Monatsarchiv: August 2009

Start09 – Wie man Hochkultur ins Netz bringt

Start 09 - Kultur trifft Web 2.0

Start 09 - Kultur trifft Web 2.0

Zu den erfolgreichsten Projekten im Bereich der Social Media dürfte das dacapo Weblog der Duisburger Philharmoniker gehören.

Seit September 2008 bloggt das Webteam um Frank Tentler über die Aktivitäten des Orchesters. Mit großem Engagement gelingt es dem Webteam, über das Abo-Publikum hinaus ein breiteres Publikum für großes Orchester zu begeistern, das normalerweise sein Geld lieber für andere Dinge als für Hochkultur ausgibt. Für die Orchester, die unter enormem Kosten- und Erfolgsdruck stehen, ist das überlebenswichtig. Dabei schöpfen die Macher die Potenziale der Social Media aus:  Mit dem Weblog Dacapo, Fotos bei Flickr, Präsenz bei Facebook, Videos auf Youtube und Vimeo, Teilnahme an Barcamps, Aktivität bei Twitter, Livesteams und Public Viewing wie bei der Operngala in Düsseldorf gelingt es, breitere Publikumsschichten für Hochkultur zu begeistern, die sonst nie ein Konzert besuchen würden. Mitentscheidend für den beeindruckenden Erfolg des Projekts dürfte die spürbare Begeisterung der Macher und ihr sehr offener, herzlicher, und einladender Kommunikationsstil sein. Und der Erfolg schlägt sich auch in Zahlen nieder: Mit 34 349 Besuchern in der vergangenen Konzert-Saison (2008/2009) befinden sich die Duisburger Philharmoniker nach weniger erfreulichen Vorjahren klar im Aufwind (WAZ).

Kostprobe hier: Ein besonderer Moment bei Charlie Chaplins Goldrush

Im Film wird gerade das neue Jahr mit einem Lied begrüßt. Plötzlich legen die MusikerInnen ihre Instrumente beiseite und beginnen zu singen …  und das Publikum singt mit…

Die stARTconference am 24. und 25. September in der Mercatorhalle Duisburg (Programm) wird sich um die Frage drehen, welche Schätze in der Verknüpfung   Hochkultur und Social Media liegen, und wie man diese Schätze heben kann.  Ich bin sicher, dass die eine sehr spannende Konferenz werden wird und ich freue mich schon auf den intensiven Austausch mit den Kulturschaffenden und allen, die mit diesen Fragen beschäftigt sind.

Wer verbreitet wissenschaftliche Information in der Wissensgesellschaft des Internet?

Gutenbergtweet

Gutenbergtweet

(The Gutenberg Tweet, via Historical Tweets)

Wie viele andere Autoren habe ich kürzlich Post bekommen von der VG Wort. Darin bittet die VG Wort mit dem Hinweis auf das Google-Books-Settlement die Autoren urhberrechtlich geschützter Werke um die Übertragung zahlreicher Rechte und Ansprüche. Worum geht es dabei? Im Rahmen des Angebots Google Book Search bietet Google gescannte und teils mit Volltext versehene Bücher zur Einsicht an.  Für dieses Angebot scannt Google urheberrechtlich geschützte Fachliteratur einschließlich der Texte von deutschsprachigen Autoren ein. Anhand der IP-Adresse differenziert Google zwei Nutzergruppen: Bürger in den USA und alle übrigen Internetnutzer. Folglich kann Google den Nutzergruppen unterschiedliche Ergebnisse anzeigen lassen (technisch realisiert durch IP-Blocking). Google scannt gemeinfreie Literatur, deren Autoren vor über 70 Jahren verstorben sind,  wie z.B. “Wirtschaft und Gesellschaft” von Max Weber. Urheberrechtlich geschützte Werke – z.B. Monografien lebender Wissenschaftler – werden von Google, falls überhaupt, nur auszugsweise mit sogenannten”Snippets” angezeigt. Das Google Books Settlement (Erklärung bei Irights.info) beinhaltet unter anderem, dass Google Bücher, soweit sie vergriffen sind, vermarkten darf, indem Internetnutzer Ansichtsrechte einzelner Bücher oder Bibliotheken mit den Volltexten kaufen können. Dafür sichert Google den Autoren, die sich direkt bei Google melden, einen Vergütungsanspruch zu. Im Mai 2009 wurde VG Wort von ihrer Mitgliederversammlung zur Wahrnehmung der Rechte deutscher Autoren gegenüber Google autorisiert. Weiterlesen

