Tagesarchiv: Juli 28, 2008

A qualitative study of blogging

Sociology coblogger Kristina Barnett at Texas University San Marcos does a qualitative empirical study about blogging. Bloggers, please participate here.

Neues aus der Bildungsanstalt: 11 Herausforderungen an die deutsche Universität II

In Teil 1 dieses Megabeitrags habe ich fünf Herausforderungen an die deutsche Universität diskutiert. In diesem zweiten Teil folgen 6 weitere Herausforderungen, drei davon sind von der deutschen Universität bisher weitgehend ignorierte Herausforderungen aus dem Internet. Hier geht’s weiter:

(6) Das akademische Feld und die Rolle der Professoren

Begreift man – wie Pierre Bourdieu in „Homo Academicus“ (1992) und Richard Münch in „Die akademische Elite“ (2007) – Wissenschaft als akademisches Feld, so kommt man auch um den marktlichen Charakter des Feldes nicht herum. Dann Feld ist eine Arena, in der mit ungleichen Tauschchancen ausgestattete Akteure um knappe Ressourcen und Tauschchancen konkurrieren, wie sie bei Max Weber in “Wirtschaft und Gesellschaft” (1920/1980: 382-385), Neil Fligtein in “The Architecture of Markets” (2001) und zuletzt bei Jens Beckert in “How Do Markets Change? On the Interrelations of Institutions, Networks and Cognition in the Evolution of Markets” charakterisiert wird (2008). Damit wird der Fokus explizit auf Akteure, Macht und Ungleichheit ihrer Tauschchancen gerichtet.

Akteure in dominierender Position sind Bundeswissenschaftsministerium, Kultusministerkonferenz, Wissenschaftsrat, Deutsche Forschungsgemeinschaft, finanzierende Stiftungen, Gutachter, Anbieter von Rankings, Organe der Universitäten und Institute, professionelle Vereinigungen, Akkreditierungsagenturen und selbstverständlich Professoren, Nachwuchswissenschaftler hingegen befinden sich in einer herausfordernder Position (vgl. Fligstein 2001). Ungleiche Akteure im akademischen Feld konkurrieren um knappe Ressourcen und Teilhabechancen wie z.B. Forschungsmittel, Lehrstühle, Professuren, Stellen, Publikationen, Auszeichnungen, Konferenzteilnahmen, Vorträge und – mit deutlich geringerem Stellenwert – Lehrveranstaltungen. Das Votum der Professoren als Akteuren in dominierender Position ist mitentscheidend für Spielregeln und Erfolgsbedingungen im akademischen Feld. Ihre Entscheidungen und Interessen sind also mitbestimmend dafür, welche Strukturbedingungen, Ressourcen und Chancen der wissenschaftliche Nachwuchs vorfindet, welche Erzeugnisse als wissenschaftliche Arbeit Anerkennung finden und welche nicht.

Martin Huber stellt fest, dass Richard Münch lediglich die Programme der Exzellenzkonstruktion, d.h. das Regime der Drittmittel und Kennziffern in absoluten Zahlen, sowie das Verhältnis von Drittmittelinput und Publikationsoutput – nicht jedoch die Zahlenherrschaft als solche – kritisiert (Huber 2008: 286). Bleibt hinzuzufügen, Professoren, die in Gutachterausschüssen, wissenschaftlichen Beiräten mitwirken oder NPM durch neue Prüfungs- und Studien-, Promotions- und Habilitationsordnungen implementieren, selbst das Exzellenzregime repräsentieren. Sie sind Konsekrationsinstanzen für Studierende, Promovierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Dieses Bild kontrastiert mit der z.B. in Münchs “Die akademische Elite”(2007) und in Interviews gepflegten Darstellung eines äußeren, dinghaften, zwingenden und Strukturwandels des Wissenschaftswesens mit dem Charakter einer unabänderlichen sozialen Tatsache. So erweckt z.B. im Interview mit DIE ZEIT (2007) und Telepolis (2007) den Eindruck, als ob Professoren am wissenschaftlichen Strukturwandel unbeteiligt seien. Dabei sind sie – nicht der einzelne Professor, gleichwohl wohl jedoch alle im Zusammenwirken – für die Verhältnisse verantwortlich, welche Nachwuchswissenschaftler erben, z.B. für das Ausbleiben der Ausschreibungen der Junior-Professur, die Stellenprofile des Lehrprofessors und der Lehrkraft für besondere Aufgaben, die geringe Vergütung von Lehraufträgen und zeitlich befristete Arbeitsverträge. Da stellt sich die Frage, weshalb Münch an der Implementierung von NPM bereitwillig beteiligt, statt sich aktiv zu widersetzen und dem von ihm selbst miterzeugten „akademischen Nachwuchs“ eine wissenschaftliche Revolution verordnet. Das hätte der Nachwuchs wohl eher von den Professoren erwartet.
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