Produktionsfaktor und hat Warencharakter. Man kann Wissen und verwandte Güter auf Märkten handeln: Patente, Spitzentechnologien und professionelle Arbeit.

Dies im Hinterkopf wird man hellhörig, wenn man Statistiken wie diese findet. Sie zeigen, welche Anstrengungen andere Nationen unternehmen, um breiten Bevölkerungsanteilen ein Studium zu ermöglichen. Die Spitzenpositionen der Tabelle nehmen Südkorea, Finnland, Neuseeland ein. Dort nimmt knapp 90 Prozent der Bevölkerung eines Jahrgangs junger Erwachsener ein Studium oder Kurzstudium auf. Dicht gefolgt werden diese Spitzennationen Schweden und den USA mit je mehr als 80 Prozent. Mit über 60 Prozent sind Norwegen, Griechenland, Lettland, Australien, die Ukraine, Russland, Spanien, Argentinien, Italien vertreten. Deutschland befindet sich auf einem abgeschlagenen 60. Rang bei einem Studierendenanteil von ca. 30 Prozent wieder. Zwar sind die Daten dieser Statistik für Deutschland alt (1991!), und auch ist der Anteil seitdem gestiegen. Leider erfolgt der im Vergleich zu den Spitzennationen wie Südkorea sehr langsam. Soll die politische Rhetorik um Verbesserung des Wirtschaftsstandort Deutschland mehr beinhalten als leere Phrasen, sollte eine massive Erhöhung des Studierendenanteils zu forciert und dafür die Kapazitäten der Hochschulen massiv ausgebaut werden; doch leider Politiker und Professoren sind hierzulande auf eine Begrenzung der Studentenzahl bedacht.

(9) Herausforderung Open Access

Open Access, also die global frei zugängliche kostenlos Online Publikation bedeutet einen Paradigmenwechsel der Publikationstätigkeit. Waren Online-Publikationen 1998 verpönt und Wissenschaftler aus Sorge um Beeinträchtigung ihrer Leistungsbewertung im akademischen Feld sehr zurückhaltend, hat sich das Gesamtbild inzwischen zugunsten von Open Access verändert: Die Zahl der Online-Publikationen steigt an, mehr OA Journale werden ins Leben gerufen und erlangen Anerkennung, und OA hat sich zu einer sehr gut organisierte soziale Bewegung innerhalb der wissenschaftlichen community entwickelt. Bisher haben sich nicht alle Zweifler von den guten Gründen für Open Access Publikationen überzeugen lassen. Die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen wurde von der Max-Planck Gesellschaft, der Fraunhofer Gesellschaft und Helmholz Gesellschaft unterzeichet, doch noch immer gibt es Vorbehalte. Erst diese Woche hat James Evans, Soziologe an der Universität Chicago, im Magazin Science einen Aufsatz “Electronic Publication and the Narrowing of Science and Scholarship”publiziert [Abstract, PDF].

Darin argumentiert Evans, die steigende Anzahl online verfügbarer Fachzeitschriftenartikel beeinträchtige die Vielfalt und Kreativität der wissenschaftlichen Suche nach neuen Hauptthemen, Erkenntnissen und Argumenten. Wenngleich ich mich hier nur auf das Abstract beziehe, finde ich den Argumentationsgang doch nicht überzeugend. Jeder Wissenschaftler ist bestrebt, Neues zu entdecken und neue Ideen zu entwickeln. Es ist nicht nur sein gutes Recht, sondern auch seine professionelle Pflicht, dafür möglichst viele und entfernte Kreise, Verzeichnisse und Quellen heranzuziehen und kreativ zu Neuem zu rekombinieren. Die Konsequenz der wissenschaftlichen Suche nach dem Neuen ist eine isomorphische Entwicklung, gleich ob erzwungen, mimetisch oder normativ (DiMaggio/Powell 1991). So lässt sich der Befund sogar für das gegenteilige Argument verwenden: OA Publikationen ermöglichen die Suche nach dem Neuen in über den gesamten Globus verstreuten Kreisen, Quellen und Verzeichnissen. Das Netz hat sich einer bedeutsamsten Ressource der Suche nach dem Neuen entwickelt. Da das Netz, wie Evans’ Ergebnisse zeigen, innerhalb sehr kurzer Zeit von den Wissenschaftlern angenommen und in ihre Arbeitsweise integriert wurde, bewirkt es eine ungeheure Beschleunigung der Suche nach dem Neuen in der Wissenschaft, gestaltet sie effizienter und lässt globale fach- und themenbezogene Interessengemeinschaften, entstehen. Das Netz erweitert Handlungsspielräume und Möglichkeitshorizonte der einzelnen Wissenschaftler, Forschergruppen und Institutionen indem es den engen Begrenzungen institutioneller und nationaler Kontexte einen neuen globalen Kontext entgegensetzt. Als weltweite Wissenswelt stellt das Netz allerdings auch die Idee der alleinigen Urheberschaft infrage, da eine neue Erkenntnis bald nicht mehr einem Autor, einer Forschergruppe oder Institution an einem Ort eindeutig zugerechnet werden kann, sondern an verschiedenen Orten gleichzeitig entsteht. Somit bewirkt OA im Internet einen Entwicklungsschub der wissenschaftlichen Entdeckung und Entwicklung als globales kollaboratives Projekt der Prodnutzung innerhalb einer global vernetzt forschenden scientific community. Prodnutzung bedeutet dabei Gleichzeitigkeit der Erzeugung, Kritik, Verbesserung, Verbreitung und Verwendung wissenschaftlichen Wissens (vgl. Guenther/Schmidt 2008).