Sollten wir im Internet von Unsicherheit anstelle von Sicherheit sprechen?

Spätestens seit Ulrich Becks Zeitdiagnose über die Risikogesellschaft (Frankfurt/Main, Suhrkamp 1986) hat Sicherheit einen sehr hohen Stellenwert. Ende der 1980er Jahre stand die Gesellschaft unter dem Eindruck von ökologischen Katastophen – Stichwort Tschernobyl. Es entstand eine Vielzahl von Untersuchungen, die sich mit Risiko, Sicherheit, Katastrophen und der Logik des Misslingens befasste. Ein Denken in den Kategorien des Risikos haben wir uns längst zu eigen gemacht. Zugleich sind wir im Alltag mit mit vielen vielen Unsicherheiten konfrontiert, d.h. wir müssen mit der Möglichkeit leben, belogen, belogen, beklaut, verleumdet oder auf andere Weise geschädigt zu werden. Wir sind bestrebt, uns vor Betrug, Schädigung, Diebstahl, Verleumdung und vielen anderen Dingen zu schützen, die für uns Katastrophen bedeuten.

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich das Risikomanagement als eine zunächst auf Finanzmärkten, dann in Wirtschaftsorganisationen verbreitete Praxis des organisationalen Rechnens und Entscheidungsgrundlage entstanden. Im Mittelpunkt steht der Value at Risk, der ökonomische Wert, der im Fall einer Katastrophe verschwinden könnte. Wie im Modell von Frank Knight wird in der Praxis des Risikomanagement grob gesagt Unsicherheit in Risiko transformiert, in dem man Ereignisse definiert, die eine (wirtschaftliche) Katastrophe bedeuten, das Ausmaß der Katastrophe in Geldeinheiten bestimmt, dem Ereignis eine Wahrscheinlichkeit zugeordnet, und dann auf Grundlage dieser Vorgaben Berechnungen durchführt, um Risiken zu bestimmen. Ein Unternehmen, das mit vielen Risiken belastet ist, hat auf relevanten Märkten geringere Tauschchancen als ein Unternehmen, das mit weniger Risiken belastet ist. Organisationen tendieren zunehmend zu einem risikoaversen Verhalten; sie versuchen, Risiken zu bestimmen und zu vermeiden (Power, Michael, Organized Uncertainty, 2007).

Im Alltag tendieren wir schon in dieselbe Richtung, wenn wir unser Verhalten anpassen: Wir schließen zahlreiche Versicherungen gegen eine Vielzahl möglicher Schadensfälle ab, wir eignen uns im Alltag ein risikoaverses Verhalten an. Bevor wir uns auf etwas Neues einlassen, checken wir lieber mehrfach und tendieren zu einem vorsichtigen, abwartenden, eher misstrauischen Verhalten. Mit unserer Angst können Versicherungen sehr gute Geschäfte machen, Parteien wählen Sicherheit als Wahlkampfthema, und das Thema Sicherheit ist Geschäftsgrundlage für etliche Wirtschaftsbranchen und viele Berufsgruppen. Damit entstehen zwei große Probleme: 1. Auch bei noch so elaborierter Kalkulation -unter Zuhilfenahme immer komplizierterer Formeln, unter Berücksichtigung von mehr Variablen – die Unsicherheit eines möglichen Scheiterns verschwindet nicht. 2. Wenn die Bereitschaft in der Bevölkerung zurückgeht, etwas Neues zu wagen (einen Unternehmen zu gründen, ein Geschäft abzuschließen, eine Finanztransaktion durchzuführen), werden wir langfristig immer weniger davon sehen. Wir meiden das Risiko umso stärker, je mehr wir wissen, dass wir bestraft werden, wenn wir uns vorwagen einlassen und damit scheitern.

