Tagesarchiv: August 26, 2008

Extra-leichtes Heizöl, Laptops und Mädchenröcke. Plädoyer für aussagekräftigere Sozialstatistiken am Beispiel Preise

Irritierend, wie zufrieden sich die große Koalition ein Jahr vor der Bundestagswahl 2009 präsentiert, obgleich die Wirtschaft bereits schrumpft, die Erwerbslosigkeit nach wie vor hoch ist, viele Erwerbstätige in in zeitlich befristeten und gering vergüteten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten und sich die Schere der Einkommen und Vermögen weiter öffnet (dies mal abgesehen davon, dass CDU und SPD um die Wette an Mitgliedschaft einbüßen). Ver.di berichtete im September 2007, dass 2,5 Millionen Deutsche mit Armutslöhnen, 440 000  sozialversicherte Vollzeitbeschäftigte sogar auf Hartz IV angewiesen sind. 18 Prozent aller Erwerbstätigen sind Mini-Jobber, weitere 600.000 Beschäftigten arbeiten als Ein-Euro-Jobber. Auch die Zahl der Leiharbeiter habe sich mit 650.000 gegenüber 2003 verdoppelt. Erst heute wurde eine soziologische Studie bekannt, derzufolge die Realeinkommen von Geringverdienern in den vergangenen Jahren um fast 14 Prozent gesunken sind. Betroffen sei ein Viertel der Arbeitnehmer, sagte Gerhard Bosch vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Dagegen habe das oberste Viertel der Beschäftigten zwischen 1995 und 2006 ein reales Lohnplus von 3,5 Prozent verbucht [ZEIT, FR; WSI 08/2008]. Kürzlich hatte ich darüber geschrieben, dass ausgehend von der US-Immobilienkrise die Rezession aus den Vereinigten Staaten rasch zu uns nach Deutschland herüber schwappt und sich unter den Bedingungen des Finanzmarktkapitalismus drastischer auswirkt als in der “Deutschland AG” bis Mitte der 1990er Jahre. Kaum zwei Tage nach dem Beitrag mehrten sich Presse- und Analystenstimmen, die auch in Deutschland von einer Rezession schrieben. Unter den Bedingungen der einsetzenden Rezession dürfte sich die Lage noch ein gutes Stück weiter zuspitzen.

verbraucherpreisindex

verbraucherpreisindex

Im Zusammenhang mit der angeknündigten neuen Energie-Preisrunde möchte ich mich mal der Inflation zuwenden. Zwar wird kaum jemand meinem subjektiven Eindruck der ‘gefühlten’ Preissteigerung widersprechen, doch wirklich erschreckt bin ich erst, als der individuelle Inflationsrechner bei Destatis für mich knapp die doppelte der durchschnittlichen Inflation auswies. Allerdings bleibt der jährliche Gesamtpreisindex für den Einzelnen eine abstrakte Statistik mit geringem Nutzen. Aufschlussreicher wird die Statistik bereits, wenn man sich die Aufschlüsselung nach Produkten anschaut: Zitronen, extra leichtes Heizöl, Gas, Mehl, Pflanzenöl und Nudeln haben sich drastisch verteuert, Mädchenröcke, Personalcomputer und Musikdownloads sind günstiger geworden. Superbenzin und Dieselsprit unterliegen einer starken Inflation. Bei  Bierpreisen in der Gastronomie bleibt die Preissteigerung hingegen moderat [Preismonitor Destatis].