(10) Herausforderung Wissenschaftskommunikation

Dass Wissenschaftskommunikation zu Wissenschaft gehört, ist eine Selbstverständlichkeit – auch wird mediale Wissenschaftskommunikation seit vielen Jahren praktiziert. Allerdings haben sich mit Social Software und Web 2.0 nicht nur die Kanäle, sondern auch die Gestaltungsmöglichkeiten verändert und erheblich erweitert, wie Marc Scheloske vortrefflich in seiner Wissenswerkstatt darstellt. Gängige Praxis bis vor wenigen Jahren und bis heute verbreitet ist journalistische Kommunikation über Wissenschaft und Pressekommunikation entsprechender Pressestellen an Hochschulen und Forschungsinstitutionen, welche Öffentlichkeit über Wissenschaft informieren, gelegentlich auch Interviews von Wissenschaftlern. Wissenschaftskommunikation 2.0 ist jedoch eine eigenständige selbstbewusste mediale Kommunikation des Wisenschaftlers selbst über die Hauptthemen, Hauptfragen, Methoden und Ergebnisse seiner Aktivität als Ergänzung und Erweiterung seienr Publikationstätigkeit. Damit baut sich ein Wissenschaftler seine eigene Plattform, ein eigenes Forum auf, das ihm bzw. gestattet, ein auf die eigene Arbeit, Qualifikation und Person gerichtete Öffentlichkeit zu generieren, Qualifikationen nachzuweisen, Erfolge zu präsentieren, Feedback zu erhalten, vom Wissensaustausch mit weit entfernten Forscherkollegen zu profitieren.

Niemand ist vergleichbar qualifiziert wie ein Wissenschaftler, inhaltliche und methodische Aspekte seiner Arbeit einer Themenöffentlichkeit „first hand“ nahezubringen bzw. erst einmal eine Themenöffentlichkeit für später erscheinende Publikationen zu schaffen. Kein Wissenschaftsjournalist und keine Presseabteilung vermögen Inhalte anspruchsvoll und ansprechend zu präsentieren und können dabei ermessen, wann es sinnvoll und passend ist, auch kontroverse Punkte anzusprechen, eigene Interessen und Rechte (z.B. Verwendungsrechte als Urheber wissenschaftlichen Wissens) aktiv wahrnemen. Auch erreicht niemand außer dem Wissenschaftler selbt erreicht ein vergleichbares Maß an Authentizität.

Drei Argumente für unabhängige Wissenschaftlerkommunikation kommen hinzu: Ein „first hand“ Dialog, eine Einladung zum Denken, ist als nicht eine zusätzliche an den Wissenschaftler gerichtete Zumutung gemeint, sondern vielmehr eine legitime Erwartung seitens der Öffentlichkeit, die ja über Steuermittel auch Forschung finanziert. Infolge der Verbreitung des NPM erfolgt eine Großteil dieser an die Öffentlichkeit gerichteten Wissenschaftskommunikation in einer defensiven, wenig ansprechenden, dabei standardisierten und formalisierten Jahresberichte. Mir ist kein Wissenschaftler bekannt, der mit Begeisterung Jahresberichte schreibt. Zweitens hat sich auch journalistische Recherche so sehr das Internet der Social Software und des Web 2.0 angeeignet, dass eine proaktive Internetkommunikation die Sichtbarkeit eines Forschers und sein Potenzial, Resonanz zu erzeugen, deutlich erhöht hat. Mit wissenschaftlichen Blogs lässt sich eine beachtliche Reichweite erzielen. Wie das Wissenschaftscafé belegt und dokumentiert, bildet sich ein klar umrissenes Feld der blogförmigen Wissenschaftskommunikation aus. Drittens sind Promoventen und Nachwuchswissenschaftler, die ja nur zeitlich befristet mit Promotionsförderung oder Arbeitsvertrag versorgt sind, besonders auf eine Plattform uanabhängig von der sie aktuell finanzierenden Institution angewiesen, welche sie späteren Bewerbungen in Wissenschaft oder Berufspraxis als Asset hinzufügen können. Sie dient dazu, berufsrelevante Aktivitäten, Qualifikationen, Leistungen und Erfolge nachzuweisen und sich „nebenbei“ eine media literacy des Internetzeitalters anzueignen.