Ich würde mich über Reaktionen auf diese Frage freuen: Sollten wir – in der Gesellschaft, im Wirtschaftsverkehr und im Internet – nicht besser von “Unsicherheit” anstelle von “Sicherheit” und “Risiko” sprechen?

These dazu: Sicherheit ist eine Illusion. Tatsächlich leben, arbeiten, wirtschaften wir, online und offline, unter den Bedingungen von Unsicherheit (vgl. in Bezug auf das Wirtschaftsleben z.B. Beckert, Grenzen des Marktes, Frankfurt/Main: Campus 1997). Wir wissen im Alltag nicht, aus welchen Ecken die Katastrophen auf uns zurollen. Würden wir uns so damit beschäftigen wie das Risikomanagement vorsieht und wie es ein Mensch tun würde, der bestrebt ist, sich ökonomisch rational im Sinne des Modells des Homo Oeconomicus zu verhalten, müssten wir alle Quellen von Unsicherheit identifizieren, ihren Schadensumfang und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmen (bzw. das zumindest versuchen). Damit würden wir damit Berechnungen anstellen und unsere Entscheidungen darauf basieren (im Sinne einer ‘perfekten Anpassung’) – wir wären nicht mehr handlungsfähig. 1. Selbst wenn wir unser komplettes Zeitbudget und unsere gesamten kognitiven Fähigkeiten für das Auffinden möglicher Quellen von Unsicherheit aufwenden würden, gäbe es immer noch unentdeckte Katastrophen (vor allem jenseits des erlernten Berufs). 2. Zudem würde die Unsicherheit durch all diesen Aufwand nicht verschwinden. 3. Wir würden handlungsunfähig, weil unsere Ressourcen gebunden wären und wir uns auf nichts Neues mehr einlassen könnten. Konsequenz: Auch unter den Bedingungen von Unsicherheit müssen wir entweder Vertrauen entwickeln oder auf bestimmte Vorzüge des Internet, die das Leben angenehmer und bequemer machen können, verzichten. Wir brauchen eine Diskussion über das gute, vertrauenswürdige Internet, obgleich wir genau wissen, dass auch Personen, Gruppen und Organisationen im Netz unterwegs sind, die es auf die Schädigung anderer absgesehen haben. Sicherheitsexperten erbringen punktuell – in Bezug auf jeweils einen bestimmten Typ von Unsicherheit –  viele sehr wertvolle Beiträge und werden deshalb dringend gebraucht – nur eben nicht allein, sondern im Zusammenwirken mit uns allen.

Anschauungsmaterial dazu liefert unter anderem dieses kleine Video. Darin demonstriert Ruben Unteregger (Blog) wie man über das Internet einen arglosen Bankkunden beraubt – gut, die Software ist jetzt verbreitet, der Quellcode sogar öffentlich einsehbar – Geschäftsbanken dürften ihre Schlüsse für das Onlinegeschäft gezogen haben – aber schauen wir doch da mal vorbei: Da wird aus einem Basisprogramm und einer Schadroutine (bösartigen Code, welcher im Hintergrund ohne Wissen der Opferperson ausgeführt wird) ein  Trojaner zu erzeugt, der sich auf dem Computer des Opfers einnistet und einem Fremden ermöglicht, den Bankkunden auszurauben:

p.s. Da ich die Frage vor dem Hintergrund des Interesses zum Problem des Vertrauen im Netz stelle, und weil derzeit sehr hitzig über Ordnungsregeln für das Internet diskutiert wird, wäre ich für Einschätzungen und Meinungen sehr dankbar.

Update: 30.08. Das Video ist aus dem Internet entfernt worden.

Regionalkonferenz DGS – Strukturwandel zu Metropolen?