Anders als der persönliche Inflationsrechner von Detstatis suggeriert, ist jedoch die individuelle Betroffenheit von den Preissteigerungen nicht Schicksal oder Dummheit, sondern Ergebnis biographischer Faktoren und sozialer Lagen. Damit kommen soziale Faktoren ins Spiel, welche der Einzelne kurzfristig durch Kaufs- oder Verkaufsentscheidungen nur sehr bedingt ändern kann. Der persönliche Preisindex von Destatis spiegelt – so mein Verdacht – eher die soziale Lage als begüteter oder eben weniger begüterter Konsument wieder, und eine über- oder unterdurchschnittliche Preissteigerung ergibt sich nach dem Destatis-Index als Konsequenz aus der sozioökonomischen Lage. Da arme und von Armut bedrohte Menschen einen Großteil ihres Einkommens für Wohnung, Grundversorgung und Nahrungsmittel aufwenden müssen und die Teuerung in diesen Bereichen während der vergangenen 12 Monate besonders drastisch ausfiel, ist diese Gruppierung überdurchschnittlich von der Inflation betroffen [siehe auch Spiegel]. Besonders hart sind diejenigen von den aktuellen Preissteigerungen betroffen, bei denen Armut bzw. sozialer Abstieg mit spezifischen sozialen Problemlagen zusammen treffen, die Unsicherheit schaffen: Arbeitslosigkeit, Trennung eines Elternpaares, ein Pflegefall, Überschuldung oder eine Kombination solcher Problemfaktoren. Das Institut für Finanzdienstleistungen weist 3,5 Millionen Haushalte mit Überschuldung auf und macht deutlich, dass 80 Prozent der Überschuldeten arm sind [IFF-Studie 2008; Dörre APUZ 2008].

Ich würde mir einen sozialwissenschaftlich informierten persönlichen Preisindex wünschen, der soziale Ungleichheit besonders berücksichtigt. Der sollte nicht individuelle Konsumentscheidungen zugrunde legen und lediglich Produktgruppen gewichten, sondern zunächst in Form einer Online-Umfrage Basisdaten über die soziale und wirtschaftliche Lage des Verbrauchers abfragen, Warenkörbe separat nach Konsummustern der Unter-, Mittel- und Oberschicht zusammenstellen und auf Grundlage der Kombination von sozialer Lage des Verbrauchers und ‘typischen’ Unter-, Mittel- und Oberschicht-Warenkörben eine individuelle Inflation berechnen. Analog würde ich mir auch sozialwissenschaftlich informierte Gesamtpreisindizes wünschen, welche die Inflation ausgehend von sozialer Schichtung untersuchen, Preissteigerungen für Ober-, Mittel- und Unterschichthaushalte separat ausweisen und nach demographischen Basisdaten gewichten. Bei diesem Zugang würde also der Mensch in seiner sozialen Lage in den Mittelpunkt der Inflationsberechnung gestellt.

Selbstverständlich würden mit dieser Form der Statistik allein weder Armut noch Preissteigerungen bekämpft, doch ließe sich klarer zeigen, dass arme und von Armut bedrohte Menschen typischen Strukturmustern und Zeitabläufen folgend von Inflation betroffen sind, und dass Inflation bei bestimmten Gruppen eher ins wirtschaftliche Aus führt als bei anderen. Preisindizes, die soziale Lagen berücksichtigen, würden transparent machen, dass Inflation die klassischen Problemlagen verschärft, die ohnehin eine Armutsgefährdung bedeuten, und zwar bei den für Unterschichthaushalte wichtigen Produkten wie Nahrungsmittel und Energie in besonders drastischer Weise. Die so geschaffene Transparenz könnte eine geeignete Argumentationsgrundlage für die politische Steuerung liefern, um Preissteigerungen in kritischen Produktgruppen in Kenntnis der Strukturmuster und Verläufen steuernd entgegenzuwirken, um Anreize für die private Vorsorge für die Bürger zu schaffen bzw. zu verbessern und um von Armut bedrohte oder betroffene Bürger besser zu beraten. Andererseits könnten z.B. sozialhilfeabhängige Haushalte vor dem Hintergrund ihrer Daten nachdrücklich argumentieren, wie viel drastischer als im Durchschnittshaushalt sich die enormen Preissteigerungen bei Basisgütern wie Lebensmitteln und Energie in ihrer Haushaltskasse niederschlagen, und sie könnten aufzeigen, an welcher Stelle sie mit den gegebenen Sozialhilfesätzen an Grenzen ihrer Einsparmöglichkeiten kommen.