(11) Herausforderung Wissensordnung des WWW

In „Der Streit der Fakultäten“ (1798) hat Immanuel Kant das Verhältnis der traditionell als „untere Fakultät“ angesehenen Fakultät der Philosophie zu den drei oberen Fakultäten Theologie, Jura und Medizin diskutiert. Die Abhandlung kann als revolutionärer Angriff auf die etablierte akademsche Wissensordnung seiner Tage gelten, da Kant allein der philosphischen Fakultät die uneingeschränkte Freiheit der Forschung und Lehre attestiert, und außerdem auch die Fähigkeit zur kritischen Reflexion der eigenen theoretischen Voraussetzungen und jener der oberen Fakultäten.

Eine neue Wissensordnung größeren Ausmaßes und größerer Eigenständigkeit tritt der akademischen und professionellen Ordnung mit dem Social Web gegenüber, in dem Millionen aktiver Internetnutzer – Prodnutzern –  im Content, Code und Metadaten kollaborativ, nicht-marktlich und nonproprietär erzeugen, kritisieren, verbessern und auf kreative Weise neu kombinieren. Content sind Inhalte in den Formen Text, Bild, Podcast, Video bzw. Livestream, Slideshow usw. Als Code bezeichnen Jan Schmidt und ich die softwaretechnischen Grundlagen wie z.B. Blog- und Wikisoftware, RSS, Webbrowser, Feedreader, die Programmabläufe aufgrund von Systemzuständen oder Aktionen der Nutzer steuern. Metadaten sind Daten, die Inhalte beschreiben, z.B.  automatisierte Extraktionen aus Inhalten, nutzergenerierte Bookmarks und tags. Diese als „folksonomy“ bezeichnete soziale Praxis des gemeinschaftlichen Indexierens verbindet individuelle und kollektive Wissensvorräte miteinander und setzt der Relevanzstruktur der akademischen Wissensordnung und der durch professionelle Experten (z.B. Bibliothekare) geschaffenen Wissensordnung die Relevanzstruktur der Internetnutzer in Bezug auf ihre alltagspraktische Wissensorganisation entgegen. Sie lässt neue emergente „communities of interest„entstehen, deren Nutzer einander in persönlicher oder automatisierter Form Empfehlungen unterbreiten – wie z.B. im globalen Bücherkatalog Librarything, wo mittlerweile über 30 Millionen Bücher in Nutzerbibliotheken katalogisiert sind (vgl. Guenther/Schmidt 2008: 175ff.). Neue Wissensfigurationen ergeben sich allein schon deshalb, man mit weil RSS-Feeds Inhalten und Nachrichten zu Strömen bündeln nach einem bestimmten Leitprinzip Nachrichtenströme generieren kann – relevanzbezogen nach Linkverweisen wie beim Memetracker Rivva oder nutzerbezogen wie bei Twitter oder bei Friendfeed. Schon jetzt stellt Internet eine neue globale Wissenswelt dar, das die akademischen und professionellen Wissensordnungen durch seine Größe, Komplexität und Fähigkeit zur Selbstorganisation weit in den Schatten stellt, dadurch eine erhöhte Dynamik und Internationalität im akademischen Feld schaffen. Nur wer sich in dieser Form online zeigt, verfügt über öffentliche Sichtbarkeit und Reichweite, wer es unterlässt, macht sich unsichtbar und wird rasch vergessen werden. Ich bin überzeugt, dass Wissenschaftler, die professionellen Aktivitäten – Forschung, Lehre, Publikationsaktivitäten – nicht internetöffentlich präsentieren und auf Bündelung in Nachrichtenströmen ausrichten, in Kürze ins Hintertreffen geraten werden, ebenso Institutionen und professionelle Assoziationen, die internetbezogene Aufgaben als vermeintliche Trivialtätigkeit an Sekretariate oder Presseabteilungen delegieren und ein internetbezogenes Arbeiten ihrer Mitarbeiter nicht systematisch fördern.

4 Antworten zu “Neues aus der Bildungsanstalt: 11 Herausforderungen an die deutsche Universität II

  1. Pingback: Neues aus der Bildungsanstalt: 11 Herausforderungen an die deutsche Universität « sozlog

  2. die smilies bei den 8) zeichen haben sich für das tolle wetter eingeschlichen. sehr interessante lektüre!

  3. acht klammer zu meinte ich

  4. da hätte der gute Kant seinen Fakultätenstreit ja auch 1799 publizieren können – aus Rücksicht auf’s Netzzeitalter :-)) nicht wahr?

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