Im Vorfeld der europäischen Kulturhauptstadt 2010 richtet die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) am 28.-30. September 2009 ihre erste Regionalkonferenz im Ruhrgebiet aus aus, also eine Konferenz, die sich eingehend mit den Eigenheiten, Entwicklungschancen und Problemen einer Region befasst.

Der Großraum Ruhrgebiet stand bis in die 1950er Jahre für körperliche Arbeit in der Schwerindustrie, ab den 1960er Jahren für den Strukturwandel weg von einer durch Schwerindustrie geprägten Arbeits- und Produktionskultur hin zu einer vielfältigen Kulturregion. Fragen, die die Regionalkonferenz aufgreifen wird, sind z.B. Wie vollzieht sich der Strukturwandel en detail? Handelt es sich bei der Agglomeration im Ruhrgebiet um eine Metropolregion im traditionellen Sinn? Oder ist das Ruhrgebiet erst eine Metropolregion im Entstehen? Charakteristisch für Metropolregionen sind ein beschleunigter Wertewandel, die Herausbildung neuer Lebensformen und Alltagskulturen, wie z.B. städtebauliche Großprojekte, Messen, Kulturfestspiele und Sportevents, aber auch Merkmale wie Zuwanderung geringqualifizierter Erwerbswilliger, Facharbeiter und Akademiker, Wettbewerb um knappe Ressourcen, kulturelle Attraktivität und wissenschaftliche Infrastruktur.

Ich hab’ mich angemeldet und freu mich schon.

Geh bitte hin


(Geh’ nicht hin! via Reizzentrum, CARTA)

Bitte geht zur Bundestagswahl, gleich ob Ihr Kreislauf oder Fuß habt, denn die Wahl ist einfach zu wichtig, um eine Entscheidung zu treffen, die man hinterher bereut. Manch einer hat vielleicht noch nicht entschieden, welche Partei schlussendlich die Stimme bekommen soll, aber um diese Zeit weiß doch schon recht genau, welche Kräfte die Stimme garantiert nicht bekommen werden. Ganz ehrlich, ich hoffe, manch ein Vertreter einer offenbar bevölkerungsverdrossenen Politikergeneration wird noch wünschen, die Generation C 64 wäre so politikverdrossen, wie sie behauptet.

Eine feine Übersicht über den Posterwahlkampf hat Malte Politicus zusammengestellt. Eine tabellarische Zusammenschau der wichtigsten  Wahlkampfthemen gibt’s bei Till Westermeyer. Empirische Analysen der Stimmungslage auf Grundlage von Umfragedaten (Sonntagsfrage)  findet Ihr bei wahlrecht.de . Ein neueres Prognosetool auf Grundlage eines Aktienhandels auf Parteien, Kandidaten und mögliche Regierungskoalitionen (Wette auf bestimmte Wahlergebnisse) bietet die Soziologie an der LMU München unter dem Titel “Wahlstreet” an. Ja, und dann gibt es ja noch dieses Internetzzzz: z.B. AbgeordnetenwatchPolitik digital, Wahlgetwitter und Wahl.de. Da mir bei der Europawahl das ZDF-Projekt Wahlimweb gut gefallen hat, werde ich mir am 27.09. einen Grossteil des Verlaufs vom Wahlabend dort anschauen.

Tagungsankündigung: Verwaltungsmodernisierung – eine Aufgabe der Soziologie

Am Freitag, 16. und am Samstag, 17. Oktober findet in Fröndenberg/Ruhr (bei Unna) die dritte Tagung der Fachgruppe Verwaltung des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen statt. Das Thema lautet: Verwaltungsmodernisierung – Eine Aufgabe der Soziologie.

Zu diesem Thema treffen sich Soziologinnen und Soziologen, die in der Verwaltung arbeiten, über Verwaltung forschen oder Verwaltungen beraten. Ziel der Fachgruppe Verwaltung im Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen (BDS) ist es, die soziologische Arbeit innerhalb der öffentlichen Verwaltung und den soziologischen Blick auf die Verwaltung zu stärken und miteinander zu verbinden. Das Thema Verwaltungsmodernisierung spricht dabei eine Vielzahl von Praktikern an, die in der Personalwirtschaft, in Organisationsabteilungen oder auch als Berater arbeiten oder von organisatorischen Veränderungen betroffen sind. Die Tagung dient auch der Vernetzung in der öffentlichen Verwaltung tätiger Soziologinnen und Soziologen und dem Erfahrungsaustausch in Fragen der Verwaltungsmodernisierung.

Folgende Referate sind bisher vorgesehen:

  • Uwe Marquardt, Düsseldorf: Arbeitsbereiche von Soziologen in der Verwaltung
  • Heiko Kosow. Regierungsvizepräsident a.D.: Veränderungsprozesse bei einer Bezirksregierung in NRW
  • Dr. Lars Holtkamp: Bürgerkommune
  • Dr. Erich Behrendt, imk-media Recklinghausen: Projektmanagement/E-Government und deren Rolle bei Veränderungswiderständen
  • A. Menge, Leslie Czienienga, Prosoz HerneIT-gestützte Steuerungsprozesse in Kommunen
  • Dr. Ingrid Barb-Priebe, Fortbildungsakademie Herne: Unterstützung von Reformprozessen durch Fortbildung und Beratung

  • Dr. Carsten Stark, FHVR Hof: Verwaltungsmodernisierung und Personalentwicklung im Freistaat Bayern. Finanzwesen und Polizei im Vergleich.
  • Dr. Elke Wiechmann, Fröndenberg: Verwaltungsmodernisierung und Gleichstellung
  • Prof. Dr. Peter Graeff, Universität der Bundeswehr München: Compliance. Möglichkeiten und Grenzen von Korruptionsbekämpfung in Organisationen
  • Ina Hundhammer-Schrögel, FHVR Hof: Integritätsmanagement
    Michael E.W. Ney, Bremen: Fallmanagement in der Kommunalverwaltung am Beispiel der Arbeitsmarktintegration
  • Dr. Horst Wietert-Wehkamp:Solingen, Soziale Innovationen im Kontext kommunaler Steuerungsprozesse

Die Unterbringung erfolgt im Hotel am Park in Fröndenberg. Bei Anreise zu Mittag und bei Abreise am folgenden Tag nach dem Mittagessen beträgt der Komplettpreis 85 Euro einschließlich 2x Mittagessen, 1xAbendessen, 1xKaffee und Kuchen und Tagungsgetränke zuzüglich Obst und natürlich Übernachtung mit Frühstück. Verbindliche Anmeldungen von Teilnehmern werden bis spätestens 31. Juli erbeten.

Anmeldeadressen:

Update 14.08.09: Interessierte können sich auch jetzt zur Tagung anmelden. Bitte wenden Sie sich dafür direkt an Herrn Uwe Marquardt.

Urlaubsfeeling & für ein paar Tage offline

urlaubsfeeling

urlaubsfeeling

Bild: Renate Guenther

Entwarnung in Sachen Internetsperren?

Mit Befremden und Entsetzen haben Guido Möllering und ich während unserer Arbeit am gemeinsamen Papier zur Problematik des Vertrauens im Internet verfolgt, wie Bundestag und Bundesrat auf Initiative der Familienministerin Ursula von der Leyen das #Zugangserschwerungsgesetz durchgeboxt haben. Wir sind darin einig, dass mit Zugangssperren per staatlicher Governance und technischen Filtern garantiert kein vertrauenswürdiges Internet entsteht (siehe meine Beiträge dazu 1, 2). Und nun könnte die ePetition gegen das Gesetz zur Indizierung und Sperrung von Internetseiten mit ihren ca. 134.000 Unterschriften (darunter meine) am Ende doch noch erfolgreich sein?! Zumindest für drei Monate, schreibt Henning Ernst Müller im beck-blog:

Überraschung? Nicht für beck-blog-Leser. Aufgrund des hier im beck-blog erstmals von Herrn Prof. Hoeren vorgebrachten europarechtlichen Einwands (erforderliches Notifizierungsverfahren) kann das Zugangserschwerungsgesetz vorerst nicht in Kraft treten, sondern frühestens in drei Monaten.

Thomas Stadtler vermutet andere Ursachen:

Diese Begründung klingt abenteuerlich, wenn man bedenkt, dass Bundesregierung und Bundestag sich bislang wenig um die erheblichen verfassungsrechtlichen Bedenken die gegen das Gesetzesvorhaben vorgebracht worden sind, gekümmert haben, sondern das Gesetz im Eiltempo noch vor den Wahlen durch das Parlament gepeitscht haben. Soll also jetzt tatsächlich ein bloßes Stellungnahmeverfahren, das eine EU-Richtlinie vorsieht, ein Hindernis darstellen? Weil das unwahrscheinlich klingt, werden Stimmen laut, die andere Ursachen vermuten und unterstellen, das BKA hätte es bislang nicht geschafft, eine ausreichende Sperrliste zur Verfügung zu stellen, weil man schlicht feststellen musste, dass es (außerhalb der EU) gar nicht genug Websites mit eindeutig kinderpornografischem Content gibt, die zu sperren wären.

Variante 1 würde mich ja hoffnungsfroh stimmen. Variante 2 dürfte dem wachsenden Misstrauen gegen die amtierende Bundesregierung erneut Futter geben. Einen sehr guten Beitrag zum umstrittenen Sperrgesetz von Ursula von der Leyen – er favorisiert Variante 1 – hat gestern das Kulturmagazin ASPEKTE vom ZDF gesendet:

(Video via Netzpolitik).

Nachtrag 02.08.09: Inzwischen hat Ursula von der Leyen in einem Interview gegenüber dem Hamburger Abendblatt gesagt, sie möchte den “Kampf gegen den Schmutz” im Internet verschärfen und erweitert ihre Vorhaben – genau wie ich zuvor befürchtet habe – nun auf “rechte Inhalte” (Heise). Netzpolitik vermutet nicht unplausibel die Möglichkeit weiterer Internetsperren, 50Hz fordert nachdrücklich den öffentlichen Dialog mit der Bundesministerin ein.  Das Law Blog kommentiert sehr treffend: “Die Meinungsfreiheit als Sondermüll“. Franz Patzig schreibt: “Von der Leyen – an Infamie kaum noch zu überbieten.” Da sich, wie der Nachrichtenaggregator Rivva am 02.08.09 zeigt, die Stimmung heute erneut aufgeladen hat, folgt sogleich ein Dementi der Bundesfamilienministrerin: “Von der Leyen stellt klar – keine weiteren Sperren” (Welt). Von der Leyen hat doch nicht etwa bemerkt, dass sie es mit Erwachsenen, ja Wählern, zu tun hat?! Und bevor ich vor meinem geistigen Auge weiterhin Walter Ulbricht vor mir sehe, schalte ich dieses Internetz für heute ab.

Update 03.08.09: Vorerst wird es vermutlich keine Entwarnung geben können – nicht solange staatliche Governance des Internet mithilfe von Filtern und Internetsperren weiter auf der Agenda der politischen Parteien steht und Parteien im Wahlkampf versuchen, Wählerstimmen zu gewinnen, indem sie den älteren Bürgern vor der Generation der Internetnutzer und -gestalter Angst machen. Der Artikel “Aufstand der Netzbürger” (SPIEGEL) ist zwar in vielen Punkten kritikwürdig; zutreffend ist aber immerhin der Kern eines wachsenden Generationengrabens (Matthias Schwenk) die Etablierung von Netzpolitik als neuem mobilisierungstauglichem Politikfeld. (Christoph Bieber). Dass von der Leyen gelogen hat, durften wir bereits vor längerem bei Thomas Knüwer erfahren [1,2]. Von der Leyens Dementi in der WELT, es gehe ihr ‘jetzt’ um den Kampf gegen die ungehinderte Verbreitung von Bildern vergewaltigter Kinder, ist kein überzeugendes Dementi im Hinblick auf weitere Internetsperren. Nicht überzeugend, findet der AK Zensur. Prompt tritt auch die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten mit eigenen Sperrvorhaben auf den Plan. Drastischer möchte ich das Dementi der Bundesministerin auch als Versuch im Bundestagswahlkampf deuten, Beruhigungspillen zu verteilen und sich den erbosten jungen Wählern anzubiedern. Ich bezweifle, dass dieser Versuch von Erfolg gekrönt sein wird und werde gern mit meiner Stimme am 27.09.09 dazu beitragen, dies zu verhindern.

Leseempfehlungen zum Wochenende

Mit Freude stelle ich immer wieder fest, dass neue spannende soziologische Weblogs auftauchen, von Promoventen und Nachwuchswissenschaftlern, von Professoren, z.T. nach der Emeritierung. Dabei sind sehr spannende Weblogs, die im strengen Sinn wissenschaftlich sind, aber auch solche, die an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Journalismus unterwegs sind.

  • Bereits seit einiger Zeit in meiner Blogroll ist das Weblog Economic Sociology von Brooke Harrington, die bei der Gruppe Contexts publiziert. Das von Brooke Harrington herausgegebene Buch “Deception. From Ancient Empires to Internet Dating” (2009) hatte ich zuletzt besprochen. Es ist für eine breite Leserschaft geeignet und regt mit seinen kontroversen Beiträgen zum Nachdenken über Betrug, Lüge etc. an.  Super anschaulich schreibt Brooke Harrington auch in ihrem Blog “Economic Sociology“.
  • Kai Dröge von der Universität Frankfurt war mir vor dem neuen Netz schon bekannt, weil ich einen Beitrag in Harald Mieg/Michaela Pfadenhauer “Professionelle Leistung – Professional Performance” in grauer Vorzeit für eigene Schriften verwendet hatte. In seinem Blog “Romantic Entrepreneur” notiert Kai Dröge gemeinsam mit Oliver Voirol Überlegungen und Diskussionen rund um das soziologische Forschungsprojekt Online Dating. Mediale Kommunikation zwischen romantischer Liebe und ökonomischer Rationalisierung.
  • Die Forschungsgruppe “Grenzüberschreitende Institutionenbildung” von Prof. Sigrid Quack Leonhard Dornbusch und weiteren Autoren am MPIfG bloggt in englischer Sprache und mit einer kritischen Note auf “Governance across borders”Wirtschaftlichen, sozialen und politisches Handeln wird in modernen Ökonomien wird zunehmend durch politische Governance auf nationaler, europäischer und globaler Ebene geprägt, und sie lässt neue Ordnungsstrukturen entstehen. Dies wirft Frage auf, wie grenzüberschreitende Institutionen entstehen und wie sie unser Leben verändern. Sehr spannend.
  • Klaus F. Röhl ist Rechtssoziologe und emeritierter Professor an der Ruhr-Universität Bochum und Pionier mit seinem Projekt RSOZBLOG, wo er Rechtssoziologie und Themen rundherum per Weblog für ein breiteres Publikum anschaulich vermittelt. Eine wunderbare Quelle für aktuelle Themen rund um die Rechtslehre und Rechtssoziologie. Mit Durkheim im Ohr ist das Recht ja überhaupt der Faktor, der die Gesellschaft zusammenhält, wenn sie sich gute (konsistente & legitime) Regeln gibt, oder die Gesellschaft auseinandertreibt, wenn sich die Gesellschaft schlechte (z.B. widersprüchliche oder illegitime) Regeln gibt. Gesellschaftliche Ordnungsstrukturen haben vielfach die Form von Recht, ihr Wandel und Machtverhältnisse schlagen sich im Recht nieder. Schon allein deshalb lohnt es sich für Sozialwissenschaftler und solche, die es werden wollen, ab und an bei den Juristen wie z.B. beck-blog, Law Blog, Internet Law oder Kriegs-Recht vorbeizuschauen.